Standpunkt

Die Kirche muss die eigene Minderheitensituation aushalten

Aktualisiert am 20.01.2023  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Gehen den Kirchen in Deutschland nur die Mitglieder verloren oder nimmt auch die Relevanz von Religion allgemein ab? Die Zahlen sprechen eine klare Sprache, schreibt Andreas Püttmann – und schlussfolgert daraus Aufgaben für die Kirchen.

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Was der Mensch wünscht, glaubt er gerne. Wer in den letzten Jahrzehnten eine "Entchristlichung" diagnostizierte, wurde von Schlaumeiern in vermeintlich höherer Subtilität belehrt, schrumpfende Gottesdienst-Gemeinden zeugten bloß von "Entkirchlichung". Ein Memorandum deutschsprachiger Theologen behauptete 2011, die aus der Kirche Ausgetretenen hätten nur "ihr Glaubensleben privatisiert, um es vor der Institution zu schützen". Die Säkularisierungsthese namhafter Religionssoziologen drang kaum durch, kirchenorientierte Defizitanalysen dominierten. Das "Jesus ja, Kirche nein!" trübte den Blick auf religiös grundstürzende zivilisatorische Entwicklungen in der ganzen westlichen Welt. Studien, die die zentrale Bedeutung des Kirchgangs für die Glaubensbiographie betonten, wurden ignoriert.

Die Empörung über immer neu enthüllte Missbrauchsfälle – Bistum für Bistum in Tranchen serviert und so als Skandal über Jahre gestreckt – mag die Zahl gläubiger Austretender erhöht haben. Doch der Hauptbefund sticht auch im neuen Bertelsmann-Religionsmonitor hervor: Nicht nur die tradierte Gestalt von "Volkskirche" stirbt, sondern der christliche Glaube selbst verlor massenhaft an Plausibilität. Von den Kirchenmitgliedern mit Austrittsabsicht nennen sich nur 7 Prozent "sehr" oder "ziemlich religiös", für 12 Prozent ist Religion ganz allgemein im Alltag wichtig. Für die anderen nicht.

Der Anteil aller Deutschen, die "nie" beten, stieg in zehn Jahren von 32 auf 43 Prozent. Zieht man von den 16 Prozent, die sich als "sehr religiös" bekennen, Gläubige anderer Religionen ab, landet man bei etwa einem Zehntel der Gesellschaft, das noch von christlichem Glauben durchdrungen ist. Etwa so viele sind halbwegs regelmäßig im Gottesdienst. Ein kirchenunabhängig nur privat gelebtes Christentum als relevante religiöse Größe ist eine Chimäre. Jedenfalls wenn man es nicht auf Moral reduziert. Und selbst da unterscheiden sich kirchennahe und -ferne Befragte im Durchschnitt signifikant.

Für die Kirchen bedeutet dies, dass sie den Kern christlichen Glaubens in einer großen theologischen, religionspädagogischen und kommunikativen Anstrengung wieder mehr verkündigen und glaubhaft machen müssen. Widersprüche zu wissenschaftlicher Erkenntnis – etwa über sexuelle Identitäten – gilt es aufzulösen, Irrtümer, Anmaßungen und Verbrechen demütig einzugestehen. Die Verstrickung eigener Milieus in menschenfeindliche Ideologien wie den neuen Faschismus bedarf einer Unterscheidung der Geister. Und die neue Existenzform als religiöse Minderheit gilt es auszuhalten. Sie ist eine biblisch prophezeite. Also kein Grund zu Panik, Bitterkeit oder anpasserischer Mimikry. Auf der Höhe der Zeit? Bitte ja! "Zeitgemäß"? Besser nicht.

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.