Standpunkt

Wie kirchliche Lehre sein sollte

Aktualisiert am 17.11.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Während viele Äußerungen vom Beginn des Ukraine-Kriegs mittlerweile revidiert werden mussten, hat sich die Erklärung von "Justitia et Pax" gut gehalten, meint Juliane Eckstein. Sie erkennt darin, was kirchliche Lehre generell leisten sollte.

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Am 11. November 2022 wurde Cherson befreit, am 15. November wurde die ukrainische Infrastruktur wieder massiv beschossen, zwei Raketen landeten auf polnischem Staatsgebiet. Anlass genug, um auf den Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine zurückzuschauen. Während zahlreiche Äußerungen von damals revidiert werden mussten, hat sich eine gut gehalten: die Erklärung der Deutschen Kommission Justitia et Pax zum Krieg gegen die Ukraine.

Die Lehre von Krieg und Frieden wurde in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt, auch in dem Maße, wie sich die Art der Bedrohungen und der Kriegsführung änderte. Als jedoch die Russische Föderation einen "altmodischen" Krieg begann, konnte die Kommission auf traditionsreiche Überlegungen zum "Gerechten Krieg" zurückgreifen. Dies tat sie, ohne deswegen die Weiterentwicklung der Lehre in Richtung "Gerechter Friede" zu verwerfen.

Die Erklärung zeigt exemplarisch, wie Kirchliche Lehre sein sollte: ein Wissensspeicher, eine Erinnerung an vergangene Debatten und Lösungsversuche gläubiger Menschen, auf den zurückgegriffen werden kann, wenn sich neue Probleme in großer Dringlichkeit stellen. Gleichzeitig nimmt sie sowohl die Gegenwart als auch neuere Forschungserkenntnisse und Weiterentwicklungen der Lehre radikal ernst.

Die Erklärung von Justitia et Pax erfuhr auch Kritik. Sie würde die Rolle des zivilen Widerstands gering schätzen. Dies war möglich und wurde nicht sofort als "unkatholisch" disqualifiziert. Umgekehrt mussten sich die Kritiken selbst einer Wirklichkeitsprüfung unterziehen. Denn sie übersahen, dass russische Sicherheitsdienste in Tschetschenien, auf der Krim und im Donbas gelernt hatten, zivilen Widerstand effektiv und brutal zu brechen.

Nicht trotz der Kritik, sondern gerade, weil Kritik zulässig war und diese selbst wiederum kritisiert werden durfte, vermochte die Erklärung in einer Phase großer Unsicherheit etwas, was kirchliche Lehre generell leisten sollte: Orientierung geben im Spannungsfeld zwischen dem Evangelium vom anbrechenden Reich Gottes und der Wirklichkeit, in der dieses Reich noch lange nicht voll entfaltet ist.

Von Juliane Eckstein

Die Autorin

Dr. Juliane Eckstein ist Theologin und Alttestamentlerin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.