Warum Katholiken in der Fastenzeit das Kreuz verhüllen

Unzählige Menschen haben die Verhüllungsaktionen des Künstlerehepaars Christo Vladimirov Javacheff und Jeanne-Claude Denat de Guillebon bestaunt. Sie waren zweifellos eines der bemerkenswertesten Künstlerpaare des 20. Jahrhunderts. An exponierten öffentlichen Orten schufen sie beeindruckende temporäre Kunstprojekte. Ob der verhüllte Reichstag in Berlin, der eingepackte Arc de Triomphe in Paris oder die mit Stoff umhüllten Inseln in Florida – jedes Mal aufs Neue faszinierten die beiden Künstler, und das weltweit. Es ist offensichtlich reizvoll, ein sonst gewohnt präsentes Objekt des Alltags dem Auge für eine Zeit zu entziehen. Nicht ganz, in dem man es wegräumt und ein Lehrplatz übriglassen würde, sondern in dem man es verhüllt, Umrisse noch schemenhaft erkennen lässt. Es geschieht nicht aus pragmatischen oder technischen Gründen, sondern ganz bewusst.
Es wirkt im ersten Moment unsinnig, etwas Vorhandenes und fest Platziertes einzupacken – gerade dann, wenn seine Existenz nicht hinterfragt ist. Was passiert dabei? Die Verhüllung schafft Distanz, die paradoxerweise die Nähe zum Objekt verstärkt. Selbes Phänomen in ganz anderem Kontext: In manchen Kindergärten gibt es rotierende Spielsachen, die von Gruppe zu Gruppe wandern und große Freude auslösen, wenn sie endlich wieder da sind. Sie werden dann viel intensiver bespielt, als wenn sie ganzjährig verfügbar sind. Dieses Prinzip des bewussten Entzugs steigert die Wertschätzung und die Aufmerksamkeit gegenüber dem, was temporär nicht verfügbar ist. Die Abwesenheit führt zur Sehnsucht, das Wiedersehen zur neu entfachten Begeisterung und Beschäftigung. Die Interaktion mit dem Nichtsichtbaren ist auch biblisch bekannt: Der brennende Dornbusch, aus dem Gott "unsichtbar" und doch erfahrbar spricht. Er ist so präsent, dass sich Mose sein Gesicht auch verhüllen und gleichzeitig seine Füße ob des Heiligen Bodens entblößen muss. Die Wolke bei der Verklärung des Herrn, die eine Gottesansprache möglich macht, ohne Gott selbst zu sehen.
In der Liturgie selbst kennen wir den Weihrauch, der nicht nur olfaktorische Bedeutung hat, sondern im Rauch selbst mit einer Wolke Personen oder Gegenstände dem Auge für einen Moment zumindest teilweise entzieht. Wir kennen den Vollzug in der Liturgie, Heilige Dinge wie die Monstranz mit dem Allerheiligsten oder die Pontifikalien des Bischofs nur mit einem Velum anzufassen, nicht allein wegen der materiellen, sondern vor allem ob der geistlichen Kostbarkeit. Damit wird die unmittelbare Berührung – in dem Fall nicht mit dem Auge – sondern mit den bloßen Händen vermieden und eine Distanz geschaffen, die schützt und verbirgt. Es ließen sich noch unzählige Beispiele für die Wirkung von Entziehen und Wiederverfügbarmachen finden: In der Musik schafft Stille oft mehr Spannung als der lauteste Klang. In der Literatur gewinnt ein nicht ausgesprochener Gedanke an Kraft, weil er Raum für Interpretation lässt. In der Architektur kann eine bewusste Leerstelle den Blick auf das Wesentliche lenken.
Versteckte Kreuze
Auch im Kirchenjahr gibt es diese Praxis. Ab dem 5. Fastensonntag, dem früheren "Passionssonntag", werden die Triumph-Kreuze in der Kirche verhüllt, Flügelaltäre zugeklappt, mancherorts auch Jesusbilder verdeckt. Die im Mittelalter weiterentwickelte ausgeprägte Passionsfrömmigkeit, hatte eine gedankliche Erweiterung der Karwoche nach vorne hin auf den 5. Fastensonntag zu Folge. Die Kirche tritt damit in eine Zeit ein, die durch diese Reduktion intensiviert wird. In den biblischen und liturgischen Texten rücken Tod und Auferstehung Jesu in den Fokus. Die zwei Wochen vor dem Osterfest bereiten die mitfeiernde Gemeinde intensiv vor, bieten Zugänge aus den Evangelien an, die verstehen helfen, was im Paschamysterium geschieht. Wir hören beispielsweise am 5. Fastensonntag nach dem Lesejahr A die – auch an uns gerichtete – Frage aus dem Johannesevangelium: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?" nach Joh 11,25f.
