"Ein Ort, wo Menschen willkommen sind"

Kerze anzünden oder nur kurz Hallo sagen – Alltag in Offenen Kirchen

Veröffentlicht am 19.08.2025 um 00:01 Uhr – Von Christoph Paul Hartmann – Lesedauer: 

Köln/Lohmar/Grevenbroich ‐ Offene Kirchen gibt es landauf, landab. Doch wer geht da eigentlich hin? Ortsbesuche mitten in der Stadt und auf dem Land zeigen: Die Bandbreite ist groß, die Menschen vielfältig. Das sagt etwas über die Berechtigung dieses Formates aus.

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In der Kölner Südstadt ist an diesem Freitag Wochenmarkt. Die Käse- und Fleischbuden stehen vor der imposanten Fassade von St. Severin. Die ehemalige Stiftskirche wurde in mehreren Bauabschnitten errichtet und erhielt Ende des 14. Jahrhunderts ihre heutige Form, sie ist eine der romanischen Kirchen der Stadt und prägt das Viertel seit Jahrhunderten. Wer das Gotteshaus betritt, ist in einer anderen Welt. Ein paar Stufen geht es hinunter, es ist kühler und ruhiger hier als auch der trubeligen Severinstraße, der Einkaufsstraße des kölschen "Veedels". Jahrhundertealte Gemälde bestimmen den Raum, das Sonnenlicht fällt durch die gotischen Fenster aus dem Kirchenschiff hinab auf die Bankreihen.

Dort sitzt schon Oliver Heine. Er stammt eigentlich aus Heidelberg, besucht aber gerade einen Freund in Köln. Nach ein paar Minuten steht er auf und wandelt herum, würdigt jedem Altarbild ein paar Augenblicke seiner Aufmerksamkeit. "Ich bin eigentlich ein bisschen überrascht, dass ich hier der Einzige bin", erzählt er. Er hat sich bereits einige Kirchen angesehen, der Dom war natürlich dabei. "Da waren so viele Menschen, das hat mich schon gestört. Da ist es hier viel ruhiger, die Stille ist angenehm." Er ist vor allem wegen der Kunst hier. "Das lohnt sich auf jeden Fall!" Er dreht noch ein paar Runden durch die Seitenräume, dann ist er verschwunden.

In einem Punkt hat er sich getäuscht: Allein war er hier nie. Denn unauffällig wie omnipräsent sitzt hinten im Kirchenschiff hinter einer kleinen Theke mit Broschüren Marion Creutz. Die Seniorin sitzt hier ehrenamtlich immer wieder für ein paar Stunden und ist Teil des Empfangs-Teams. "Hier kommen immer wieder Leute her", sagt sie. Auf die Frage, wie viele genau, blättert sie in einem Buch vor sich. Es ist ein Taschenkalender, auf jeder Datumsseite sind Striche. Für jeden Besucher einer. "90 bis 100 Leute kommen hier am Tag schon", fasst sie zusammen. Einige der Menschen lernt sie auch persönlich kennen, denn immer wieder kommen Besucher mit Fragen auf sie zu: Nach der Architektur, nach dem Pfarreileben ("wie haben hier eine sehr aktive Pfarre"), wo der Beichtstuhl ist und wie voll die Messen sind. Daneben kommen auch immer wieder Fragen zur Kirche an sich – auch kritische Fragen. Da ist Creutz keine Unbeteiligte. Sie wurde hier getauft und lebt bis heute im Veedel. "Ich würde niemals austreten, ich bin eine echte Katholikin." Aber als Verteidigerin von Amtskirche oder Erzbistum sieht sie sich nicht. "Ich trenne das." Deshalb will sie sich zu Kardinal Rainer Maria Woelki lieber nicht äußern. Sie schaut nur vielsagend und blättert weiter in der Ausgabe der "Publik-Forum" vor ihr auf dem Tresen.

Immer wieder kommen Besucher

Ihre Prognose soll sich bewahrheiten: Es kommen tatsächlich immer wieder Leute in die Kirche. Viele schauen nur kurz am Eingang herein, machen ein paar Fotos und gehen wieder. Ein Paar setzt sich ein paar Minuten in die letzte Bankreihe, beim Aufstehen bekreuzigen sie sich. Beide sind Touristen aus der Ukraine. "Der Spirit ist wunderbar hier", sagen sie.

Viele Menschen kommen auch gar nicht bis in das Kirchenschiff. Sie gehen in den Vorraum, in dem die Opferlichter stehen, zünden eine Kerze an, verharren kurz und sind so schnell wieder weg, wie sie gekommen sind. Nur wenige bleiben so lange, dass sie Zeit für ein Gespräch haben. Eine Frau erzählt, sie mache das öfter beim Einkaufen oder Spazieren gehen. ”Oft nur eine Kerze anmachen, manchmal gehe ich aber auch in den Kirchenraum und komme zur Ruhe", erzählt sie. "Da kann man schön seine Gedanken passieren lassen."

