Zulehner: Neben ehelosen Priestern soll es noch andere geben
Wie können gläubige Gemeinden - trotz des Priestermangels - weiterhin die Eucharistie feiern? Das könnte gelingen - unter einer bestimmten Bedingung. Darüber spricht der emeritierte Wiener Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner im Interview mit katholisch.de.
Frage: Herr Professor Zulehner, viele Kirchengemeinden stehen vor der Frage, wie es weitergeht, wenn der Priester fehlt …
Zulehner: Tatsächlich müssen sich immer mehr Gemeinden mit dem Priestermangel arrangieren. Der Zölibat ist einer der Gründe für den Priestermangel. Es ist theologisch unverständlich, dass uns diese Lebensform der Priester wichtiger ist als die Eucharistiefähigkeit gläubiger Gemeinschaften. Wenn es stimmt, dass der Herzschlag des Glaubens die Eucharistie ist, dann müssen wir bei dieser Frage ansetzen. Wie können gläubige Gemeinden flächendeckend weiterhin die Eucharistie feiern? Der Berufungsmarkt an ehelosen männlichen Priestern trocknet langsam aus. Hier setzt das neue Modell an, das die Menschen in den Gemeinden in den Blick nimmt. Neben dem ehelosen Priester kommt damit noch eine weitere Form des priesterlichen Amtes dazu.
Frage: Meinen Sie damit "viri probati", also erfahrene Männer, die sich eines Tages zu Priestern weihen lassen könnten?
Zulehner: Nein, denn bei den "viri probati" sind bewährte Männer angedacht, die man in herkömmlicher Weise zu Priestern weiht. Ich spreche mit dem jüngst verstorbenen südafrikanischen Bischof Fritz Lobinger vielmehr von "personae probatae". Die Idee, die dahintersteht, ist die: Wir gehen weg von einer "Priesterkirche", die die Pfarrgemeinde vom Priester her denkt, hin zu einer "Taufberufungskirche", die vom Volk Gottes getragen wird. Gläubige Gemeinden wählen etwa drei gemeindeerfahrene Personen, verheiratete oder unverheiratete Männer oder Frauen. Diese erhalten eine Ausbildung und werden dazu in ein lokales Priesterteam geweiht. Die bereits tätigen "erfahrenen Katechetinnen und Katecheten" etwa im Amazonasgebiet wären solche "personae probatae". Als "Priesterteam" leiten sie dann die Gemeinden und stehen den sakramentalen Feiern vor. So entstehen "Priester neuer Art".
Frage: Das heißt diese "personae probatae" werden dann vor allem Ehrenamtliche sein?
Zulehner: In Gemeinden, in denen ich unterwegs bin, sage ich: Wenn ihr das wollt, dass das Evangelium weitergegeben wird, dann braucht es lebendige Gemeinschaften. Diese sind dann wie ein Berufungsbiotop: Berufungen wachsen dort, wo Christen mit Freude das Evangelium leben. Aus diesem Pool werden dann erfahrene Personen für diesen neuen Dienst gewählt, den sie ehrenamtlich ausüben. So entsteht ein neuer priesterlicher Weg in den Gemeinden. Praktisch könnte das so ablaufen: Zunächst braucht es Gemeinden, in denen ausreichend Gläubige ihre Taufberufung angenommen haben. Übrigens warnt Bischof Lobinger davor, etwa durch die Aufhebung des Zölibats oder auch die Frauenordination schnell den Mangel an Priestern zu beheben, ohne auf die Entwicklung gläubiger Gemeinden zu achten. Der Schlüssel für die Zukunft sind die Gemeinden von entschiedenen Mitgliedern und nicht das Vorhandensein von vielen Priestern. Ohne lebendige Gemeinden hat auch der Priester keine Zukunft.
„Der Zölibat ist wie die Ehe eine Hochrisikolebensform. Laut meinen Umfragen scheitert ein Drittel in beiden Lebensformen. Egal für welche Lebensform sich jemand in Zukunft entscheidet, wichtig ist, dass diese Person in ihrer Lebensform zufrieden damit ist. Das betrifft alle Seelsorgenden in einer Gemeinde.“
Frage: Was wäre aber, wenn es in den Gemeinden nicht mehr so viele Ehrenamtliche gäbe, weil sie sich enttäuscht abwenden, weil die Kirche keine Frauen weiht?
Zulehner: Den Zugang von Frauen zu sakramentalen Ämtern in der Kirche zu öffnen, geht leider zu langsam und hätte schon längst erledigt werden müssen. Es gibt also keine wirklich tragfähigen Gründe, Frauen den Zugang zur Priesterweihe auf Dauer zu verschließen. Wenn Frauen getauft werden, dann repräsentieren sie genauso wie Männer den auferstandenen Christus und nicht den männlichen Tischler von Nazareth. Amtsträger repräsentieren zudem auch die weibliche Kirche. Niemand folgert, dass man deshalb nur Frauen weihen dürfe.
Frage: Bislang können in der katholischen Kirche nur unverheiratete Männer die Priesterweihe erhalten. Nach Ihrem Modell könnten dann verheiratete Priester neben den zölibatären bestehen?