Im Lesejahr B wird uns ebenfalls aus dem Johannesevangelium das Gleichnis vom Weizenkorn als Deutung für die Passion vorgetragen: "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht" nach Johannes 12,24. Das Lesejahr C hält uns hingegen die Konsequenz aus der Lebenshingabe Jesu vor Augen, die Vergebung unserer Schuld: "Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht" nach Joh 8,11. Die Deutungsangebote und die Anwege setzen sich an den Werktagen fort und verdeutlichen auch, dass das ganze Leben Jesu, sein Wirken insgesamt die Liebe und Hingabe für uns sichtbar machen und im Paschamysterium gipfeln, aber nicht exklusiv dort alleinig verortet sind. Die ab diesem Zeitpunkt vorgesehenen "Präfationen vom Leiden des Herrn I" oder die auch mögliche "Präfation vom heiligen Kreuz" greifen die biblische Fokussierung auf die Passion in Gebetssprache auf, wenn es beispielsweise heißt: "Denn das Leben deines Sohnes wurde zum Heil für die Welt. Seine Erlösungstat bewegt uns, deine Größe zu preisen. Im Kreuz enthüllt sich dein Gericht, im Kreuz erstrahlt die Macht des Retters, der sich für uns dahingab, unseres Herrn Jesus Christus" so die Präfationen vom Leiden des Herrn I.

Samuel-Kim Schwope (37) ist ausgebildeter Gemeindereferent und arbeitet als Persönlicher Referent und Zeremoniar des Bischofs im Bistum Dresden-Meißen.
Während die Texte das Kreuz für das menschliche Ohr präsent machen, wird mit der Verhüllung bis Ostern das, was im Zentrum steht, für die Augen verborgen. Gerade durch diese im Entzug entstehende Spannung rückt das Verborgene in einer Art und Weise in den Mittelpunkt, die man sonst nicht erreichen würde. Es ist ein Fasten der Augen, das zum Hinterfragen und Neuinterpretieren einlädt. Die Betrachtenden werden provoziert, sich mit dem auseinander zu setzen, was sich hinter der Verhüllung verbirgt. Es erinnert daran, dass vieles im Leben nicht einfach greifbar und fassbar ist. Der spielerische Umgang mit Verhüllung und Enthüllung führt zu einer neuen Wahrnehmungsebene: Nicht nur das Versteckte selbst wird zum Gegenstand der Reflexion, sondern auch das, was transzendent hinter dem Objekt liegt. Erst in der Liturgie des Karfreitags wird mit der Kreuzverehrung in einem eigenen Ritus das Kreuz Stück für Stück wieder enthüllt. Eindrucksvoll fällt in einer Prozession unter dem Gesang "Seht, das Kreuz, an dem der Herr gehangen" an drei Stationen das Tuch vom Kruzifix und wird so wieder sichtbar.
Brauch seit dem Mittelalter
Eine mögliche Begründung für diesen Brauch der Verhüllung liegt in der wachsenden Zahl an Triumphkreuzen im Mittelalter. Die in dieser Zeit aufkommenden monumentalen Kreuze, im Kirchenraum teilweise das dominierende Zeichen, verstärkten im Hochmittelalter die Deutung des Sieges über den Tod am Kreuzesthron. Wir kennen beispielsweise die Kreuzgruppe auf dem Lettner der Wechselburger Basilika Heilig Kreuz oder in Gestalt des neun Meter großen Lebensbaum-Kreuzes im Doberaner Münster. Die ausgeprägten künstlerischen Gestaltungen auch anderer Kreuze mit Schmuckwerk, Prunk, Edelsteinen und Gold betonte die Herrlichkeit Christi, der nicht nur am Kreuz gestorben, sondern auch am dritten Tage auferweckt wurde. Die Verhüllung der Kreuze diente dazu, diesen österlichen Glanz vorübergehend zu verbergen, um den Fokus auf das Leiden zu lenken und so die Osterfreude letztlich umso intensiver erlebbar zu machen. Bischof Wilhelm Durandus von Mende in Südfrankreich erklärt Ende des 13. Jahrhunderts den Brauch damit, dass Christus seine Gottheit verborgen habe. Er sah das insbesonders auf Grundlage der damaligen Perikope des Passionssonntages, das ist heute am Donnerstag der 5. Fastenwoche, in der vom Zurückziehen Jesu im Zuge der Steinigung die Rede ist siehe Joh 8,59: "Jesus aber verbarg sich". Diese Begründungslinie wird man auch mit anderen neutestamentlichen Perikopen untersetzen können, wie dem Philipperhymnus.
Im Hoch- und Spätmittelalter verändern sich die Kreuzesdarstellungen. Gerade die Gotik brachte eindrückliche, teilweise real anmutende Leidensdarstellungen am Kreuz hervor. Während der Siegescharakter zurücktritt und Leid, Schmerz und Tod sichtbarer wird, bleibt aber die Tradition der Verhüllung erhalten. Verhüllung und Enthüllung, Entzug und Rückkehr sind tief in unserem Erleben verankerte Konzepte. Sie berühren sowohl künstlerische als auch religiöse, psychologische und philosophische Dimensionen. Indem etwas verschwindet, wird es bewusster wahrgenommen, indem etwas enthüllt wird, erscheint es in einem neuen Licht. Es ist die Spannung zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, zwischen Greifbarem und Geheimnisvollem, die dieses Tun so kraftvoll macht.
Veranstaltung zur Osterliturgie
Am 5. April 2025 bieten das Deutsche Liturgische Institut und die Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen mit Unterstützung der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz eine geistliche Einführung in die Liturgie von Gründonnerstag bis Fronleichnam an. Der Titel der Veranstaltung lautet "Lebt dies zu meinem Gedächtnis". Der Trierer Liturgieprofessor Marco Benini erklärt in drei Vorträgen Themen des Ostergeschehens mit Blick auf besondere Gottesdienste, Kirchenlieder und Liturgien der österlichen Zeit. An den Vorträgen können sowohl Einzelpersonen als auch Gemeinden vor Ort teilnehmen oder sich digital zuschalten.