Standpunkt

75 Jahre, 75 Stimmen, eine gewaltige Leerstelle

Veröffentlicht am 29.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Christoph Strack – Lesedauer: 

Bonn ‐ Welche Rolle spielt Religion noch in der Gesellschaft? Eine Antwort gibt ein Jubiläumsheft der Journalistengewerkschaft DJV, kommentiert Christoph Strack. Er zeigt auf, wo Medien heute blinde Flecken haben.

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Glückwunsch an den "Journalisten". Das Mitgliederheft des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) wurde 75 Jahre alt – und feiert sich mit einer "Jubiläumsausgabe": mit "Gedanken zum Journalismus" von 75 Ideengebern.

Da kommen große und auch weniger bekannte Namen zu Wort. Eins fällt dabei auf: Niemand kommt aus irgendeinem kirchlichen oder religiösen Kontext, sei es "Chrismon" oder Herder. Weder der für seine Arbeit beim "Kölner Stadt-Anzeiger" preisgekrönte Vorsitzende der Gesellschaft katholischer Publizistinnen und Publizisten (GKP), Joachim Frank (2023 "Stern-Preis" und Wächterpreis), noch der "Chefredakteur des Jahres" 2023, Philipp Peyman Engel von der "Jüdischen Allgemeinen", noch, zum Beispiel, Christiane Florin. Dafür mancher CEO jenseits des Journalistischen, bei dessen Beitrag man leise hofft, dass er die Zeilen wenigstens nicht selber geschrieben hat.

Aber es müssen ja nicht die "Köpfe" sein. Gewiss wird, denke ich, ein Ideengeber das Groß-Thema Religion inhaltlich streifen. Aber nein, komplette Fehlanzeige. So ist die Lage. Im ganzen Heft tauchen die Begriffe "Religion", "Gott", "Spiritualität" nie auf. Ist das Themenfeld so irrelevant? "Jesus" übrigens findet sich zumindest einmal. Da verweist Miriam Meckel auf eine KI-Aussage: "... dass Elon Musk Jesus übertrifft".

Zwar beschwören einige wenige "Optimismus". Der "Zeit"-Chefredakteur Jochen Wegner kommt in seinen 37 (siebenunddreißig!) Antworten mal auf "Hoffnung" oder "Wahrheit", mal auf "... großer Zauber inne". Und der ARD-Vorsitzende betont, dass die Demokratie einen "Entwurf" brauche, "der durch die Rückgewinnung von Sinn in einem Vakuum entsteht, das sonst von Unsinn gefüllt wird". Das verstehe, wer will. Summt der Herr da das Böckenförde-Diktum? Man kann es nur vermuten.

Zu den bisherigen Akzenten von Papst Leo gehört das Nachdenken über dieses Thema KI – auch im Journalismus. Der 70-jährige Kirchenmann reflektiert da ethisch mehr als die meisten der Beiträge im "Journalist"-Heft, die ganz schnell bei der KI-Vernutzung sind. In rund 30 der 75 Beiträge wird "KI" erwähnt oder thematisiert.

Eine Autorin sei als Ausnahme genannt und hier knappst zitiert. Aya Jaff, mit 30 Jahren wohl die jüngste, geboren im Nordirak, Sachbuchautorin und Unternehmerin, mahnt: "Digitalisierung wird oft als Fortschritt präsentiert. ... Doch der Journalismus darf sich nicht von dieser Oberfläche blenden lassen. Sein Auftrag ist nicht, technische Neuerungen zu feiern, sondern die Machtstrukturen sichtbar zu machen, die sie formen ..." Danke dafür.

Ein fast ärgerliches Heft, eine vergebene Chance.

Ach ja, im Editorial erinnert "Journalist"-Chefredakteur Matthias Daniel an den DJV-Chef von 1951, Helmut Cron. Übrigens hieß der erste Vorsitzende der GKP bis 1952 Heinrich Jansen Cron. Verwandtschaft? Es wäre eine gute Pointe.

Von Christoph Strack

Der Autor

Christoph Strack ist Fachredakteur der Deutschen Welle für Religion und Religionspolitik – und seit 35 Jahren DJV-Mitglied.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.