Pfarrer Thomas Schmollinger macht Ausbildung zum Klinikclown

Ist das lustig? – Wenn der Clown ein Priester ist

Veröffentlicht am 03.03.2025 um 00:01 Uhr – Von Madeleine Spendier – Lesedauer: 6 MINUTEN

Bonn ‐ Es gibt durchaus Kritik an seinen Auftritten als Clown. Doch das verunsichert Pfarrer Thomas Schmollinger kaum. Der Seelsorger ist überzeugt, dass Humor heilsam und befreiend sein kann. Nach einer Lebenskrise hat sich der Priester zum Clown ausbilden lassen.

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"Ich bringe Menschen gerne zum Lachen", sagt Thomas Schmollinger. Der 61-Jährige ist Leitender Pfarrer der Seelsorgeeinheit Sankt Theresia in Trossingen und seit kurzem ausgebildeter Clown. In der Karnevalszeit schlüpft der Geistliche regelmäßig in ein lustiges Karnevalkostüm. Im letzten Jahr war er als "Superman" auf der Gemeindefasnet. "Der blau-rote Anzug passte mir und ich dachte, einmal kann ich das ja ausprobieren", lacht der schwäbische Pfarrer. Er sei damit dann wie der Held aus dem gleichnamigen Kinofilm durch das Gemeindehaus "geflogen" und habe die Leute zum Klatschen und Lachen gebracht. Ein Foto von seinem Auftritt ist damals sogar in der Tageszeitung gelandet. Schmollinger ist sich bewusst, dass manche Gemeindemitglieder seine Auftritte vielleicht als seltsam oder "lächerlich" empfinden. Doch "als Pfarrer sollte ich mich zum Clown für andere machen dürfen", meint der Geistliche. Lachen sei gesund und koste nichts.

Bei seinen Auftritten als Clown zeigt Schmollinger wenig Berührungsängste mit dem Publikum. Manche kitzle er mit einer Feder im Gesicht, anderen setze er einen Hut oder ein Tuch auf den Kopf. Die meisten freuen sich darüber. Doch es gibt auch Kritik. Einmal habe ihm jemand nach so einem Clown-Auftritt bei einem Ehrenamtsfest in der Kirchengemeinde zurückgemeldet, dass es "befremdlich" sei, wenn ein Pfarrer "solch eine Nähe zu den Menschen" zeige. Dieses Feedback habe ihn nachdenklich gemacht, sagt Schmollinger, denn er findet es schade, wenn Menschen ihn nur in seinem Amt als Pfarrer und als Autorität wahrnehmen. Manchmal möchte er einfach "halt g'schwind ein Clown sein".

Schon als Kind liebte Schmollinger öffentliche Auftritte. Er stand mehrmals als Kinderfasnachtsprinz auf der Bühne oder nahm als Schüler an Humoristen-Wettbewerben teil. Aufgewachsen ist Thomas Schmollinger in Eutingen im Gäu im Schwarzwald, als das jüngste von sieben Kindern. Sein Vater arbeitete bei einem Autohersteller, seine Mutter führte ein Geschäft. "Ich war ein Ladenkind", blickt der Priester zurück. Obwohl er nach der Schule gerne Krankenpfleger geworden wäre, machte er gemeinsam mit seiner Schwester eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Erst später wollte er "in der Kirche" arbeiten. Damals verbrachte er an den Wochenenden viel Zeit in der Kirchengemeinde, engagierte sich in der Jugendarbeit und war Messdiener. Seinen Heimatpfarrer erlebte er als Vorbild. Dann entschied sich Schmollinger, einen kirchlichen Beruf zu ergreifen und holte sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach. In dieser Zeit starb sein Vater, unerwartet. Damals habe er viel geweint, erinnert sich der 61-Jährige.

Später studierte Thomas Schmollinger in Tübingen katholische Theologie und zog in das dortige Theologenkonvikt. Sein konkretes Berufsziel ließ er vorerst offen. "Der Zölibat war der Knackpunkt", gibt der Seelsorger zu. Er überlegte intensiv, ob er tatsächlich Priester werden und auf eine eigene Familie verzichten möchte. In dieser Zeit habe er viel zu Gott gebetet und gesagt: "Dein Wille geschehe". Seine evangelisch getaufte Mutter habe ihn dabei unterstützt, seine Entscheidung zu treffen, weil sie eine offene Haltung gegenüber dem katholischen Gottesdienst und den Priesterberuf hatte, blickt der Seelsorger zurück.

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Video: © Ausschnitt aus dem kirchlichen Magazin "Alpha & Omega" der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

In der Diözese Rottenburg-Stuttgart arbeitet auch der Pastoralreferent Ludger Hoffkamp als Klinikclown und Humorcoach. In der Sendung "Alpha & Omega" erklärt er, was ihn dazu antreibt.

1995 wurde Thomas Schmollinger in Neuhausen auf den Fildern zum Priester geweiht. An den Festgottesdienst denkt der Seelsorger gerne zurück. Bald danach wurde er Vikar in Schwenningen und Aalen und arbeitete danach als Jugendkaplan in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. 2008 ging Schmollinger für ein Pastoraljahr nach Uganda. Als Pfarrer liebe er die Buntheit des Lebens, betont der 61-Jährige. Deshalb trage er gewöhnlich weder eine schwarze Soutane noch ein Klerikerhemd. "Nur in Rom", lacht er, weil es dann leichter sei, in eine Kirche rein zu kommen.

