Bruder Dirk: "Ich bin Koch, Herbergsvater und Seelsorger"

"Alle Sünder willkommen" – dieses Schild begrüßt die Menschen, die Bruder Dirk im Kloster Beyenburg in Wuppertal besuchen. An den Wänden im Flur und im Zimmer des Mönchs hängen zahlreiche Gemälde, Skulpturen, Fotos. Man kommt sich vor wie in einem Museum – alles unterlegt mit einer Note Zigarettenrauch. "Möchten Sie auch eine rauchen?", fragt er und schiebt die Brille wieder ein Stück höher auf der Nase. "Nein? Das halte ich für einen Fehler." Grinsend steckt er sich eine Zigarette an und setzt sich auf einen Stuhl seiner kleinen Sitzecke. Direkt daneben: ein massiver Schreibtisch – über und über mit Papier bedeckt. Auf einer Kommode stehen fünf verschiedene Klangschalen, daneben in der Ecke ein kleines blaues Bett.
Während der Rauch im Raum seine Kreise zieht, fängt er an zu erzählen: Ihm sei mit 13 Jahren klargeworden, dass er Mönch werden möchte. Wie er sich da in dem jungen Altem schon so sicher sein konnte? "Das lag mir immer nahe und hat sich nicht verändert." Wie andere zu ihren Ehepartnern finden, so fand er zum Orden: "Erst ist man interessiert, dann verliebt man sich und dann liebt man. Wie das schlussendlich passiert, weiß man nicht so genau – es ist irgendwie Intuition." Die Kreuzherren seien in seiner Heimat Beyenburg immer eine feste Größe gewesen, nicht nur in der Gemeindepastoral, sondern auch in Krankenhäusern oder Berufsschulen in der Region. Da lag die Entscheidung für diesen Orden nahe.
Ob er sich noch andere Ordensgemeinschaften angeschaut hat? "Das Benediktinerkloster in Siegburg", sagt der 66-Jährige. Doch letztlich führte es ihn immer wieder zurück zu den Kreuzherren. "Die waren nicht so abgehoben, sondern sehr geerdet – dicht am Menschen und immer lebensfroh."
Arbeitszimmer, Schlafzimmer und Wohnzimmer in einem: Bruder Dirk nutzt nur ein Zimmer des Klosters für sich.
Der Orden der Kreuzherren, auf Latein "Ordo sanctae crucis" – daher auch die Abkürzung OSC, wurden 1211 von Theodor von Celles mit vier Gefährten in Belgien gegründet. Der Orden folgt der Regel des heiligen Augustinus, ergänzt durch einige dominikanische Zusatzregeln, sodass eine "vita mixta" entsteht – ein gemischtes Leben. Es verbindet stilles Beten im Kloster mit aktivem Engagement in der Welt, wie zum Beispiel Seelsorge für Arme, Kranke und Pilger. Der Orden habe sich mittlerweile auf die Südhalbkugel verlagert, sagt Bruder Dirk. "Zum Beispiel in Indonesien und Brasilien blüht er auf". In Europa dagegen gebe es inzwischen nur noch 29 Kreuzherren, in Deutschland nur noch zwei.
"Natürlich ist das schade", sagt er. "Aber warum soll es uns besser gehen als anderen? Es gibt ja auch viele Familien, die aussterben." Er habe viel eher die Sorge, dass das Klostersterben dazu führe, dass die Menschen keine Anlaufstellen mehr für ihre Probleme haben. Denn auch die Seelsorger in den Gemeinden übernehmen immer mehr Verwaltungsaufgaben. "Wer hat denn heute noch Sprechzeiten?", fragt Bruder Dirk.
Im Kloster Beyenburg, in dem er lebt und das auf der Strecke des Jakobsweges liegt, kommen regelmäßig Pilger vorbei, die Gesprächsbedarf haben. "Sie sind orientierungslos, haben Beziehungsprobleme, Burnout, Depressionen oder Suizidgedanken", sagt der Mönch. "Ich merke schnell, wenn bei meinem Gegenüber etwas nicht stimmt." Dann arbeite er sich langsam vor, bis sich die Menschen öffnen. In der Fremde falle das oft leichter als im Freundes- und Bekanntenkreis.
Durch ein Schild am Eingang seiner Wohnung lässt Bruder Dirk seine Gäste wissen, was sein Motto ist: "Alle Sünder willkommen".
