Zwischen Aufbruch und Rückschritt: Das Priesterbild Papst Leos
Am Ende glich es beinahe einem kleinen Wunder: Dass das Zweite Vatikanische Konzil überhaupt ein Schreiben über die Presbyter und ihr Amt verabschieden würde, stand zwischendurch tatsächlich auf der Kippe. Es brauchte viele Anläufe, Texte, Diskussionen, Fortschritte und Rückschritte bis am Ende am vorletzten Tag des Konzils das Dokument "Presbyterorum ordinis" (PO) promulgiert werden konnte. Dem Dekret über die Ausbildung der Presbyter, "Optatam totius" (OT), ging es dabei im Wesentlichen nicht anders.
Dass beide Texte am Ende vom Konzil promulgiert wurden, ist daher ein kleines Wunder. Ein noch größeres Wunder war allerdings, was die Konzilsväter über die Theologie des Priesteramtes aussagten. Denn sie wiederholten nicht einfach die Definition des Priestertums, wie sie sich besonders im Nachgang des Konzils von Trient ausgebildet hatte. In den Jahren nach dem Trienter Konzil und besonders im 19. Jahrhundert war die Verknüpfung von Priesteramt und Eucharistie zentrales Leitmotiv geworden. Der Priester wurde vor allem als einer verstanden, der potestas besitzt, also Vollmacht. Und zwar in einem doppelten Sinn: die potestas consecrationis und die potestas absolutionis, also die Vollmacht der Konsekration der Gaben von Brot und Wein und die Vollmacht der Sündenvergebung. Das Zweite Vatikanum distanzierte sich von dieser Definition. Es charakterisierte den Presbyter vielmehr als einen, der in der Welt von heute das Evangelium verkünden muss. Als einen, der die Gläubigen befördern muss, ihr dreifaches Priesteramt auszuüben. Und als einen, der sich in seiner Sendung, die ihn mit den Menschen von heute in Kontakt bringt, bewähren muss. Der Presbyter wird so in der pastoralen Grammatik des Konzils beschrieben.
Konzilsväter auf ihren Plätzen in der Konzilsaula im Petersdom im Vatikan während des Zweiten Vatikanisches Konzils.
Sechzig Jahre nach der Promulgation der beiden Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils, die sich mit dem Priesteramt auseinandersetzen, hat Papst Leo XIV. nun ein neues Apostolisches Schreiben vorgelegt, in dem er die beiden Texte würdigt. Schon zu Beginn des Schreibens "Eine Treue, die Zukunft schafft" weist der Papst darauf hin, dass die beiden Texte PO und OT auch weiterhin aktuell sind und empfiehlt sie daher zum Studium. Zugleich markiert der Pontifex, dass sich die Welt seit dem Konzil verändert hat: "In dieser Absicht wende ich mich mit diesem Apostolischen Schreiben an das ganze Volk Gottes, um gemeinsam die Identität und die Aufgabe des Weiheamtes im Lichte dessen zu überdenken, was der Herr heute von der Kirche verlangt, und damit das große Werk der Aktualisierung des Zweiten Vatikanischen Konzils fortzusetzen" (Nr. 4). Ganz im Sinn der Pastoral, wie sie Johannes XXIII. verstanden und dem Konzil ins Stammbuch geschrieben hat, möchte auch Leo XIV. auf die Welt von heute blicken und daraus notwendige Handlungsempfehlungen für die Kirche ableiten.
Berufung und Brüderlichkeit
In einem ersten Unterkapitel wendet sich das Dokument dem Thema Berufung zu. Es geht darum, "Berufung zu bewahren und sie wachsen zu lassen", betont der Papst (Nr. 13). Berufung wird als ein "liebevolles Angebot eines Heils- und Freiheitsplans für das Leben" (Nr. 6) verstanden und als "Geschenk" (Nr. 7). Aufgrund zahlreicher Missbrauchstaten durch Geistliche fordert Leo XIV. eine "ganzheitliche Ausbildung" in den Priesterseminaren, die ein "tiefes und solides geistliches Leben gewährleistet" (Nr. 10).
Ein zweites Unterkapitel beschäftigt sich mit der Brüderlichkeit: So verweist schon PO auf die besondere geschwisterliche Verbundenheit der Presbyter mit allen Getauften, aber auch die brüderliche Verbundenheit mit den Mitbrüdern. Der Papst betont daher, "die priesterliche Brüderlichkeit ist (…) als konstitutives Element der Identität der Amtsträger zu betrachten" (Nr. 16). Nach Möglichkeit sollten deshalb Orte des Gemeinschaftslebens von Priestern geschaffen werden (Nr. 17). "Die Schönheit einer Kirche, die aus Priestern und Diakonen besteht, die zusammenarbeiten, verbunden durch die gleiche Leidenschaft für das Evangelium und Aufmerksamkeit für die Ärmsten, wird zu einem leuchtenden Zeugnis der Gemeinschaft", hebt der Pontifex hervor (Nr. 18).
Junge Priester konzelebrieren bei einem großen Gottesdienst im Freien.
