"Man kann alles vor Gott bringen, das schafft nur die Musik!"

Warum entscheidet man sich als junger Mensch, Orgel zu spielen? Tom Jänen muss nicht lange über diese Frage nachdenken. "Die Orgel ist einfach ein sehr großes Instrument, mit dem man ganz viele verschiedene musikalische Farben erzeugen kann." Anfangs noch leicht angespannt, lehnt er sich nun leicht nach vorne. Die Augen blitzen vor Begeisterung, während er spricht. Eine Orgel, das sei fast wie ein ganzes Orchester. Ein vielfältiges Instrument, an dem man zwar allein spiele, aber gleichzeitig eine Gemeinde zusammenbringe. "Wenn man Musik macht, dann geht das einfach ganz tief. Es macht einfach große Freude an der Orgel, weil man merkt, dass man den Leuten etwas mitgeben kann."
Der großgewachsene 22-jährige ist etwas außer Atem, als er an diesem Tag die ausgekühlte St. Martinus Kirche in Haren an der Ems betritt. Er kommt gerade von einer Chorprobe des Projektchors, den er zusammen mit einer Kollegin leitet. Zielstrebig nimmt er den Schlüssel für die Tür am oberen Ende der Treppe zur Empore aus seinem Versteck und sprintet die schmalen Stufen hinauf zur holzverkleideten Orgel, an der er für gewöhnlich die Messe hier in der Kirche begleitet. Zu Beginn wirft er jedoch nur einen kurzen Blick auf das bis zur Decke ragende Instrument. Stattdessen zieht er einen der blau gepolsterten Stühle neben der Orgel zu sich heran und schaut für einen Moment über das Kirchenschiff mit dem Altarraum, über dem die bläulich gestrichene und verzierte Kuppel der Kirche thront.
Eigentlich studiert der junge Mann derzeit Katholische Kirchenmusik an der Hochschule für Musik in Detmold, einem Ort über zweihundert Kilometerentfernt von seiner Heimat. Seit Anfang 2023 ist Tom Jänen aber auch Kirchenmusiker, Chorleiter und Organist in der Harener Pfarreiengemeinschaft. Die Entscheidung, sich auf die Stelle zu bewerben, fiel nicht zufällig: Bereits zuvor übernahm Tom die Vertretung, spielte auch in den umliegenden Pfarreien und bekam so mit, als sein Vorgänger aufhörte. Tom sah eine große Chance. "Ich hielt und halte es für eine gute Unterstützung für mein Studium, weil es einfach ganz viel Praxiserfahrung bietet. Es ist im Prinzip das, was ich später mache, nur mit etwas geringerer Stundenanzahl."
Über den Gemeindegesang zur Kirchenmusik gefunden
Zur Kirchenmusik fand Tom nicht etwa durch einen Chor, sondern vor allem durch den Gemeindegesang. Es habe ihn bereits früh fasziniert und tief berührt, wenn Menschen gemeinsam das gleiche Lied singen und dabei dasselbe Gefühl aus ihrem tiefsten Inneren nach außen tragen können, sagt er. Das gemeinsame Singen in der Messe habe ihm das Gefühl gegeben, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Dennoch war der Weg zum Studium der Kirchenmusik für Tom eher schleichend. Neben der persönlichen Faszination war es die Zeit als Messdiener, in der er wahrnahm, welche Bedeutung die Kirchenmusik für die Liturgie hat. Die Werktagsmessen, in denen die Gemeinde ohne Orgel singt, standen für ihn im krassen Gegensatz zu Hochämtern wie Weihnachten oder Ostern, in denen neben der Orgel auch Chöre die Messe gestalten. Er persönlich habe diese musikalische Unterstützung als sehr bereichernd wahrgenommen und war sich sicher, dass sie "einfach jeden" erreiche. Aus dieser Begeisterung heraus entschied sich Tom schließlich mit 15 Jahren, Klavier- und Orgelunterricht in Meppen zu nehmen. Nach anderthalb Jahren Unterricht schloss er das zweijährige C-Examen im Bistum Osnabrück ab, das ihn für eine Kirchenmusikerstelle qualifiziert – parallel zum Abitur.
Obwohl Tom die Orgel inzwischen in- und auswendig kennt, ist er sich bewusst, dass die meisten Menschen kaum Berührungspunkte zu dem Instrument haben. Gleichzeitig freut es ihn sichtlich, ihre zahlreichen Elemente zu erklären. Selbstbewusst stellt er sich an den Spieltisch, schaltet das kleine Licht an und zeigt die verschiedenen Register, die von hölzernen über blechenden bis hin zu hellen wie auch kraftvoll tiefen Tönen eine Vielzahl an Klangfarben darstellen. Zur Demonstration drückt er ein Register ins Raster und schlägt einen Ton auf der Klaviatur an. Ein Ton ähnlich einer Flöte erklingt laut hallend aus einer der vielen Pfeifen, zu denen Tom im selben Moment kurz mit konzentriert zusammengezogenen Augenbrauen hochschaut.