Kurz nach ihr noch einmal eine Gruppe von vier Frauen. Auch sie sind nur auf der Durchreise. "Wir gehen immer in die Kirche", werfen sie im Vorbeigehen ein. Danach kommen wieder drei ukrainische Touristinnen. Sie kommen kurz rein, eine von ihnen kniet sich hin und bekreuzigt sich, dann sind sie wieder weg.

Bild: ©katholisch.de/cph

Nicht wenige Menschen kommen nach St. Severin wegen der Kunst.

Eine Frau ist zielsicher an den Kerzen vorbeigelaufen und hat sich unten in die Bankreihen gesetzt, etwa in die Mitte des Kirschenschiffs. Dort sitzt sie ein paar Minuten, bis sie dem Ausgang zusteuert. Wie vielen anderen Einheimischen, hört man ihr an, dass sie aus Köln kommt. Eigentlich wollte sie sich hier mit ihrem Mann treffen, einem Künstler, der die Stadt zeichnet. Aber der ist im Verkehr stecken geblieben. Da habe sie sich gedacht: "Wenn ich schonmal hier bin, kann ich auch eine Fünf-Minuten-Andacht machen." So entschlossen, wie sie die Kirche betreten hat, ist sie auch wieder die Tür hinaus. Ein weiterer Strich im Kalender von Marion Creutz.

Beim Hinausgehen steht noch eine Frau vor den Kerzen: Sie entzündet eine, spricht ein Gebet. Marion ist eigentlich evangelisch, aber kommt oft hierher. "Das ist für mich sehr emotional", sagt sie, während ihr ein paar Freudentränen in die Augen kommen. "Es ist einfach befreiend." Dann streift auch sie über den Markt ins Viertel.

Nicht überall lässt sich so gut nachhalten, wie viele Menschen eine Offene Kirche wirklich besuchen. "Wie viele Leute genau kommen, das können wir nicht kontrollieren", sagt Waldemar Schmid, der sich im Lohmarer Stadtteil Wahlscheid gemeinsam mit einem Aktionskreis für die Öffnung der Kirche St. Bartholomäus im Tal engagiert. Einen Hinweis gebe aber ein Fürbittbuch, das dort ausliege. "Da schreiben die Leute zum Teil sehr berührende Fürbitten und Gebete rein – oder einfach, wie sie sich fühlen." Darunter sind zum Teil sehr intime Dinge wie Geschichten einer Gottessuche oder von Gotteserfahrungen, weshalb sich der Initiativkreis dagegen entschieden hat, sie zu veröffentlichen. "Die sind zum Teil so anrührend, dass man eigentlich die Leute gerne kennenlernen würde", sagt Schmid.

Ein Ort zum Man-selbst-sein

Gerade solche Zeichen sind für ihn auch ein Antrieb in seiner ehrenamtlichen Arbeit. "Wir behalten die Kirche auch deswegen auf, um zu dokumentieren: Hier steht nicht nur ein Gotteshaus, hier sind Menschen willkommnen, sich hinzusetzen und etwas zu denken oder zu beten." Es solle ein Ort sein, wo die Menschen sie selbst sein könnten.

Ansonsten berichtet auch er davon, dass Menschen in die Kirche kommen, um Kerzen anzuzünden. Deren Zahl sei am Ende eines Tages sehr unterschiedlich. Manche Leute zündeten unzählige Kerzen an, manchmal stünden dort aber auch nur zwei oder drei. "Das sind wichtige Orte, an denen man in einer Kirche mehr tun kann als nur da zu sein." Auch dies für ihn ein Sinnbild dafür, dass jeder in der Kirche erst einmal tun könne, was er wolle – so lange dort nichts kaputt gehe oder abhanden komme. "Jeder ist berechtigt, da zu sein."

Allerdings gebe es auch seltsame Leute, sagt Schmid. Verschwörungserzähler oder Weltuntergangsphantasten ließen immer mal wieder ihre Spuren in der Kirche zurück, etwa in Form kleiner Zettel. Die landen dann im Papierkorb. "Man muss da unterscheiden, manche sind einfach zu abgefahren." Hakenkreuze in der Kirche, gestohlene Bilder, auch das gehört zum Alltag einer offenen Kirche. Da hilft auch eine Videoüberwachungsanlage nicht immer. "Eigentlich müsste immer jemand da sein, aber dafür haben wir nicht die Leute", erzählt Schmid.

Bild: ©katholisch.de/cph

Kerzen in St. Stephanus Grevenbroich-Elsen

Außerdem ist die persönliche Anwesenheit ein zweischneidiges Schwert: Denn viele Menschen fühlten sich dann gestört oder eingeengt. Angesprochen werden wolle kaum jemand. "Viele Menschen sind in der Kirche auch auf der Suche nach Stille. Dabei wollen sie nicht gestört werden."

