Seit 75 Jahren im Dienst der Kirche

Seniorenmessdiener: "Das war meine 987. Messe"

Veröffentlicht am 26.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Jasmin Lobert – Lesedauer: 

Bottrop ‐ Seit 75 Jahren dient Helmut Kewitsch am Altar von St. Cyriakus in Bottrop – er gehört quasi zum Inventar. Der 86-Jährige kennt jeden Stein der Kirche und kann zu allen Geistlichen eine Anekdote erzählen.

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"Das war meine 987. Messe als Seniorenmessdiener", sagt Helmut Kewitsch in der Sakristei der St.-Cyriakus-Kirche in Bottrop, während er sich das Rochett auszieht. So genau weiß der 86-Jährige das, weil er sich nach jedem Gottesdienst eine kleine Notiz macht. Gezählt sind dabei allerdings nur die Messen, die er seit 2003 als Seniorenmessdiener begleitet hat. Sein Dienst am Altar begann schon viel früher – vor 75 Jahren. Auch dieses Datum kennt Kewitsch genau. Beim Aufräumen fand er einen Briefumschlag mit dem Absender St. Cyriakus. Darin lag eine Postkarte mit der Aufschrift: "Zum ersten Dienst beim heiligen Opfer, 6.–8. November 1950, Kaplan Willi Eilert".

Direkt nach der Erstkommunion wurde Kewitsch Messdiener, genauso wie sein drei Jahre jüngerer Bruder. "Das war damals einfach so, da gab es keine Diskussion", sagt der Rentner. Als lästige Pflicht empfand er den Dienst jedoch nie. "Das war wie eine Jugendgruppe, ich hatte immer Freude daran." Besonders in Erinnerung geblieben sind ihm die gemeinsamen Fahrten nach Haltern am See oder nach Gerleve. "Da kam man hier auch mal raus – das war früher sehr selten."

Jeden Freitag traf sich die Gruppe, um den Ablauf des Gottesdienstes und die Stufengebete zu üben – ein Dialog zwischen Priester und Messdienern vor Beginn der tridentinischen Messe. "Introibo ad altare Die", sagt Kewitsch noch heute aus dem Effeff. "Damals war ja alles noch auf Latein." Auch sonst galten strenge Regeln: Die Hände mussten gefaltet auf Schulterhöhe gehalten, der Ablauf exakt eingehalten werden. "Darauf wurden wir richtig gedrillt", sagt Kewitsch. Viele der Kapläne seien sehr streng gewesen.

Der Beweis: 1950 hat Helmut Kewitsch zum ersten Mal bei einer Messe gedient.
Bild: ©katholisch.de/jlo

Der Beweis: 1950 hat Helmut Kewitsch zum ersten Mal bei einer Messe gedient.

"Sonntags gab es bei uns fünf bis sechs Gottesdienste", erinnert er sich. Der erste begann meist schon um sechs Uhr morgens. "Da kamen dann die Bergleute direkt nach ihrer Schicht." Viele von ihnen schliefen während der Messe ein, erzählt er lachend. Auch sein Vater arbeitete unter Tage. "Immer in Wechselschicht – da mussten wir tagsüber manchmal leise sein, damit er schlafen konnte."

Glaube und Kirche spielten vor allem für Kewitschs Mutter eine zentrale Rolle. Sie stammte aus einer frommen Familie, zwei ihrer Brüder gingen zu den Steyler Missionaren, auch sie selbst fühlte sich dieser Spiritualität eng verbunden. "Hier gab es ein kleines Klösterchen der Steyler Missionare, da ging meine Mutter fast jeden Morgen hin." Kurz nach Kewitschs Abitur im Jahr 1959 starb sie. "Da ging es bei uns drunter und drüber", sagt er. "Wir waren drei Männer allein – mein Vater im Beruf und mein Bruder und ich noch auf dem Gymnasium."

Die Kirche "ist ein Zuhause für mich"

Statt eines Griechisch- und Lateinstudiums in Münster entschied sich Kewitsch deshalb für ein Lehramtsstudium in Essen-Kupferdreh. So blieb er in der Heimat und konnte seinen Vater und den jüngeren Bruder unterstützen. 1962 begann er als Volksschullehrer zu arbeiten, nach der Schulreform 1968 unterrichtete er an einer Hauptschule. Diese Entscheidung, erzählt er, hat er nie bereit. Er habe seinen Beruf immer gerne gemacht – und seine Leidenschaft für Latein habe er bei seinen Nachhilfeschülern ausleben können.

