Standpunkt

Wenn Geld regiert, leidet die Demokratie – auch bei uns

Veröffentlicht am 22.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Andrea Hoffmeier – Lesedauer: 

Bonn ‐ Die USA zeigen: Wenige gestalten die Regeln – mit globalen Folgen. In Deutschland wird die Dynamik oft übersehen, meint Andrea Hoffmeier. In Krisenzeiten braucht es aber eine Politik, die sich am Gemeinwohl orientiert.

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Annette Zoch beschreibt in ihrem gestrigen Standpunkt eindrücklich, wie der Reichtum einiger weniger immer weiterwächst – und damit auch ihre Macht. Die Politik in den USA zeigt, wohin das führen kann: Wenige gestalten die Regeln nach ihrem Gutdünken, mit globalen Folgen.

In Deutschland übersehen wir oft die Dynamik vor der eigenen Haustür. Laut Oxfam besitzt das reichste Prozent so viel Vermögen wie die unteren 87 Prozent zusammen. Deutschland gehört heute zu den Industrienationen mit der größten Vermögensungleichheit. Gleichzeitig geraten öffentliche Einrichtungen und soziale Sicherungssysteme unter Druck. Viele erleben einen Staat, der für sie nicht mehr funktioniert: marode Schulen, fehlende Arztpraxen, ausgedünnter Nahverkehr, kaputte Straßen. Entscheidungen scheinen fern vom Alltag getroffen. Ohnmacht, Angst und Ungerechtigkeit schaffen den Nährboden für Frust und Extremismus.

Hinzu kommt: Drei Viertel der deutschen Superreichen verdanken ihr Vermögen nicht Leistung, sondern Geburt, wie eine Analyse von Datapulse zeigt. Das festigt bestehende Machtverhältnisse – und untergräbt den Gedanken echter Chancengleichheit. Was bedeutet Leistungsgerechtigkeit, wenn Milliardenvermögen steuerlich geschont werden, während jede Gehaltserhöhung voll belastet ist? Während der Mittelstand im Schnitt 43 Prozent Abgaben zahlt, kommen Reiche oft mit unter 30 Prozent davon – dank Sonderregeln und Schlupflöchern. Hinzu kommt, dass Steuerhinterziehungen uns als Gesellschaft 200 Milliarden Euro jährlich kosten, das Tausendfache des Leistungsmissbrauchs beim Bürgergeld. Das schwächt Vertrauen – besonders dort, wo staatliche Leistungen wegbrechen und sich viele abgehängt fühlen.

Demokratie lebt nicht vom Wohlstand weniger, sondern vom Vertrauen vieler. Gerade in Krisenzeiten braucht es eine Politik, die sich klar am Gemeinwohl orientiert. Gerechte Steuerpolitik, Bildungsgerechtigkeit und eine faire Vermögensverteilung sind kein Luxus, sondern demokratische Selbstverteidigung.

Von Andrea Hoffmeier

Die Autorin

Andrea Hoffmeier ist Akademiedirektorin der Thomas-Morus-Akademie Bensberg.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.