Völlig ungestört sind die Besuchenden auch in der Kirche St. Stephanus im Grevenbroicher Stadtteil Elsen: Am Rand des Dorfes eröffnet sich hinter der Kirchentür ein weiter Raum, der sich in barocken Formen in Weiß und Grautönen bis zum Hauptaltar zieht. Darin zahlreiche Skulpturen und zwei ebenfalls kunstvoll gestaltete Seitenaltäre. An diesem Freitag liegt die Kirche friedlich da, nur von den Straßenarbeiten vor der Tür ist etwas Baulärm zu hören. Neben dem Hauptschiff befindet sich im Erdgeschoss des Turms noch eine Kapelle mit einem Kerzenständer vor einem Marienaltar. Es brennen 15 Kerzen darauf. Beide Räume sind leer, die Sonne kommt gerade ein wenig heraus.

Bald kommen zwei Frauen in ihren 50ern in die Kirche, beide sportlich gekleidet und in entspanntem Tempo unterwegs. Sie gehen unter der Orgelempore hindurch rechts an den Bankreihen vorbei, drehen eine Runde an Hauptaltar und Seitenaltären vorbei und kommen links an den Bänken wieder zurück. Es handelt sich um Helga, die ihre Schwester Ellen zu Besuch hat und ihr eine Führung gegeben hat. "Wir haben hier so eine schöne Kirche", sagt sie. Das sieht auch Ellen so: "Sie ist so hell, sehr schön." Helga kommt immer mal wieder hierher. "Eher nicht so zur Messe, sondern ganz privat." Sie schätzt die Ruhe hier. "Ich bedanke mich hier für ein schönes Leben. Es ist viel gut gelaufen, da kann man schonmal Danke sagen."

14 Kilometer für eine Kerze

Die nächste Frau, die die Kirche betritt, ist in Begleitung eines jungen Mannes und geht zielstrebig auf eine der Bänke auf der rechten Seite zu. Sie kniet nieder und betet, während der junge Mann neben ihr eine Türe öffnet. Daraus holt er zwei Staubsauger hervor. Nachdem sie sich nach ihrem Gebet bekreuzigt hat, beginnen beide, die Kirche sauber zu machen.

Bild: ©katholisch.de/cph

St. Stephanus ist ein Kleinod.

Kurz darauf schneit eine weitere Frau herein, stilsicher angezogen, aufwendig zurechtgemacht und ihre prall gefüllte Handtasche geschäftig unter den Arm geklemmt. Sie schlüpft vom Kirchenschiff schnell in die Kapelle und zündet sorgfältig zwei Kerzen an. Nachdem sie sie entzündet hat, dreht sie sie langsam einmal um die eigene Achse, damit sie gleichmäßig abbrennen. Dann zieht sie sich für etwa zwanzig Minuten in das linke Kirchenschiff zurück, bevor sie wieder auf dem Weg nach draußen ist. Frau Keip wohnt eigentlich in Jüchen, dort ist die Kirche aber stets verschlossen. Also fährt sie einmal in der Woche die 14 Kilometer bis nach Elsen, um hier in der offenen Kirche Kerzen anzuzünden. "Ich komme immer zum Wochenende", sagt sie. "Ich zünde zwei Kerzen an, bete kurz und dann bin ich auch schon wieder weg." Einmal in der Woche wenigstens kurz in die Kirche zu gehen, sei bei ihr "so drin", wie sie es formuliert. Das sei ihr einfach wichtig. Dann schneit sie wieder nach draußen.

Mittlerweile haben die Frau und ihr Begleiter einen guten Teil des Altarraums sauber gewischt. Anja kommt einmal die Woche hierher, das Putzen der Kirche ist ihr Nebenjob, bei dem ihr heute ihr Sohn hilft. Ihr passt der Ort eigentlich ganz gut. "Wenn ich in Polen bin, bin ich fast jeden Tag in der Kirche, hier nie. Da passt mir der Putz-Job hier ganz gut, weil ich dann sowieso in der Kirche bin", sagt sie. Bei ihrer Arbeit bekommt sie auch viel von den anderen Besuchern mit. "Es kommen immer wieder Leute vorbei. Oft sind das Omis oder Opis, die gerade vom Friedhofsbesuch direkt nebenan kommen. Da stellen sie entweder vorher oder nachher noch eine Kerze auf. Es kommen aber auch immer wieder mal jüngere Leute vorbei." Von der Küsterin habe sie gehört, dass die Gottesdienste hier ganz gut besucht seien, auch altersmäßig seien sie durchmischt. Ihr Sohn hört Musik, während er die alten Holztüren absaugt. Jetzt muss auch Anja weitermachen – sie muss noch einmal durch das Hauptschiff wischen. Sie lächelt und geht an die Arbeit. In der Kirche ist es wieder still. Die Sonne steht schon tief. Nur die Kerzen erzählen davon, dass die Kirche keineswegs verlassen ist.

Von Christoph Paul Hartmann