Wo der Ordensmann mit dem Obdachlosen speist

In der Kirche riecht es nach deftigem Essen, mehrere Damen in Schürze laufen geschäftig durch die Gänge. Alle paar Minuten trudeln Menschen herein und suchen sich einen Platz an den langen Tafeln. Für die knapp 40 Gäste gibt es heute vegetarische Linsensuppe mit Brot, danach Kaffee und Kuchen. "Guten Appetit" sagen die einen, "schmeckt sehr lecker" die anderen. Gemeindemitglieder, Senioren, Ordensmänner und Obdachlose sitzen gemeinsam am Tisch. Alles und jeder habe in der "Gastkirche" St. Barbara in Essen-Kray im Ruhrgebiet einen Platz, sagt Elke Scheermesser. Die 60-jährige ist zusammen mit zwei anderen Frauen ehrenamtliche Gemeindeleiterin in St. Barbara und kümmert sich um das Projekt.
"Unser Angebot richtet sich in erster Linie an Bedürftige", sagt sie, "aber auch Gemeindemitglieder und Menschen aus dem Stadtteil sind herzlich willkommen." Einige Senioren aus dem naheliegenden betreuten Wohnen kommen regelmäßig vorbei. "Die freuen sich, wenn sie nicht so alleine sind und in einer großen Runde Mittagessen können", sagt Scheermesser.
Das zeigt sich auch am Esstisch. Eine ältere Dame spricht über ihren verstorbenen Mann, fängt an zu weinen. "Mit dieser Kirche verbinde ich so viele Erinnerungen. Wir haben hier geheiratet, meine Kinder wurden hier getauft, sie waren sogar Messdiener." Die Kirche sei für sie ein Stück Heimat, die sie immer gerne besucht. Während sie so in Erinnerungen schwelgt, kommt eine der Ehrenamtlichen in Schürze an den Tisch, bringt eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen für die ältere Dame, die nicht mehr so gut zu Fuß ist. Die Geste zeigt: Man kennt sich hier und achtet aufeinander.
Gemeindemitglieder, Senioren, Ordensmänner und Obdachlose sitzen gemeinsam am Tisch.
Das gemeinsame Mittagessen am Dienstag ist nicht das einzige Angebot der Gastkirche. Ein Flyer listet die wöchentlichen sozialen Aktivitäten auf: montags Kleiderstübchen, dienstags gemeinsames Mittagessen, mittwochs Lebensmittelausgabe, donnerstags Kleiderstübchen und Nachhilfe für Kinder aus sozial schwachen Familien, freitags und sonntags Kaffee & Kuchen – alles kostenlos. Nur das Kleiderstübchen, dass es bereits seit 30 Jahren in Essen-Kray gibt, nimmt kleine Beträge für die Anziehsachen. Allerdings finden sich in der Gastkirche mittlerweile auch zwei Kleiderständer, um Bedürftige im Notfall mit kostenloser Kleidung zu versorgen.
Für Scheermesser, die alle Angebote der Gastkirche koordiniert und begleitet, ist St. Barbara ein zweites Zuhause. Kein Wunder, dass einige der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer die Gemeindeleiterin manchmal scherzhaft fragen, ob ihr Ehemann sie überhaupt noch zu Gesicht bekäme. Entwarnung – das tue er noch, sagt Scheermesser und lacht.
"Wir haben viele Geflüchtete, Migranten und Menschen, die durch das soziale Raster gefallen sind"
Angefangen hat alles 2015 mit dem Pfarreientwicklungsprozess im Bistum Essen. Das abnehmende Interesse an Kirche und die steigenden Kirchenaustritte stellten die Diözese vor finanzielle Herausforderungen. Die Pfarreien sollten daher "Voten" erstellen, wie sie sich ihre Arbeit in Zukunft vorstellen, welche Gebäude sie in Zukunft womöglich nicht mehr brauchen.
"Essen-Kray ist ein sozial schwacher Stadtteil. Wir haben viele Geflüchtete, Migranten und Menschen, die durch das soziale Raster gefallen sind", sagt Scheermesser. Deshalb sei die zuständige Pfarrei St. Laurentius zu dem Entschluss gekommen, dass St. Barbara ein geeigneter Standort für eine "Sozialkirche" sei. "Die Idee war, sich hier um die sozialen Problemfälle und Randgruppen des Stadtteils zu kümmern."
Elke Scheermesser ist zusammen mit zwei anderen Frauen ehrenamtliche Gemeindeleiterin in St. Barbara in Essen-Kray.
Nur der Name "Sozialkirche" war noch nicht ideal. Er verunsicherte einige Gemeindemitglieder. "Wenn das jetzt eine Sozialkirche ist, darf ich dann überhaupt zum Gottesdienst kommen?", habe man Scheermesser gefragt. "Dann könnten die anderen Leute denken, ich sei ein Sozialhilfeempfänger." Der Besuch der "Gastkirche" in Recklinghausen – seit 1978 ein Ort des sozial-diakonischen Handelns und Vorbild für die Gastkirche in Essen – brachte schlussendlich den neuen Namen. "Der Name ist warm und einladend und niemand muss sich schämen, eine Gastkirche zu besuchen", sagt Scheermesser.
2019 startete das Projekt mit einem sonntäglichen Kirchencafé. Als dafür die ersten Tische und Möbelstücke in die Kirche einzogen, war das für viele Gemeindemitglieder zunächst etwas "gewöhnungsbedürftig", sagt Scheermesser. Auf Facebook erntete die Gemeinde ein paar negative Kommentare, "wie wir in einem Gotteshaus essen und trinken könnten und, dass Jesus das nicht gutheißen würde." Scheermesser hat für diese Ansicht kein Verständnis: "Wie kann man so engstirnig und konservativ sein? Was wir hier machen, ist genau das, was im Evangelium gepredigt wird und nichts anderes."
