Was fehlt, wenn das Kreuz fehlt?
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Kreuze verschwinden. Leise und immer öfter. Wir Christen haben keine Deutungshoheit über religiöse Symbole im öffentlichen Raum. Die Gesellschaft ist religiös bunter und zugleich säkularisierter geworden. Der Anteil der religiös Indifferenten wächst. Das ist kein Anlass zur Resignation, sondern Chance, den Glauben neu ins Gespräch zu bringen. Nicht verschämt oder verdruckst, sondern diskret und deutlich.
Wie aber kann man die Anstößigkeit des Kreuzes ins Gespräch bringen? Viele sind verunsichert oder überfordert, es gebe zu wenig Orte, wo persönlich über den Glauben gesprochen und religiöse Sprachfähigkeit eingeübt wird, heißt es. Was also fehlt, wenn das Kreuz fehlt?
- Das Kreuz macht sichtbar, was gerne verdrängt wird: Leiden. Es stößt eine Praxis des Mitleids an, die nicht wegschaut, sondern sich treffen lässt. Helfende Hände sind das Echtheitssiegel von Compassio.
- Das Kreuz spiegelt, was gerne unter der Decke gehalten wird: Fehlbarkeit. "Die Kreuzigung Gottes sind wir", sagt Simone Weil. Wir tun, was wir unterlassen sollten, und unterlassen, was wir tun sollten. Und wollen es nicht wahrhaben. "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25,40). Vor dem Kreuz endet die Verdrängung der Schuld.
- Das Kreuz befördert eine Kultur der Vergebung. Statt andere gnadenlos auf ihre Fehler festzulegen, öffnet es einen Raum, der den anderen spüren lässt, dass er bereuen und umkehren kann, ohne das Gesicht zu verlieren. Golgatha gibt den Anstoß: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23,34).
- Das Kreuz ist Symbol der Gottes- und Nächstenliebe. Der vertikale Balken steht für Gott, der horizontale für die, die uns brauchen. Eine Mystik der geschlossenen Augen, die Gott ohne den Nächsten sucht, halbiert das Evangelium. Eine Caritas der offenen Augen, die sich restlos verausgabt, ohne auf die Vertikale zurückzukommen, ebenfalls.
- Das Kreuz ist Zeichen der Hoffnung. Der Gekreuzigte ist auferstanden. Paulus ist ihm begegnet, Maria Magdalena und die Apostel auch, die Emmaus-Jünger sind aus resignierten zu österlich brennenden Menschen geworden. Es gibt ein Leben, das keinen Tod mehr kennt! Keine Biotechnologie, kein Transhumanismus werden die Fülle des Lebens herstellen können, die Gott uns als Gabe verheißen hat.
Der Autor
Jan-Heiner Tück ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Wien. Außerdem ist er Schriftleiter der Zeitschrift Communio und Initiator der Wiener Poetikdozentur Literatur und Religion. 2023 ist sein Buch "Crux. Über die Anstößigkeit des Kreuzes" in zweiter Auflage erschienen.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.