Seit 2009 ist Schmollinger Leitender Pfarrer in Trossingen. Er genießt die Vielfalt an christlichen Kirchen dort. Kurz vor seinem 60sten Geburtstag rutschte er "regelrecht in eine Krise", berichtet der Geistliche. Damals stellte er sich viele Fragen. Zum Beispiel, ob er weiterhin Pfarrer in einer Kirche sein könne, die Frauen nicht gleichwertig wie Männer behandle. "Ich habe damals sogar über einen Wechsel in die altkatholische Kirche nachgedacht", sagt der Kleriker offen. Die "vielen Kirchenaustritte" machen ihn traurig. Er sei für eine Kirche ohne Angst, in der alle willkommen sind.

Mit Humor hat Thomas Schmollinger dann auf diese Lebenskrise reagiert und vor einem Jahr die Grundausbildung zum Clown an der Tamala Clown Akademie in Konstanz begonnen. Für ihn ist das eine Möglichkeit, "Druck abzulassen", wie er sagt. Erst im Februar hat der Pfarrer den ersten Teil dieser Ausbildung abgeschlossen. Dabei lernte Schmollinger Grundlagen der Clownerie, verschiedene Techniken von Komik, Slapstick und Improvisation sowie unterschiedliche Clown-Typen und Requisiten kennen. Demnächst beginnt der Geistliche die weiterführende Ausbildung zum Einsatz als Klinik- und Gesundheitsclown, die wiederum ein Jahr dauert und teilweise von der Diözese Rottenburg-Stuttgart mitfinanziert wird. 

Bild: ©Tamala Clown Akademie / Montage katholisch.de

Pfarrer Thomas Schmollinger bei einem Auftritt in Konstanz als "Clown Tomaso Francesco" mit Zitronenpresse am Kopf.

"Um Clown zu sein, braucht es nicht viel, nur die kleinste Maske der Welt - eine rote Nase", erklärt der Priester. Er drücke seine Gefühle meist ohne Worte, nur mit Mimik und Gestik aus. Für den Seelsorger ist das Clown-Sein eine wichtige Möglichkeit, einen anderen Zugang zu Menschen zu finden. Daher überlege er oft, wie er das Humorvolle in seine Gottesdienste einbauen könne. Nicht nur durch das Erzählen von Witzen und dem Osterlachen, sagt der Geistliche. Sogar bei Trauergesprächen möchte der Pfarrer Momente der Leichtigkeit schaffen. Gerne lasse er die trauernde Familie dann Anekdoten aus dem Leben des Verstorbenen erzählen. Er frage dann, ob er manche der Geschichten auch der Trauergemeinde am Friedhof weitererzählen dürfe. Und wenn die Menschen dann am Friedhof über diese humorvollen Geschichten lächeln oder vielleicht sogar miteinander lachen können, dann sei das "etwas ganz Großes", meint der Seelsorger.

Humor könne heilsam sein

Um als Clown authentisch zu sein, hat sich Thomas Schmollinger intensiv mit seinem "inneren Kind" auseinandergesetzt. Wenn er als Clown traurige Momente schaffen möchte, dann denke er an die Beerdigung seines Vaters zurück und seine Traurigkeit von damals. Wenn er so seinen Gefühlen freien Lauf lasse, dann könne das auch für andere befreiend sein, meint der Seelsorger. Oft erlebe er solche "Wunder", wenn sich bei Menschen dadurch "innerlich etwas löse". Clownerie wirke dann wie eine Therapie. Humor könne heilsam sein, davon ist Schmollinger überzeugt. Der Priester möchte das Humorvolle bewusst in der Begegnung mit Demenzerkrankten oder mit Patienten in Kliniken und Hospizen einsetzen. Der Besuch eines Klinik-Clowns könne selbst Angehörigen oder dem Pflegepersonal Kraft geben. Auch bei seinen Auftritten als Clown im Kindergarten oder bei Familiengottesdiensten erlebt Schmollinger häufig, wie ausgelassen sich Kinder darüber freuen, wenn "bei ihm als Clown einfach alles verkehrt oder schieflaufe". Es sei das Lächeln in den Gesichtern, das ihn ermutige und spüren lasse, wie sehr Menschen "Geschenk und Abbild Gottes" sind. 

Letztlich will Thomas Schmollinger mit seiner humorvollen Arbeit ein fröhliches Bild von Kirche weitergeben. Der Seelsorger ist überzeugt, dass er als Pfarrer und Clown den Menschen die Freude am Glauben zurückgeben könne. Schließlich gehe es doch um eine "Frohe Botschaft", betont der Geistliche. In diesem Jahr ist der Leitende Pfarrer von Trossingen allerdings nicht wieder als Superman bei der Gemeindefasnet aufgetreten. Gemeinsam mit den Küsterinnen parodierte er die griechische Sängerin Nana Mouskouri und sang das Lied "Weiße Rosen aus Athen". Dazu wurden Blumen verteilt. Falls sich jemand dennoch über den lustigen Auftritt des Geistlichen wundern sollte, würde er erklären, dass die Heilige Theresia vom Kinde Jesu, die Kirchenpatronin seiner Kirchengemeinde, gerne mit einem Strauß Rosen dargestellt werde, lacht "Clown Tomaso Franceso".

Von Madeleine Spendier