Standpunkt

Der christliche Glaube geht auch heute von der Einzigkeit Christi aus

Veröffentlicht am 05.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Jan-Heiner Tück – Lesedauer: 

Bonn ‐ Das Datum der Inkarnation ist Angel- und Wendepunkt der Chronologie, schreibt Jan-Heiner Tück – auch wenn es nicht exakt berechnet werden kann. Und doch prägt es nicht nur die westliche, sondern die globale Welt von heute.

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Die Diskussion um die "Achsenzeit" wird gerade intensiv geführt. Der Begriff stammt von Karl Jaspers und bezeichnet Durchbrüche des Denkens, die es zwischen 800 und 200 v. Chr. in unterschiedlichen Kulturen gegeben hat. Bei den Propheten Israels, den Philosophen Griechenlands, in China und Indien sind parallele Reflexionsschübe zu verzeichnen, die archaische Denkweisen hinter sich lassen. Der Ägyptologe Jan Assmann hat aufgezeigt, dass manche dieser Durchbrüche in Ägypten bereits früher erfolgt sind. Ich möchte auf ein Ereignis hinweisen, das später liegt und unsere Zeitrechnung bis heute prägt: die Geburt Christi.

Wir datieren Ereignisse in der Geschichte mit Jahreszahlen, die vor oder nach Christus liegen. Im 20. Jahrhundert haben Theologen wie Oscar Cullmann, Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar im Christus-Ereignis die "Mitte und Fülle der Zeit" gesehen. Sie hätten in der Achsenzeit-Debatte und ihrer Fokussierung auf die Zeit zwischen 800 und 200 v. Chr. vielleicht den Versuch gewittert, hinter das jüdisch-christliche Erbe zurückzugehen und eine Achsenverschiebung der Chronologie vorzunehmen: weg von Christus hin zu den Kulturen der Alten Welt.

Wenn aber Christus Mitte und Wende der Zeit ist – wie können dann die Druchbrüche der Achsenzeit gedeutet werden? Die Kirchenväter haben von einer praeparatio evangelica gesprochen und nicht nur die Propheten Israels, sondern auch die Dichter und Denker Griechenlands auf Jesus Christus bezogen. Das könnte ein Schlüssel sein.

Der christliche Glaube geht auch heute von der Einzigkeit und universalen Bedeutung Jesu Christi aus. Der Ewige hat die Zeit markiert, Gottes Wort wurde Mensch, um potentiell alle Menschen in sein Reich zu führen. Das Datum der Inkarnation, selbst wenn es nicht exakt berechnet werden kann, ist Angel- und Wendepunkt der Chronologie nicht nur in der westlichen, sondern in der globalen Welt von heute. Man muss Ethos und Errungenschaften anderer Kulturen deshalb nicht abwerten, sondern kann sie inklusiv von Christus her auf Christus hin verstehen. Voraussetzung dafür ist allerdings ein Christentum, das nicht den flüchtigen Funken der Zeit hinterherjagt, sondern in Jesus Christus das "Licht der Völker" sieht, wie es das II. Vatikanische Konzil bekannt hat.

Von Jan-Heiner Tück

Der Autor

Jan-Heiner Tück ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Wien. Außerdem ist er Schriftleiter der Zeitschrift Communio und Initiator der Wiener Poetikdozentur Literatur und Religion.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.