Diakon Michael Görg über Sorgen von Mitarbeitenden in der Autoindustrie

Seelsorger: Zukunftsängste bei Beschäftigten sind präsenter geworden

Veröffentlicht am 31.12.2025 um 12:00 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 

Stuttgart ‐ Der Stuttgarter Diakon Michael Görg ist Betriebsseelsorger bei Automobilherstellern und Zulieferbetrieben. Im katholisch.de-Interview spricht er über die dramatische Krise der Autoindustrie, Zukunftsängste in den Belegschaften und die Rolle kirchlicher Seelsorge in Zeiten des Umbruchs.

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Fast jede Woche gibt es derzeit neue Schlagzeilen über die schwierige Lage der deutschen Automobilindustrie. Hersteller und Zulieferer kündigen Sparprogramme und Stellenabbau an – auch in Baden-Württemberg, wo viele Menschen direkt oder indirekt von dieser Branche leben. Einer, der die Sorgen der Beschäftigten hautnah erlebt, ist Diakon Michael Görg. Als Betriebsseelsorger in Stuttgart begleitet er Mitarbeitende unter anderem bei Mercedes-Benz und Bosch. Im katholisch.de-Interview spricht er über Zukunftsängste, Vertrauensverlust – und darüber, warum Seelsorge in der Arbeitswelt heute wichtiger ist, denn je.

Frage: Herr Görg, fast jede Woche liest man derzeit Meldungen über die Krise der deutschen Automobilindustrie. Sie sind als Betriebsseelsorger bei bekannten Firmen der Branche unterwegs. Wie erleben Sie die Stimmung in den Betrieben?

Görg: Lange Zeit war die Krisenstimmung in den Unternehmen eher abstrakt, sie hat die Mitarbeitenden kaum erreicht. Jetzt aber werden nach und nach konkrete Zahlen und Maßnahmen bekannt – Stellenabbau, Produktionsverlagerungen, Sparprogramme. Dadurch wird die Krise plötzlich sehr greifbar. Die Stimmung hat sich spürbar verschlechtert, viele Beschäftigte machen sich ernsthafte Sorgen um ihre Zukunft.

Frage: Was hören Sie konkret von den Menschen, mit denen Sie sprechen?

Görg: In den Gesprächen geht es oft um existenzielle Fragen. Wer gerade Wohneigentum erworben hat, fragt sich, ob das noch zu halten ist. Junge Paare überlegen, ob sie sich in dieser Situation eine Familiengründung leisten können. Die Lebenshaltungskosten in der Region Stuttgart sind schließlich sehr hoch. Und dann steht mit Blick auf mögliche Entlassungen plötzlich über allem die Frage: "Bin ich als Nächster dran?" Diese Unsicherheit betrifft im Grunde jeden.

Frage: In Stuttgart galt es lange als Auszeichnung, bei Mercedes-Benz, Bosch oder Porsche zu arbeiten. Gibt es diesen Stolz noch?

Görg: Es gab in der Branche immer eine starke Identifikation mit dem eigenen Unternehmen, eine Kultur, in der man stolz war, Teil der "Unternehmensfamilie" zu sein. Doch das hat sich verändert. Nehmen wir Bosch: Das Unternehmen hatte traditionell ein starkes Fürsorgeprinzip gegenüber den Mitarbeitenden. Dieses gegenseitige Vertrauensverhältnis wird gerade aufgekündigt. Wenn trotz weiterhin hoher Gewinne Stellen abgebaut werden, empfinden viele das als Bruch mit einer gewachsenen Unternehmenskultur – und als Aufkündigung eines fast familiären Miteinanders. Das sorgt für viel Frust und Enttäuschung.

„Die Verantwortung der Unternehmen gegenüber den Beschäftigten und auch gegenüber der Region schwindet. Viele nutzen die aktuelle Lage, um Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern.“

—  Zitat: Betriebsseelsorger Michael Görg

Frage: Ist das nur eine vorübergehende Krise – oder ein dauerhafter Bruch mit der bisherigen Unternehmenskultur?

Görg: Ich fürchte, es ist tatsächlich ein dauerhafter Bruch. Die Verantwortung der Unternehmen gegenüber den Beschäftigten und auch gegenüber der Region schwindet. Viele nutzen die aktuelle Lage, um Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Man beschließt tiefgreifende Einsparungen und Entlassungen, obwohl man noch Gewinne macht. Das ist eine neue Denke: nicht mehr das langfristige Miteinander zählt, sondern kurzfristige Rendite. Für viele ist das ein Schock.

Frage: Die Globalisierung, von der Deutschland lange profitiert hat, zeigt verstärkt ihre Schattenseiten und trifft aktuell auf eine gesellschaftliche Stimmung, die sich zunehmend polarisiert. Spüren Sie in den Betrieben, dass wirtschaftliche Ängste auch zu nationalistischer oder rechtspopulistischer Stimmung führen – etwa, weil Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden?

Görg: Nein, das erlebe ich so nicht. Es gibt vereinzelt rechte Strömungen, aber nicht im Zusammenhang mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen. In den Betrieben, in denen ich unterwegs bin, überwiegt eher das Nachdenken darüber, wie man gemeinsam durch diese schwierige Zeit kommt.