Orgel spielen, das bedeutet für Tom Freiheit und Hilfe.
Auch im Innenleben der Orgel kennt sich Tom aus. Mit einem Streich öffnet er eine kaum sichtbare enge Holztür in der Verkleidung der Orgel und führt in den kleinen Raum im Inneren. Seine Hände suchen für einen Moment den Lichtschalter zu einer kleinen Lampe, die den etwas feuchten Raum gerade genug erleuchtet, um die zahlreichen Kabel zu sehen, die die Pfeifen mit dem Spieltisch verbinden. Tom zeigt auf eine Platte, die sich bei Luftzu- und abfuhr bewegt. Drei Backsteine liegen etwas verloren auf ihr rum. "Die sorgen dafür, dass die Platte bei zu viel Luft nicht rausfliegt", erklärt er. Eine weitere Herausforderung: das Wetter. Zurück am Spieltisch öffnet Tom eine weitere, diesmal kleine Verkleidung, hinter der sich zahlreiche Pfeifen in den verschiedensten Längen und Breiten aneinanderreihen. Bei kaltem oder sehr heißem Wetter können sich die Pfeifen zusammenziehen, wodurch sich der Ton verändert. "Dann muss der Orgelbauer da nochmal ran", fasst Tom zusammen und lacht. Seine Begeisterung für die Orgel steckt an – vor allem durch die selbstbewusste und offene Art, mit der er sein Wissen weitergibt. Tom nimmt sich Zeit für Erklärungen und setzt Fachbegriffe nicht voraus, erklärt notfalls dasselbe in einer Art, in der auch Laien es verstehen.
Orgel spielen, das bedeutet für Tom Freiheit und Hilfe. Freiheit empfindet er vor allem durch die Möglichkeit, sich persönlich entfalten zu können, sei es durch ein improvisiert gespieltes Stück oder einfach, indem man in jede Messe seine eigene Note mit reinbringen könne. Hilfe gebe die Orgel als auch der Gesang in verschiedenen Lebenslagen. An Feiertagen wie Weihnachten ist es vor allem die Freude und tiefe Zufriedenheit, die rübergebracht werde. In einem Requiem werde Trost gespendet und gezeigt: Ihr seid nicht alleine. Auch persönlich fühle er die Hilfe. Wenn es ihm mal schlecht gehe, erzählt Tom stolz, könne er dies über die Orgel ausdrücken und fühle sich danach immer befreit.
Eigene Verbindung zum Glauben "sehr standhaft und intensiv"
Tom ist sich sicher: Orgel spielen ohne Verbindung zum Glauben, das sei schwierig. "Wenn man liturgisch Orgel spielt, muss einem das innerlich auch etwas bedeuten. Sonst kann man musikalisch nicht das transportieren, was in so einer Feier passiert." Seine eigene Verbindung zum Glauben beschreibt Tom als "sehr standhaft und intensiv". Er fühle sich geborgen in dem Wissen, dass er immer mit Gott sprechen könne, auch wenn er zweifle. "Man kann ja auch hingehen und ihm sagen: 'Das finde ich jetzt nicht so gut'. Ich finde, dass gehört zum Glauben dazu", erklärt er. Die Vielfalt der kirchlichen Musik von Freudengesängen über Klagelieder drücken für ihn diese positiven wie negativen aus. "Man kann alles vor Gott bringen, das schafft nur die Musik!"
Seit er Orgel spiele und Chorarbeit mache, habe sich sein persönlicher Bezug zum Glauben verändert, verrät Tom. Er nehme die besonderen Zeiten im Kirchenjahr liturgisch emotionaler und intensiver wahr. Die Karwoche ist wegen der Vielfalt der liturgischen Musik für ihn die intensivste Zeit. "Diese ganze Entwicklung vom Schweigen der Orgel nach dem Gloria am Gründonnerstag, über das Acapella mit der Gemeinde bis hin zur Osternacht und dem Ostersonntag, wo alle Lichter wieder angehen, und der Chor singt. Die Musik und das Singen lassen mich diese Zeit viel persönlicher durchleben", erklärt er. Obwohl er mit seiner Stelle in Haren zufrieden ist, bringt sie auch Herausforderungen mit sich. Einerseits ist da die Zukunftsperspektive. Auch wenn er sich vorstellen könne, im Emsland zu bleiben, bietet Haren keine Regionalkantorenstelle in Vollzeit an. Außerdem gibt es im ländlichen Raum weniger Angebote für Menschen, sich musikalisch einzubringen. Auch in der Harener Gemeinde war dies der Fall. "Der alte Kirchenchor hat sich etwa einen Monat, bevor ich hier angefangen habe, aufgelöst", erinnert er sich. Es habe Überlegungen gegeben, ob man einen Chor brauche. Doch für Tom stand fest: Es muss einen Chor geben. "Für mich ist in der Kirchenmusik der Chor mindestens genauso wichtig wie die Orgel", erklärt er. Zusammen mit einer Kollegin gründete er einen Projektchor, bei dem, anders als beim Harener Kirchenchor zuvor, Menschen aus der ganzen Harener Pfarreiengemeinschaft mitsingen und der oft Feiertage oder besondere Anlässe in der Gemeinde begleitet.
