Himmelklar – Der katholische Podcast

Pfarrerin: Warum Einsamkeit uns alle betrifft

Veröffentlicht am 28.01.2026 um 00:15 Uhr – Von Verena Tröster – Lesedauer: 

Köln ‐ Immer mehr Menschen in Deutschland fühlen sich einsam. Die Pfarrerin und Diakoniewissenschaftlerin Stephanie Hecke kennt die stille Gefährtin der Einsamkeit selbst und erklärt, welche Gefahr von ihr ausgeht.

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Einsamkeit gehört zu uns Menschen. Mancher begegnen ihr nur punktuell im Leben, bei anderen bleibt sie länger, die stille Gefährtin der Einsamkeit. Die Pfarrerin und Diakoniewissenschaftlerin Stephanie Hecke kennt die Gründe, weshalb sich immer mehr Menschen einsam fühlen und sie beleuchtet das Phänomen der Einsamkeit aus verschiedenen Perspektiven: Wissenschaftlich – wie lässt sich Einsamkeit erklären; Empirisch – wie wird sie von Betroffenen erlebt; und auch politisch – wieso ist unsere Demokratie gefährdet, wenn Einsamkeit verstärkt um sich greift? Im Podcast erzählt Hecke von eigenem Einsamkeitserleben und erklärt, wie wir sie überwinden können.

Frage: Sie gehören nicht zur gefährdeten Gruppe der Einsamen, oder?

Hecke: Wenn man ganz klassisch an Einsamkeit denkt, dann gehöre ich nicht zu den klassischen Einsamen, weil ich in einer Partnerschaft lebe, ein soziales Umfeld habe und eine Familie, Freundschaften und einen Job habe. Trotzdem würde ich sagen, ich gehöre zu den potenziell Einsamen, weil ich davon ausgehe, dass eigentlich jeder Mensch ein potenziell einsamer Mensch ist. Wir alle haben Einsamkeitserfahrungen, ganz egal, in welchen Konstellationen wir leben.

Frage: Wo haben Sie Einsamkeitserfahrungen gemacht?

Hecke: Eine Erfahrung, die mir sehr gut in Erinnerung ist, war meine erste und deutlichste Erfahrung mit der Einsamkeit, die ich hatte, als ich zum ersten Mal allein in den Urlaub gefahren bin. Das kennen vielleicht manche, die auch gerne allein verreisen. Es war gar nicht diese Reise an sich, die hat gut funktioniert und mir viel Freude gemacht. Es war eine besondere Erfahrung in dem Urlaub, nämlich das Abendessen im Hotel. Und das wiederum kennen, glaube ich, viele Menschen, wenn man mal allein essen geht.

Das war für mich schon wirklich eine besondere Erfahrung. Ich bin in das Restaurant gegangen und habe mich total auf das Abendessen gefreut. Dann wurde ich vom Kellner schon ein bisschen komisch angeschaut, dass ich da als junge Frau allein komme. Und dann hat er auch zweimal nachgefragt, ob ich wirklich allein bin. Und ich habe zweimal gesagt: Ja, ich möchte allein zu Abend essen. Er hat mich dann an einen Tisch geführt, der aber natürlich für zwei Personen eingedeckt war.

Frage: Und dann wird ein Gedeck weggeräumt …

Hecke: Ja, und das ist schon ein komisches Gefühl. Da habe ich mich wirklich unwohl gefühlt am Anfang. Je länger ich dort saß, bin ich richtig einsam geworden. Ich habe dann um mich herum die Menschen beobachtet und wahrgenommen. Ich war die Einzige, die allein essen war. Das mache ich eigentlich häufig. Ich gehe auch gerne allein ins Café, da ist mir das noch nie aufgefallen. Aber diese Situation – Abendessen – ist echt was Besonderes. Da waren überall Menschen um mich herum. Es war eine ausgelassene, schöne Atmosphäre, und ich habe mich mit jedem Moment einsamer gefühlt. Das ist so ein kleiner Moment, der war nicht schlimm, aber da habe ich gemerkt: Es braucht gar nicht erst eine große Krise oder eine Katastrophe im Leben, um sich einsam zu fühlen, sondern diese Erfahrung machen wir eigentlich hin und wieder alle.