Schließlich verhandelt das Apostolische Schreiben den priesterlichen Dienst unter den Aspekten Synodalität und Mission. Eine synodale Zusammenarbeit liegt dem Papst sehr am Herzen, wenngleich es gerade in diesem Bereich noch viel zu tun gibt (Nr. 21). Allen Priestern empfiehlt Leo XIV. eine Lektüre des Abschlussdokuments der zweiten Sitzung der XVI. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode. Priesterlicher Dienst ist Proexistenz, also Dienst für den anderen. Dabei sieht der Papst in der gegenwärtigen Welt zwei Versuchungen, diesen Dienst für andere nicht in der gebotenen Notwendigkeit auszuüben: Nämlich ein reines Schielen auf Effizienz, wobei "der Wert des Einzelnen an seiner Leistung gemessen wird" (Nr. 24). Und ein Quietismus, der aufgrund der äußeren Umstände eine "träge und defätistische Haltung" nach sich zieht (Nr. 24). Die Priester sollen immer ein offenes Ohr für die Welt besitzen. "In jeder Situation sind die Priester gefordert, durch das Zeugnis eines bescheidenen und keuschen Lebens auf den großen Hunger der heutigen Gesellschaft nach authentischen und aufrichtigen Beziehungen eine wirksame Antwort zu geben" (Nr. 26).
Alle Berufungen sind wichtig
Neben dem Gebet um Berufungen empfiehlt der Papst in den abschließenden Nummern des Apostolischen Schreibens "eine Überprüfung der Fruchtbarkeit der pastoralen Praxis der Kirche" (Nr. 28). Dabei ist besonders die Jugendpastoral in den Blick zu nehmen, wobei der Pontifex betont, dass alle Berufungen für die Kirche wichtig sind. Mit einem Zitat des Pfarrers von Ars, dem Patron der Priester, schließt der Papst das Dokument.
Ein kritischer Blick auf das neue Apostolische Schreiben des Papstes zeigt nicht nur, welche Aspekte aus PO und OT besonders rezipiert werden. Er macht auch deutlich, wie der Papst das Priesteramt derzeit konturiert sieht und in welche Zukunft es steuert.
Auffallend ist zunächst, dass Leo XIV. das Thema Berufung relativ breit verhandelt. Für päpstliche Lehrschreiben, die sich mit dem Priesteramt auseinandersetzen, ist das klassisch. Denn jedes Amt hängt an einer Berufung und das gilt in besonderer Weise für das Priesteramt. Jedoch ist Berufung vor allem ein Begriff, der nicht objektiv nachvollziehbar und daher anfällig für Machtmissbrauch ist. Gerade dort, wo Entscheidungen hinter verschlossenen Türen getroffen wurden, spricht man gerne von Berufung. Und zugleich wird die gesamte Prekarität des Berufungsbegriffs dort deutlich, wo die Kirche zur Berufungsprüferin wird und entscheidet, bei welchen Menschen ein göttliches Handeln vorliegt und bei welchen nicht.
Und immer wieder der Pfarrer von Ars
Auch die Rede von der Brüderlichkeit, die der Papst hervorhebt, ist mit äußerster Vorsicht zu genießen. Wo immer noch von "Mitbrüdern" gesprochen wird, wird Klerikalismus befördert und ein abgeschlossener Raum geschaffen, der nur mit dem Schlüssel der Weihe zugänglich wird. Wer keinen Anteil hat am Weiheamt, bleibt gegenüber den "Mitbrüdern" ohnmächtig.
Ein Kirchenfenster zeigt den heiligen Jean-Baptiste Marie Vianney (1786-1859), den "Pfarrer von Ars", in der Kirche Sacre Coeur in Saint Ouen (Frankreich).
Besonders auffällig ist, dass Leo XIV. in seinem Apostolischen Schreiben wieder auf den Pfarrer von Ars verweist. Jean-Marie Vianney verkörperte als Priester das Kirchenbild des 19. Jahrhunderts: strenge Fixierung auf die Eucharistie, der Priester als tüchtiger Beichtvater, der Dorfpfarrer als Ideal. Noch bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde Vianney gern in den Schreiben der Päpste zitiert. Weder PO noch OT verweisen jedoch auf den Pfarrer von Ars. Das hat damit zu tun, dass die Ekklesiologie des Konzils und damit auch sein Priesterbild nicht mehr mit dem übereinstimmten, was Vianney als Priester verkörperte. Mit PO hatte das Konzil eine neue Theologie des Weiheamts vorgelegt – und hätte eigentlich zugleich neue Vorbilder für die Priester vorlegen müssen. Wenn nun Leo XIV. wie zuvor auch Benedikt XVI. wieder auf den Pfarrer von Ars verweisen, bedeutet das auch für das Kirchenbild einen Rückschritt ins 19. Jahrhundert.
Alles in allem gibt es hinsichtlich des Priesteramts eine interessante Entwicklung. Zwar hebt der Papst in seinem neuen Schreiben immer wieder die hohe Bedeutung der Welt von heute und der sich veränderten Zeit hervor. Im Blick auf das Priesteramt bleibt er jedoch immer wieder dahinter zurück. Gerade die wichtigen Erkenntnisse der letzten Jahre zu den Themen sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch werden nicht beachtet. Stattdessen werden spirituell stark aufgeladene Theoreme rezipiert, die höchst anfällig sind für Missbrauch. Die wirklichen Fortschritte von PO, nämlich die starke Relativierung des Priesteramts durch alle Getauften und die Realisierung der Sendung des Priesters in der Welt von heute bleiben dabei außen vor. Man hätte sich gewünscht, dass der Papst nicht den Pfarrer von Ars zitiert, der für ein antiquiertes Priesterbild steht. Sondern dass er die Arbeiterpriester oder Charles de Foucauld zu Wort kommen lässt: Priester, die Brüder unter Geschwistern waren und die das lebten, was der Glutkern der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils ist: die wahre Gleichheit aller Getauften und ihre Teilhabe am dreifachen Amt Christi.