Menschen können sich stimmlich entfalten, wenn sie sich in der Gruppe wohlfühlen, erklärt Tom
Einer dieser Anlässe und das bislang größte Highlight für den Chor: der Antrittsbesuch des neuen Osnabrücker Bischofs Dominicus Meier in Haren. Gemeinsam mit seiner Kollegin plante Tom mehrere Proben und setzte sowohl bei den Stücken als auch in der Umsetzung auf Vielfalt: Neben neuen geistlichen Liedern sang der Chor klassische Stücke wie das "Abendlied" von Josef Gabriel Rheinberger. Mal wechselte man sich im Gesang mit der Gemeinde ab, zum Beispiel beim Psalm 149, ein anderes Mal sang der Chor Acapella, vierstimmig oder einstimmig. Für den Chor, der gemeinsam mit dem Bischof einzog und vor gut besetzter Kirche am Hochaltar sang, sei dies etwas Besonderes gewesen, hebt Tom hervor. "Das war einfach eine tolle Atmosphäre, und sowas erlebt ein Chor natürlich auch nicht dauernd." Zum Erfolg habe auch beigetragen, dass der Chor zum Zeitpunkt des Antrittsbesuchs fest etabliert gewesen sei. Obwohl es ein Projektchor ist, hat sich ein Stammkern an Mitgliedern gebildet, die zu jeder Probe kommen und zur sicheren Atmosphäre in der Gruppe beitragen. "Wenn sich Menschen wohlfühlen in einer Gruppe, trauen sie sich auch, das zu entfalten, was sie stimmlich können", erklärt Tom. Heute hat der Chor einen Stamm von bis zu 25 Leuten verschiedener Generationen auf den er sehr stolz ist und mit dem das Singen "richtig Spaß" mache.
Bei der Frage, welche Lieder er besonders gerne spiele, muss Tom länger nachdenken. Auch wenn es ihm nicht leichtfalle, sich bei der Vielzahl an bedeutsamen Stücken zu entscheiden, sind es die Lieder 'Was Gott tut, das ist wohlgetan' und 'Wunderschön Prächtige'. Bei ersterem sei das Schöne der Bezug zum alltäglichen Leben. "Egal, wie es jemanden geht, man vertraut darauf, dass Gott es gut mit einem meint", betont Tom mit Verweis auf den Liedtext. 'Wunderschön Prächtige' habe für ihn einen besonderen Platz, da die Gemeinde vor allem Lieder der Marienverehrung kraftvoll und aus Überzeugung mitsinge, für ihn ein bestärkendes Gefühl. "Daran merkt man auch: Liturgisches Orgelspiel ohne Raum, ohne die Leute, das funktioniert nicht." Der abwechselnde Gesang zwischen den Besuchern der Messe und ihm als Organist sei es auch, der den Psalm zu seinem liebsten Moment in der Liturgie mache. Doch auch die Stille sei wichtig, erklärt Tom. Einmal innehalten und die Texte auf sich wirken lassen, durchzuatmen und Ruhe zu finden, das sei ein bedeutendes Element einer Messe.
Die Schritte hallen laut durch die leere Kirche, als Tom noch den Blick auf die Orgel vom Altar aus zeigen möchte. Auch von weitem sind die Verzierungen rund um die Pfeifen gut zu erkennen. Tom holt sein Handy raus und macht zahlreiche Bilder aus verschiedenen Winkeln; versucht, sowohl die Orgel als auch die Kuppel des Emslanddoms mit aufs Bild zu bekommen. Auch nachdem er sein Handy zurück in die Tasche steckt, bleibt sein Blick länger an der Aussicht hängen. Er ist sich sicher, dass ihm diese Arbeit und gerade auch die Zusammenarbeit mit der Gemeinde ein gutes Gefühl zurückgibt. "Wenn Leute mit einem Lächeln aus der Probe gehen, sagen, wie gut ihnen das getan hat, oder ich nach einem Gottesdienst die Rückmeldung bekomme, wie schön das Orgelspiel war, dann gibt mir als Musiker das ganz viel wieder."