„Wir alle haben Einsamkeitserfahrungen, ganz egal, in welchen Konstellationen wir leben.“

—  Zitat: Stephanie Hecke

Frage: Was macht dieses Gefühl der Einsamkeit aus? Es ist ja nicht das Alleinsein an sich. Ist es die fehlende Ansprache?

Hecke: Ja, fehlende Ansprache gehört sicher dazu. Auf jeden Fall ist es nicht das Alleinsein. Das ist wirklich ein ganz großer Unterschied. Das Alleinsein beschreibt für mich viel eher einen Zustand. Bin ich allein? Sind da noch Menschen um mich herum oder nicht? In diesen Situationen, wie da im Restaurant, war ich nicht allein, da waren Menschen um mich herum. Andererseits fühle ich mich nicht automatisch allein, wenn ich allein in meiner Wohnung bin. Das ist der Unterschied. Das Alleinsein ist ein Zustand und das Sich-einsam-fühlen ist ein Gefühl. Das ist eine Wahrnehmung, die jeder Mensch ganz unterschiedlich empfindet.

Im ganz Groben kann man sagen, dass man sich dann einsam fühlt, wenn man einen negativen Unterschied spürt zwischen den Beziehungen, die man sich wünscht, und den Beziehungen, die man tatsächlich hat. Also wenn es da einen Unterschied gibt. Das kann über einen längeren Zeitraum sein, es kann aber auch punktuell sein, wie in diesem Restaurantbeispiel. In diesem einen Moment habe ich mir jemanden gewünscht, der dann da ist. Wenn es einen Unterschied gibt zwischen den Beziehungen, die ich mir wünsche, sowohl von der Anzahl der Menschen, als auch von der Qualität dieser Beziehungen, und denen, die tatsächlich da sind.

Frage: Sie haben ein Buch über die Einsamkeit geschrieben: "Die stille Gefährtin". Ist die Einsamkeit also eine Gefährtin, die jeden Menschen durchs Leben begleitet und mal stärker zum Vorschein kommt und mal weniger stark da ist?

Hecke: Ja, ich würde das genauso beschreiben, dass Einsamkeit zu den Gefühlen gehört und dass das einfach menschliches Leben ausmacht. Also genauso, wie wir Menschen im Lauf unseres Lebens mal Trauer empfinden, genauso wie wir aber auch tiefe Freude oder ganz großes Glück empfinden können, gehört auch Einsamkeit und Phasen der Einsamkeit zum menschlichen Leben mit dazu. Dieses Gefühl ist deswegen wie eine Gefährtin, die das ganze Leben so ein Stück weit mit uns geht. Aber natürlich gibt es einen ganz großen Unterschied, denn dann, wenn wir nicht so stark unter der Einsamkeit leiden, gibt es Episoden oder Phasen oder Erlebnisse, wie das, was ich aus dem Restaurant geschildert habe, in denen wir uns mal einsam fühlen und dann auch wieder nicht mehr.

Das verändert sich dann, wenn Menschen sich über einen längeren Zeitraum oder wirklich intensiv einsam fühlen. Dann ist es keine Gefährtin mehr, die kommt und geht, sondern dann wird sie wirklich zu einer Begleitung. Dann tritt eine Situation ein, in der Einsamkeit für Menschen wirklich gefährlich werden kann, in der sie uns krank machen kann und in der wir an uns selbst zweifeln. Da müssen wir unterscheiden zwischen der Einsamkeit, die wir alle kennen und die zum Leben dazu gehört, und zwischen den Formen von Einsamkeit, die Menschen in ganz große Lebenskrisen stürzen können.

