Vom merkwürdigen Drang, es den Leuten mal so richtig zu zeigen
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Die Diskussion um die Christmette in der Kirche St. Maria in Stuttgart reißt nicht ab. Jetzt stellt die zuständige Diözese Rottenburg-Stuttgart fest, dass die Reaktionen auf die Übertragung gezeigt hätten, dass religiöse Gefühle verletzt wurden. Der Apostel Paulus sieht solche Verletzungen freilich als Ausweis eines schwachen Glaubens. Angesichts des Verzehrs von Götzenopferfleisch mahnt er: "Gebt Acht, dass diese eure Freiheit nicht den Schwachen zum Anstoß wird! Wenn nämlich einer dich, der du Erkenntnis hast, im Götzentempel beim Mahl sieht, wird dann nicht sein Gewissen, da er schwach ist, verleitet, auch Götzenopferfleisch zu essen? Der Schwache geht an deiner Erkenntnis zugrunde, er, dein Bruder, für den Christus gestorben ist." (1 Kor 8,9-11)
Damit ist der Maßstab gesetzt und die Frage aufgeworfen, was mit der Stuttgarter Weihnachtsinszenierung bezweckt werden sollte. Pfarrer Steiger selbst hält jedenfalls eine Erklärung für notwendig: "Die Krippe zeigt einen echten Menschen. Er liegt dort, elend, nackt und bloß." Irritierend daran ist der offenkundige Drang, den Leuten mal so richtig zu zeigen, was passiert ist.
Vielen dürfte auch heute der Vorgang einer Geburt durchaus vertraut sein, zumindest wenn sie selbst Eltern sind. An Weihnachten geht es aber um mehr. Es geht um die Menschwerdung Gottes, die Paulus mit lapidaren Worten beschreibt: "Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen." (Gal 4,4f) Ob da feuchte Reisblätter eine Rolle gespielt haben, ist nicht überliefert.
Vielleicht hätte die Gemeinde besser einfach in der zweiten Strophe des Liedes "Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich" gesungen: "Er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein." Die Herzen hätten sich erhoben und es wäre von allen alles höchst feierlich gesagt gewesen. Manchmal sagen Lieder mehr, als Inszenierungen zeigen können.
Die Kritik vieler, dass das alles blasphemisch sei, geht meines Erachtens trotzdem ins Leere. Ob Gott gelästert wird, kann Gott selbst entscheiden. Da müssen wir Menschen uns nicht dazwischen drängen. Ich nehme an, dass er milde gelächelt hat bei dieser Inszenierung und sich dachte: da ist doch noch Luft nach oben ...
Der Autor
Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.