Zulehner: Ja, auf diese Weise kommt zu dem ehelosen Priester eine neue Form des priesterlichen Amtes dazu. Viele sehen die Kirche als etwas, wo ich etwas bekomme und nehme, aber ich lege selbst nichts dazu. Sie sehen Kirche als Dienstleistungskirche. Sie erwarten perfekte Dienstleistungen wie die die Feier der Taufe, die Trauung oder die Beerdigung von Angehörigen. Gleichzeitig sind diese Mitglieder zu bequem dazu, sich selbst in der Gemeinde zu engagieren. Die Zukunft der Kirche lebt aber davon, dass wir von einer Dienstleistungskirche hin zu einer Taufberufungskirche kommen, in der sich viele engagieren. Das entspricht mehr dem, was das Zweite Vatikanum fordert, dass viele Gläubige ihre Berufung annehmen und sich aktiv in die Gemeinde einbringen. Einige aus diesen erfahrenen Gemeindemitgliedern werden dann geweiht.
Frage: Wäre es nicht eine schnellere Lösung, wenn der Pflichtzölibat für Priester aufgehoben werden würde, auch um keine Doppelmoral zu fördern?
Zulehner: Der Zölibat ist wie die Ehe eine Hochrisikolebensform. Laut meinen Umfragen scheitert ein Drittel in beiden Lebensformen. Egal für welche Lebensform sich jemand in Zukunft entscheidet, wichtig ist, dass diese Person in ihrer Lebensform zufrieden damit ist. Das betrifft alle Seelsorgenden in einer Gemeinde. Ein Manager, der in seiner Ehe nicht zufrieden ist, ist ein unternehmerisches Risiko für eine Firma. Der Schlüssel für zukünftige AmtsträgerInnen ist eine möglichst hohe Lebenszufriedenheit. Das kann bedeuten, dass man eine unheilbar gescheiterte Lebensform verlassen soll, will man gute Seelsorge haben. Ich wünsche mir also eine Verlagerung von der frei wählbaren Lebensform zu gut geförderter Lebenszufriedenheit.
Eine leere Holzkirche aus Bambus in der Amazonas-Gegend. Die dort tätigen "erfahrenen Katechetinnen und Katecheten" könnten laut dem Wiener Pastoraltheologen Paul Zulehner "personae probatae" und damit "Priester neuer Art" sein.
Frage:Könnte dieses neue Priestermodell den Klerikalismus verschärfen?
Zulehner: Eine gediegene Begleitung der ehrenamtlichen Priester wird das verhindern. Es kann sein, dass manche herkömmlichen Priester befürchten, dass ihr priesterlicher Dienst dadurch ausgehöhlt wird. Das macht sie "sekundärklerikal" aus einer gewissen Angst vor einem Bedeutungsverlust heraus. Bei meinen Priesterstudien habe ich festgestellt, dass manche Kleriker um ihre Entscheidungsmacht und um ihre Autorität besorgt sind. Sie neigen wegen ihrer ängstlichen Befürchtungen zu autoritären Tendenzen. Schon Papst Franziskus hatte dieses Verhalten gegeißelt. Der Klerikalismus bei Priestern ist aber nur die eine Seite. Ich sehe vielmehr einen Erwartungsklerikalismus bei den Leuten in den Gemeinden. Sie sind weiterhin zu bequem dazu, sich einzubringen, weil sie sich von der Kirche alle möglichen Dienstleistungen von einem Priester erwarten oder von amtlich bestellten Personen, anstatt sich selbst einzubringen.
Frage: Dieses neue Modell der "personae probatae" könnte in Konkurrenz zu den bislang von einem Bischof geweihten Priestern treten ...
Zulehner: Ich sehe da keine Konkurrenz. Es wird im wünschenswerten Fall ein schöpferisches Miteinander sein, das die traditionelle Form des Priesters und die neue Art von ehrenamtlichen Priestern miteinander verbindet. Beide bringen der Kirche Reichtum. Aber es wird auf jeden Fall ein Umdenken für die bisherige Form akademisch ausgebildeter Priester brauchen. Sie werden eine Art Minibischöfe für mehrere ehrenamtliche Priesterteams der neuen Art sein. Das ist vergleichbar mit dem, was manche leitende Priester schon jetzt machen, wenn sie für ihre Großpfarreien verantwortlich sind und ein oder mehrere Teams an Ehrenamtlichen begleiten.
Frage: Sehen Sie dadurch ein Ende des Priestermangels?
Zulehner: Wenn es gelingt, dass viele Getaufte ihre Berufung annehmen oder manche erst später ihre Berufung erkennen und sich taufen lassen, wenn diese engagierte Gemeinden des Evangeliums bilden und sich also viele einbringen und gemeindliche Erfahrungen sammeln, dann finden sich in ihnen "bewährte Personen", die gewählt, ausgebildet und in ein Priesterteam geweiht werden können. Und dann können sie mit den Gemeinden die Eucharistie feiern, in der sie für ihren Dienst in der Welt "gewandelt werden". Ich bin davon überzeugt, dass die Zukunft der Kirche davon abhängen wird, ob es Gemeinschaften des Evangeliums geben wird, die ihre Taufberufung angenommen haben. Wird dieser Weg eingeschlagen, naht tatsächlich das Ende des Priestermangels.
