Politologe: Union weiter auf Verbindung zu Kirchen angewiesen
Der Frankfurter Politologe Thomas Biebricher geht davon, dass CDU und CSU weiterhin auf eine enge Verbindung zu den Kirchen angewiesen sind. "So sehr die Bedeutung der Religion abgenommen hat – wenn man schon sonst immer weniger intellektuelle Infrastruktur hat, halte ich es für schwierig, sich auch noch von den Kirchen zu verabschieden", sagte der Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte im Interview des "Spiegel".
Aus Sicht des Konservatismus-Forschers haben sich CDU und CSU zunehmend von den Kirchen entfernt. In der Geschichte der Bundesrepublik sei es der Union lange gelungen, unter Berufung auf das christliche Menschenbild die gesellschaftlichen Gegensätze zu überwinden. "Soziale Marktwirtschaft, Sozialpartnerschaft waren die Stichworte. Das funktionierte auch lange sehr gut."
Mittlerweile aber seien die religiösen Loyalitäten und die Bindungskräfte der großen gesellschaftlichen Milieus schwächer geworden. "Und an deren Stelle traten dann große Ausschläge in Richtung Wirtschaftsliberalismus." Es habe schon lange keine Unionsführung mehr gegeben, die so nah am Wirtschaftsliberalismus sei wie die aktuelle.
Spannung der Union mit den Kirchen sei greifbar
"Die Spannung mit den Kirchen ist mit den Händen zu greifen", analysierte der Politikwissenschaftler. "Christlich zu sein, muss nicht notwendigerweise heißen, dass man an die Willkommenskultur glaubt. Aber wer ein christliches Menschenbild hat, für den bedeuten Begriffe wie Fürsorge und Mitleid eben etwas." Das sei schwer in Einklang zu bringen mit der Idee, dass Asylbewerber an den Grenzen abgewiesen werden sollten.
Der Bezug auf die christliche Menschenbild ist nach Meinung Biebrichers auch eine wichtige Trennlinie zwischen Union und AfD. Das Menschenbild der Union wurzele im Christentum, das der AfD sei völkisch. "Wobei das in der Politik elastisch ist. Man kann offensichtlich ein christliches Menschenbild haben und trotzdem eine Verschärfung der Migrationspolitik fordern."
Grundsätzlich gehe es der Union aber darum, das Bestehende und das Bewährte wie die staatlichen Institutionen zu erhalten. "Konservative wollen das bewahren, was sie als natürlich verstehen, und aus christdemokratischer Sicht bedeutet das im Übrigen auch, die Schöpfung insgesamt ist zu bewahren, wie es ausdrücklich im Grundsatzprogramm der Union festgehalten ist." Die AfD sei in diesem Sinne eine revolutionäre Partei. "Sie will den Status quo nicht bewahren, sondern etwa das Parteiensystem zerstören und den parlamentarischen Betrieb, den sie verachtet, in seiner vermeintlichen Ineffektivität vorführen." (KNA)