Eine Frau macht alleine eine Spaziergang.
Bild: ©fotorince/Fotolia.com (Symbolbild)

Nicht nur ältere Menschen sind einsam.

Frage: Ganz spannend im Zusammenhang mit Einsamkeit ist die Frage, wie persönliche Einsamkeitserfahrungen von Menschen auf unsere Gesellschaft wirken. Politisch zum Beispiel. Einsamkeit beeinflusst die politische Meinungsbildung.

Hecke: Ja, es gibt eine ganz aktuelle Studie unter jungen Menschen, die das Erleben von Einsamkeit und die politische Einstellung untersucht. Das Hauptergebnis ist, dass es einen ganz klaren Zusammenhang zwischen Einsamkeitserfahrungen und antidemokratischen Haltungen gibt, sodass junge Menschen sich viel häufiger als ihre Vergleichsgruppe, die sich nicht einsam fühlt, radikalisieren und extreme politische Meinungen annehmen. Das einfach mal so als statistischer Befund. Das gibt es bisher nur für junge Menschen, aber ich denke, bei erwachsenen Menschen wäre das wahrscheinlich gar nicht so anders. Ich glaube, was dahintersteht, ist eine Wahrnehmung, über die wir schon gesprochen haben und die bei uns total verbreitet ist, dass viele Menschen sich mit ihrer Lebenssituation nicht verstanden fühlen und sich nicht gehört und gesehen fühlen.

Frage: Also Einsamkeit hat Auswirkungen auf das staatliche Gefüge?

Hecke: Ja. Menschen, die das Gefühl haben, dass sie hier in diesem Land auch in ihrer politischen Meinung sowieso nicht ernst genommen werden, nicht gehört werden, nicht gesehen werden, das sind Menschen, die zum Beispiel eher dazu bereit sind, nicht mehr zu wählen. Oder die sich radikalen oder radikalisierten politischen Gruppierungen anschließen. Insofern ist es eine wichtige Tendenz, die jetzt gerade in diese Zeit passt, wo wir merken: Einsamkeit ist sehr viel mehr als nur Gefühlsduselei. Das ist es wirklich gar nicht, sondern es ist ein Phänomen, das uns persönlich betrifft, unsere Gesundheit betrifft, aber eben auch politische Einstellungen betrifft.

Frage: Kann das auch eine Folge dessen sein, dass bei vielen Menschen der Glaube, Gemeinde und Gemeinschaft wegfallen, dass die Kirche in den Dörfern, in den Stadtteilen keine große Rolle mehr spielt?

Hecke: Ja, ich glaube schon. Eine Sache, die mit verloren geht, wenn wir uns einsam fühlen, ist, dass wir einen Verlust haben an Menschen, mit denen wir dieselben Werte teilen. Das ist ja etwas, was traditionell die Kirche und die Kirchengemeinde übernommen hat. Dort sind Menschen zusammengekommen, die in religiöser Hinsicht dieselben Werte teilen. Das geht auf jeden Fall einher, der Bedeutungsverlust von Kirche, aber dass sich Kirche da auch ein bisschen zurückgezogen hat oder dass Menschen die Formen heutzutage weniger annehmen.

In irgendeiner Weise bräuchte es neue Formate, in denen Menschen zusammenkommen, um über das zu sprechen, was ihre Werte sind, was sie nicht hergeben wollen in ihrem Leben, was ihnen so wichtig ist, dass sie dafür alles aufs Spiel setzen würden. Deswegen: Neue Formen von Verbundenheit und Zugehörigkeit zu schaffen, das wäre in meinen Augen eine große und wichtige Aufgabe von Kirche, aber natürlich auch von anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren. Als Pfarrerin und als Theologin sehe ich da auf jeden Fall bei uns in unseren eigenen Verantwortlichkeiten eine ganz große Aufgabe.

Von Verena Tröster