Mit solchen "Problempilgern", wie Bruder Dirk sie nennt, hat er sich angefreundet, hält mit einigen bis heute Kontakt. Einer davon ist Jannik. Der 33-jährige Däne wanderte 2018 den Jakobsweg – mit Selbstmordgedanken. Ein anderer ist Konstatin. Er wurde mit dem Tod seines Vaters nicht fertig. Beide blieben ein paar Tage bei dem Mönch im Kloster und fanden aus ihrer Krise hinaus.
"In der Zeit bin ich Koch, Herbergsvater und Seelsorger", berichtet Bruder Dirk. Dass sich die Menschen ihm gegenüber öffnen, liegt seiner Ansicht nach an den Gesprächen – beim gemeinsamen Mittagessen, bei Spaziergängen oder bei einer Flasche Bier am Abend. "Sowas gibt es in anderen Pilgerstätten so nicht, da ist man relativ alleine und kann sich nicht so austauschen wie hier." Kein Thema sei bei ihm Tabu – das sei auch ein Grund, warum sich die Menschen ihm anvertrauen.
"Ich glaube, die Leute wissen zu schätzen, dass ich nicht so katholisch bin", sagt Bruder Dirk mit einem Augenzwinkern. Die Kreuzherren seien immer sehr offen gewesen. "Ich will nicht sagen liberal, aber doch der Welt zugewandt." Für ihn stehe nicht das Kirchenrecht im Vordergrund, sondern der Mensch. "So hat Jesus auch gehandelt."
Angrenzend an das Kloster steht die Klosterkirche St. Maria Magdalena, um die sich Bruder Dirk kümmert.
Im Jahr kommen etwa 1.000 Pilger bei ihm vorbei, um sich einen Stempel abzuholen. Etwa 50 bis 100 davon blieben zur Nacht. Dass sich Bruder Dirk dann so intensiv um seine Gäste kümmern kann, liegt nicht zuletzt daran, dass er seit 11 Jahren allein im Kloster lebt. Als er vor 31 Jahren dort eingezogen ist, waren die Patres noch zu dritt. Dass er abends niemanden mehr hat, mit dem er sich austauschen kann, fehle ihm. "Man trägt alles alleine", sagt er. Zudem sei er kein Priester, weshalb die Liturgie oft einfacher, nüchterner ausfiele.
"Leben in Gemeinschaft kann sehr schön sein, aber auch verdammt hart", sagt Bruder Dirk. Dadurch sei er eben gebunden. "Wann sind die Gebetszeiten? Wann sind die Mahlzeiten? Wann muss ich abends zuhause sein?" Gerade als die anderen beiden Patres älter wurden, fühlten sie sich manchmal durch die Pilger gestört. "Alte Leute eben", sagt der Mönch. Die Freiheit, die er jetzt hat, genieße er sehr. "Ich kann arbeiten, wie, wo und solange ich will." Dadurch könne er ein viel offeneres Haus führen.
Das Kloster Beyenburg ist ein wichtiger Stützpunkt auf dem Jakobsweg durch Nordrhein-Westfalen, speziell auf dem Rheinischen und dem Westfälischen Jakobsweg.
Selbst wenn die Pilgersaison vorbei ist, hat Bruder Dirk genug zu tun. Als gelernter Krankenpfleger arbeitet er vormittags ein paar Stunden in der ambulanten Pflege, übernimmt viele Beerdigungen in seiner Gemeinde, kümmert sich um die Dekoration in der Klosterkirche St. Maria Magdalena, pflegt den Garten, bietet Kirchenführungen an, betreut im Kloster eine Lebensmittelsammelstelle für die Tafel. Hinzu kommen seine Gebetszeiten als Ordensmann und seelsorgliche Gespräche. "Im Grunde bin ich Mutter für das ganze Dorf", sagt er. Wenn er dann doch noch etwas Zeit findet, schreibt er Bücher über die Lokalgeschichte. "Was mich richtig traurig macht, ist, wenn Wissen verloren geht", sagt er.
Wie lange er dieses Arbeitspensum durchhalten kann? "Hoffentlich noch mindestens 20 Jahre", sagt er, "um der Menschen willen". Vielleicht habe sich bis dahin die kirchliche Situation so erholt, dass er "in Ruhe abtreten kann". Damit meint er die Gleichgültigkeit, die die Menschen der Kirche heutzutage entgegenbringen. Dagegen sei kein Kraut gewachsen, sagt er. Trotzdem hoffe er das Beste für die Kirche. Und wenn er selbst mal ins Straucheln kommt, erinnert er sich an die Botschaft des Herren, die er aus den verschiedenen Gleichnissen mitnimmt: "Eure Aufgabe ist es, zu säen – von ernten habe ich nichts gesagt." Das sei für ihn ein Trost. Er säe so viel er könne, was daraus erwächst, liegt in Gottes Hand.