Mit 24 Jahren heiratete er seine Frau Hildegard, die er bei einer Karnevalsveranstaltung der Kirchengemeinde kennengelernt hatte – natürlich in St. Cyriakus. Auch die Taufen der beiden Kinder fanden dort statt. "Das war und ist ein Zuhause für mich", sagt Kewitsch. Nach der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) engagierte er sich zusätzlich als Lektor und Kommunionhelfer. "Da bin ich irgendwie so reingerutscht." Ähnlich erging es ihm im Pfarrgemeinderat: Der Propst überredete ihn 1978 zur Kandidatur, kurz darauf wurde er zum Vorsitzenden gewählt. 16 Jahre lang hatte er dieses Amt inne.

Die Propsteikirche St. Cyriakus liegt in der Bottroper Innenstadt.
Bild: ©katholisch.de/jlo

Die Propsteikirche St. Cyriakus liegt in der Bottroper Innenstadt.

"Die Pfarrgemeinde war mein zweiter Job", sagt der Bottroper. Dass er sich so intensiv engagieren konnte, verdankte er auch seiner Frau. "Meine Frau hat mir immer den Rücken freigehalten. Ohne ihre Unterstützung hätte ich das gar nicht geschafft – ich war ja fast jeden Abend weg." Zu den regelmäßigen Sitzungen kamen zahlreiche Projekte und Fahrten, die er organisierte.

"Das fängt ja schon an beim Martinsumzug", sagt er. "Einmal ist das Pferd zehn Tage vor dem Umzug gestorben, da musste ich ein neues organisieren. Vor allem eins, das für ein Straßenfest tauglich war." Besonders lebhaft erinnert er sich an Gemeindefahrten nach Berlin und München sowie an die Gemeindemission durch drei Redemptoristenpatres aus Bottrop-Kirchhellen. Zwei Wochen lang predigten sie täglich in St. Cyriakus. "Dafür musste ich sieben Jahre im Voraus einen Termin machen, weil sie so gefragt waren", sagt Kewitsch. "Aber das Warten hat sich gelohnt."

Ab 1975 pausierte er bei den Messdienern und sprang nur ein, wenn Not am Mann war. Als Lektor und Kommunionhelfer blieb er jedoch stets nah am Geschehen. So erlebte er auch den ersten Gottesdienst mit Messdienerinnen im Jahr 1985. Nach der Messe sprach er den Prälaten darauf an, der nur erwidert habe: "Das müssen Sie mir doch vor dem Gottesdienst sagen. Das habe ich gar nicht gemerkt." Solche Sprüche habe der Geistliche öfter gemacht, "der war wirklich ein Original", sagt Kewitsch.

Helmut Kewitsch ist aktuell der einzige Seniorenmessdiener in St. Cyriakus.
Bild: ©katholisch.de/jlo

Helmut Kewitsch ist aktuell der einzige Seniorenmessdiener in St. Cyriakus.

Durch sein jahrzehntelanges Engagement kennt Kewitsch nahezu jeden Stein der Kirche und fast alle Menschen, die sich in der Gemeinde einbringen. Er erlebte alle Pröpste seit der Erhebung zur Propstei im Jahr 1950 und kann zu jedem mindestens eine Anekdote erzählen. Den Umbau der Kirche, die liturgischen Veränderungen nach dem Konzil, die Folgen des Missbrauchsskandals und der Corona-Zeit hat er hautnah miterlebt. "Heute ist die Kirche fast leer", sagt er. "Früher fiel man auf, wenn man nicht zum Gottesdienst gegangen ist, heute ist es andersherum." Er wünsche sich, dass wieder mehr Menschen – und vor allem wieder mehr Kinder – den Weg in die Kirche und zum Messdienerdienst fänden.

"Glaube bedeutet für mich eine wohlwollende Perspektive auf die Welt", sagt Kewitsch. Selbst dem Tod seiner Frau vor 17 Jahren kann er etwas Tröstliches abgewinnen. "Ich war dabei, als sie friedlich eingeschlafen ist, sie hatte keine Angst – das hat es mir leichter gemacht." Das Leben hielt sogar noch einmal eine neue Liebe für ihn bereit: Seit zwei Jahren hat der 86-Jährige wieder eine Partnerin. Gemeinsam begleiten sie die Gottesdienste im Bottroper Marienhospital musikalisch.

Was er all die Jahre an seinen Ehrenämtern schätzt? "Die Menschen, die Begegnungen und die Struktur", sagt er. Schon als Kind habe er erfahren, wie sehr ihm regelmäßige Gottesdienste Halt und Rhythmus geben. Das gilt für ihn bis heute. Die Werktagsmesse am Dienstag ist ein fester Termin, ebenso der Küsterdienst im Marienhospital. Außerdem übernimmt er regelmäßig Rosenkranzgebete, Maiandachten und Kreuzwegandachten. Aufhören möchte Helmut Kewitsch noch lange nicht. "Ich mache weiter, solange ich kann", sagt er – und lacht.

Von Jasmin Lobert