Standpunkt

Totengedenktage können auch im säkularen Kontext ermutigen

Aktualisiert am 02.11.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Der November gilt gemeinhin als "Totenmonat". Ricarda Menne fragt sich, welche Ermutigungen und Herausforderungen die Gedenktage für diejenigen bereithalten, die nicht mehr zur Gräbersegnung auf den Friedhof gehen – und sieht einige Ansätze.

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Bei einem kürzlich gehörten Vortrag zu "Relevanz, Herausforderungen und Potenzialen christlichen Glaubens im säkularen Kontext" blieb mir eine der Kernthesen des Referenten im Kopf. Auf die Frage, was der christliche Glaube einer pluralen und säkularen Gesellschaft geben könne, sagte er sinngemäß, es mangele den säkularen Öffentlichkeiten am Sinn-Verstehen.

Eine Dimension des christlichen Glaubens wäre demnach die Ermutigung und Herausforderung, auf die Suche nach dem Sinn im Leben zu gehen und zugleich Ungewissheiten und tatsächliche oder vermeintliche Sinnlosigkeit auszuhalten. Ob der Suchende seine Antworten im christlichen Glauben oder außerhalb davon findet spielt dann eine untergeordnete Rolle.

Vor uns liegt der November – der "Totenmonat". Welche Ermutigung oder Herausforderung halten die Totengedenktage für diejenigen bereit, die nicht (mehr) den Weg zur Gräbersegnung auf dem Friedhof finden? Die nicht an ein ewiges Leben nach dem Tod glauben?

Allerheiligen. In der Sprache der Kirche: Hochfest und Gedenktag aller Heiligen. – Ins Säkulare übersetzt: Welche Menschen inspirieren mich mit ihrem selbstlosen Tun? Mit ihrem Idealismus oder ihrer Bodenständigkeit? Mit ihrer Bereitschaft, persönliche Nachteile um eines höheren Gutes Willen in Kauf zu nehmen? Ihrer Fähigkeit, Leid und Unrecht wahrzunehmen und zu lindern oder zu bekämpfen? Und wo bin Inspiration für andere? Welche Verantwortung wächst mir daraus zu?

Allerseelen bzw. als evangelisches Pendant der Totensonntag. Gedenktag aller Verstorbenen. – Hat der Gedanke, dass die Menschen, die mir nahestehen, eines Tages sterben werden, einen Platz in meinem Leben? Ändert das mein Verhältnis zu ihnen? Welchen Platz hat meine eigene Sterblichkeit im Leben? Welche Hoffnungen und Träume habe ich im Laufe meines Lebens schon begraben (müssen)? Konnte ich angemessen darum trauern? Und was kann und möchte ich eigentlich in aller Ruhe sterben lassen, statt es weiter mit mir herumzuschleppen?

Volkstrauertag. Kein religiöser Feiertag im engeren Sinne, und noch dazu ambivalent in einem Land, auf dessen Konto die beiden Weltkriege gehen. In Frankreich und Großbritannien stehen – vielleicht für unseren Geschmack etwas pathetisch – diejenigen im Mittelpunkt des Gedenkens, die ihr Leben für ihr Vaterland gaben. – Inwiefern verstehe ich mich nicht nur als Individuum, sondern auch als Teil einer Gesellschaft, nicht nur mit Rechten sondern auch mit Pflichten dieser Gesellschaft und ihren Mitgliedern gegenüber? Eine Frage, die angesichts der tiefen Risse in unserer Gesellschaft und der noch auf uns zukommenden Krisen an Dringlichkeit gewinnt.

Von Ricarda Menne

Die Autorin

Ricarda Menne ist Lehrerin für Englisch, Geschichte und katholische Religion. Außerdem ist sie in der Hochschulpastoral der Bergischen Universität Wuppertal tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.