Als während der Coronapandemie das Café vorübergehend schließen musste, versuchte die Gastkirche die Bedürftigen auf andere Art und Weise zu unterstützen. Sie richteten einen Gabenzaun ein mit Konserven, die man kostenfrei mitnehmen konnte. "Wir haben schnell gemerkt, dass die Menschen auf unsere Lebensmittel angewiesen sind", sagt Scheermesser. Das Angebot gibt es bis heute – allerdings nicht mehr als Gabenzaun zur Selbstbedienung, sondern als koordinierte Lebensmittelausgabe.
Insgesamt bilden rund 30 Ehrenamtliche das Team der Gastkirche.
Immer wieder reagierte das Team der Gastkirche auf neue Herausforderungen. Nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs 2022 starteten sie freitags mit einem Café speziell für Geflüchtete aus der Ukraine. Irgendwann öffneten sie das Angebot für alle Menschen, die Hilfe brauchen. Zuletzt wurde das gemeinsame Mittagessen eingeführt. Die Mahlzeiten dafür sind Sachspenden von einer lokalen Pizzeria, dem Franz-Sales-Haus – einer Behinderteneinrichtung in Essen – oder werden von einer ehrenamtlichen Köchin zubereitet.
Insgesamt bilden rund 30 Ehrenamtliche das Team der Gastkirche. Ungefähr Zweidrittel davon sind aktive Gemeindemitglieder, so Scheermesser. "Die Übrigen sind Menschen aus dem Stadtteil, die sich gezielt bei unseren sozialen Projekten engagieren wollen." Auch drei Patres der Oblatemissionare wurden 2021 auf das Projekt aufmerksam und gründeten ein Kloster in dem alten Pfarrhaus direkt neben St. Barbara. Als angestellte Priester des Bistums Essen unterstützen sie die Gastkirche sowie umliegende Gemeinden.
Beim wöchentlichen Mittagessen am Dienstag sind immer alle drei Patres dabei, stärken sich mit den anderen Gästen, sind für sie ansprechbar – auch für die Obdachlosen. Einer von ihnen ist Markus, ein Stammgast in St. Barbara. Beim Essen erzählt er einem der Patres, wie seine aktuelle Schlafsituation aussieht – in einem Zelt zwischen Bäumen und Sträuchern etwas abgelegen vom Zentrum des Stadtteils. Dort habe er endlich etwas Ruhe gefunden. "An den anderen Orten wurde ich von der Polizei verjagt, ich hätte Anwohner gestört", erzählt er. Notunterkünfte suche er grundsätzlich nicht mehr auf, weil ihm dort seine Sachen gestohlen worden sind, sagt er. Aber auch auf der Straße sei er überfallen und verprügelt worden, "deshalb kann ich meine rechte Hand nicht mehr richtig bewegen."
In der Gastkirche befinden sich zwei Kleiderständer, um Bedürftige im Notfall mit kostenloser Kleidung zu versorgen.
Auch Scheermesser kennt Markus, weiß über seine Lebensumstände Bescheid. Vor kurzem hat sie ihn zum Adventsfrühstück und Weihnachtsessen der Gastkirche eingeladen. "Als ich ihm von dem leckeren Essen erzählt habe, das wir für die Weihnachtsfeier planen, saß er vor mir und fing an zu weinen." Für ihn werde das seit Jahren das erste Weihnachtsfest sein, das er nicht allein verbringen muss. "Die Dankbarkeit, die man in solchen Momenten spürt, ist mit nichts aufzuwiegen", sagt Scheermesser. Jede Umarmung und jedes noch so versteckte Lächeln sei für sie ein Geschenk und gleichzeitig Motivation, das Projekt Gastkirche weiter voranzubringen.
Doch die Zukunft von St. Barbara ist ungewiss. Die Projektphase der Gastkirche dauerte nur bis Ende 2024. Seither wartet Scheermesser auf die Entscheidung, ob und wie es mit der Gastkirche weitergehen kann. Die Alternative ist der Verkauf der Kirche. In den vergangenen Jahren ist das Team der Gastkirche kreativ geworden, um den mittleren fünfstelligen Betrag aufzutreiben, der für sie seit Projektbeginn jährlich fällig wird. Sie veranstalten Konzerte und Lesungen in der Kirche, bieten ihre Räumlichkeiten und ihren Service für Beerdigungscafés an und haben eine Quadratmeterspende eingerichtet. Mit einer kleinen Dauerspende können Gemeindemitglieder einen oder mehrere Quadratmeter der Kirche symbolisch mieten. Alle Einnahmen und Spenden gehen an den Förderverein der Gastkirche.
Scheermesser will für dieses Projekt kämpfen. Es sei nicht nur eine Bereicherung für die Gemeinde und den Stadtteil, sondern auch für sie ganz persönlich. "Die Geschichten und Schicksale von Bedürftigen kennt man ja aus dem Fernsehen", sagt sie, aber es sei etwas ganz anderes, wenn jemand vor einem stehe und persönlich von seinem Schicksal berichte. "Dann bekommen solche Geschichten Namen und Gesichter." Erst durch ihr Engagement habe die Gemeindeleiterin ein Bewusstsein dafür entwickelt, wie viele Menschen auf die Lebensmittelausgabe, die Kleidung, die Nachhilfe angewiesen sind. Die Gastkirche ist ein Ort des Miteinanders, ein Raum für Vielfalt und eine Anlaufstelle für alle Menschen. "Wir leisten dort Hilfe, wo sie dringend gebraucht wird."