Kolumne: Unterwegs zur Seele

Innere Sehnsucht: Die Seele versteht das "Heilige"

Aktualisiert am 17.12.2020  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Heilige Familie, Heilige Schrift und Co.: Das "Heilige" ist ein Begriff, der heute meist nur noch in der Kirche verwendet wird. Doch dabei steht dieses Wort für viel mehr als Religion – es drückt eine dem Menschen innewohnende Sehnsucht aus.

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"Heilig", ein Begriff, der sich im Säkularen zu verflüssigen scheint und einzig in der Kirche noch einer nennenswerten Dramatik folgt: Heilige Schrift, Heiliger Geist, Heiliger Vater, die Sakramente, und jetzt zu Weihnachten: die heilige Familie. Im Weltlichen ist die "Verheiligung" ins Profane abgedriftet. Kunst, Tai Chi, Diego Maradona: der Heiligenschein baut sich über allem auf. Heilig ist ein Wort, das unserem profanen Alltag Zauber, Tiefe und Rätselhaftigkeit verleiht. Eine Redensart hat es zu beinahe kultischer Verehrung in sehr vielen Lebensbereichen geschafft: "Die Heiligkeit des Lebens".

Aber stimmt das auch, ist das Leben heilig? Was heilig ist, ist nicht profan und umgekehrt. Heilig ist das eigentlich Unbenennbare, das Tabu. Inhalte und Bewohner des Heiligen sind dem Zugriff des Menschen entzogen und geschützt durch kategorische Ge- und Verbote – nicht nur im Christentum. Während das Heilige zugleich das Geheimnisvolle, das Mysterium meint, ist das Leben, das Kreatürliche, dem Forschungsdrang des Menschen freigegeben, partiell für ihn sogar manipulierbar. Das gilt nicht für die christliche Sicht auf das Heilige, das der Transzendenz zuzuordnen ist.

Kirche muss Begriff "heilig" in Gesellschaft präsent halten

Niemand wird infrage stellen, dass das Leben in seiner Beständigkeit, seiner Einmaligkeit, Vielfalt und Tiefe und vor allem in seiner Unverfügbarkeit heilig genannt werden kann. In der aktuellen bioethischen Diskussion wird gerade diese Unverfügbarkeit heftig infrage gestellt. Im religiösen Sinne allerdings sollte man das Adjektiv "heilig" durchaus hinterfragen dürfen: Die Ehrfurcht vor dem Leben und der Schutz des menschlichen Lebens lassen sich im Christlichen vermutlich nur durch den Verweis auf Gottes Gebot rechtfertigen. "Alle Versuche, das Leben aus sich heraus für heilig zu halten münden in naturalistische und vitalistische Positionen, die die Natur vergöttlichen", schreibt der Theologe Karsten Lehmkühler.

Der Glaube daran, dass Gott sich in seiner Schöpfung, also in der Natur sowie im gesamten Universum offenbart, dieser Glaube ist unstrittig - auch in der Theologie. Die Kirche jedenfalls hat den Auftrag, das Gespräch über das in ihrem Sinne Heilige in Gang zu halten, mehr noch: es zu weiten. "Früher feierten die Kirchen das Heilige, heute predigen sie das Profane und singen im Chor der Rechtschaffenen", mahnt der Publizist Ulrich Greiner.

Weil sich heute alles "spirituell" aufladen und damit sakralisieren lässt, kann die Frage nur lauten: Zeigt sich im sogenannten Heiligen ein universeller Geist oder zeigt er sich nicht? Es geht dabei um mehr als ein subjektives Empfinden: Vielmehr geht es darum, ob eine Gesellschaft ohne die Kategorie des Heiligen überhaupt eine Ethik zementieren kann, die das heutige Leben mit all seinen Extremen zu bändigen weiß. Die Rede vom Heiligen ist also gerade nicht ein verstaubtes, rückwärtsgewandtes Streben von traditionellen Frömmlern, sondern benennt eine Sehnsucht, die vielen Menschen innewohnt. Das Heilige ist ein Wert, der rational nicht erklärt werden kann, aber womöglich versteht ihn die Seele. Dann nämlich, wenn sie es spürt: das Erschauern vor der Heiligkeit eines Augenblicks.

Von Brigitte Haertel

Die Autorin

Brigitte Haertel ist Redaktionsleiterin von "theo – Das Katholische Magazin".

Hinweis: Der Artikel erschien zuerst im "theo"-Magazin.