Frage: Sie erleben also weiterhin eine starke Solidarität unter den Beschäftigten?

Görg: Ja, ich nehme eine erstaunlich starke Solidarität wahr – vielleicht sogar mehr als früher. Die Gewerkschaft IG Metall spielt dabei sicher eine wichtige Rolle. Sie motiviert die Belegschaften, gemeinsam ihre Stimme zu erheben und für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu kämpfen. Viele Beschäftigte spüren: Nur gemeinsam können wir etwas bewegen. Dieses Bewusstsein ist stark gewachsen.

Bild: ©privat

Michael Görg ist Diakon und Betriebsseelsorger in Stuttgart.

Frage: Wie gehen die Menschen mit der konkreten Bedrohung um, wenn tatsächlich Stellenabbau droht?

Görg: Da geht es nicht nur um den Broterwerb, sondern auch um Sinn und Selbstwert. Arbeit ist für viele ein Ort der Selbstverwirklichung. Wenn das plötzlich infrage steht, kommen Selbstzweifel auf: "Warum trifft es ausgerechnet uns? Wir haben doch immer gute Arbeit geleistet." Gleichzeitig geht ein Stück Lebensfreude verloren. In der Betriebsseelsorge kennen wir das Lied "Brot und Rosen" – es braucht beides im Leben. Momentan haben viele das Gefühl, dass die "Rosen", also die Freude und die Anerkennung, verloren gehen.

Frage: Was kann kirchliche Betriebsseelsorge in so einer Situation leisten?

Görg: Zunächst einmal: zuhören. Betriebsseelsorge bedeutet, da zu sein für die Sorgen und Nöte der Menschen. Oft kommen in solchen Gesprächen auch andere Themen hoch – familiäre Konflikte, Trauer, Überforderung. Wer um seinen Arbeitsplatz bangt, trägt oft ohnehin eine ganze Last an Sorgen mit sich herum. Das Gespräch hilft, manches zu sortieren, zu entlasten, neue Perspektiven zu finden.

Frage: Suchen aktuell mehr Menschen das Gespräch mit Ihnen als früher?

Görg: Ja, es werden mehr. Aber es ist noch keine große Welle. Ich denke, viele Beschäftige müssen erst noch realisieren, dass sie tatsächlich von Sparmaßnahmen betroffen sein könnten. Besonders spürbar ist der Bedarf dort, wo schon Entlassungen stattgefunden haben – etwa bei Leiharbeitskräften oder befristet Beschäftigten.

Frage: Kommen zu Ihnen eigentlich nur gläubige Menschen?

Görg: Nein, überhaupt nicht. Das Angebot der Betriebsseelsorge ist offen für alle – unabhängig von Religion oder Weltanschauung. Ich habe regelmäßig Gespräche mit Menschen, die keiner Kirche angehören oder gar nicht an Gott glauben. Viele fragen ganz vorsichtig, ob sie trotzdem kommen dürfen. Und natürlich dürfen sie. Seelsorge ist für alle da.

„Ich wünsche mir, dass die Kirche in der Gesellschaft eine deutliche Stimme behält – eine Stimme der Menschlichkeit.“

—  Zitat: Betriebsseelsorger Michael Görg

Frage: Gibt es ein Erlebnis aus Ihrer Arbeit, das Ihnen besonders nachgegangen ist?

Görg: In letzter Zeit erlebe ich, dass Zukunftsängste in den Gesprächen viel präsenter geworden sind. Früher ging es mehr um alltägliche Belastungen, jetzt sprechen viele über die Frage: "Wie geht es mit meinem Leben weiter?" Das betrifft nicht nur die berufliche, sondern auch die persönliche Zukunft. Manche suchen nach neuen Perspektiven, andere brauchen einfach jemanden, der zuhört. Und manchmal entsteht in diesen Gesprächen auch wieder Hoffnung – etwa, wenn jemand merkt: Vielleicht kann ein Ende auch ein neuer Anfang sein.

Frage: Was wünschen Sie sich von der Kirche im Umgang mit den wirtschaftlichen Veränderungen?

Görg: Ich wünsche mir, dass die Kirche in der Gesellschaft eine deutliche Stimme behält – eine Stimme der Menschlichkeit. In einer Welt, die oft von ökonomischem Denken bestimmt ist, braucht es jemanden, der daran erinnert: Arbeit soll dem Menschen dienen, nicht nur Renditen sichern. Und ich wünsche mir, dass die Kirche weiterhin an den Orten präsent bleibt, wo Menschen ihr Leben gestalten – neben den Kirchengebäuden also auch in den Betrieben.

Frage: Und was macht Ihnen trotz allem Hoffnung – für die Menschen und für die Automobilindustrie?

Görg: Hoffnung geben mir die vielen guten Ideen, die ich in den Betrieben sehe. Die deutsche Automobilindustrie hat einen großen Erfahrungsschatz, sie genießt weltweit Ansehen. Jetzt kommt es darauf an, den Wandel aktiv zu gestalten – mit Mut, Kreativität und Solidarität. Und ich sehe viele, die genau das wollen. Das macht mir Hoffnung.

Von Steffen Zimmermann