Ordensoberin aus Österreich: "Wollte ein richtiges Ordenskleid"

Dass Ordensleute ein Burnout haben, sei gar nicht so selten, erklärt Franziska Madl. Die 46-jährige Dominikanerin aus Wien vertritt als Vorsitzende der Ordenskonferenz in Österreich die Interessen anderer Ordensleute. Nebenher arbeitet die ausgebildete Theologin noch als Psychotherapeutin. Und das hat einen bestimmten Grund. Im Interview mit katholisch.de spricht die Ordensoberin offen darüber.
Frage: Schwester Franziska, Sie arbeiten als Psychotherapeutin. Wie kam es dazu?
Schwester Franziska: Als Dominikanerin habe ich einen apostolischen Auftrag. Das heißt, jede Schwester hat einen Beruf und verdient ein Einkommen, das der Gemeinschaft zugutekommt. Ich lebe mein Apostolat derzeit als Psychotherapeutin und arbeite zweimal in der Woche in meiner Praxis. Früher habe ich als Seelsorgerin in einem Krankenhaus gearbeitet. In den vielen Gesprächen mit Patienten habe ich gemerkt, dass ich zu wenig psychologisch ausgebildet bin. Der tatsächliche Auslöser war dann aber, dass es mir selbst nicht gut ging. Ich litt an Depressionen und bin an einem Burnout erkrankt. Eine Therapie hat mir damals sehr geholfen. Daher kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass Psychotherapie den Menschen helfen kann. Das will ich gerne Menschen anbieten.
Frage: Sie litten im Kloster an einem Burnout?
Schwester Franziska: Dass Ordensleute ein Burnout haben, ist gar nicht so selten. Bei mir ist es so, dass ich phasenweise eine Neigung zur Depression habe. Dadurch, dass ich mich selbst professionell damit auseinandergesetzt habe, weiß ich, wie es dazu kommt und wie ich gut damit umgehen kann. Das ist das Gute bei der Psychotherapieausbildung, man lernt sich selbst gut kennen. Ich habe selbst davon profitiert. Das heißt, ich spüre es körperlich schon, wenn ich zum Beispiel zu viele Aufgaben stemmen muss und es mir zu viel wird. Das merke ich dann psychisch. Ich kann auf jeden Fall mitempfinden, wenn ein Patient darunter leidet, was er durchmacht. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man Depressionen hat.
Frage: Sie sagen, dass es gar nicht so selten ist, dass Ordensleute ein Burnout haben. Woran liegt das?
Schwester Franziska: Vor allem jüngere Ordensleute spüren oft eine große Belastung. Ich war einmal bei einem größeren Ordenstreffen. Da hat eine junge Schwester mutig vor dem Plenum gesagt, wie schlecht es ihr damit geht, dass sie immer zu hören bekommt, sie sei die "Hoffnung" der Gemeinschaft. Was wäre denn, wenn sie sich entscheidet, aus dem Orden auszutreten? Ist dann damit die ganze Hoffnung weg? Ich denke, das macht etwas mit dem eigenen Lebensgefühl. Das ist ein enormer Druck, der da auf einzelnen Ordensleuten lastet. Manchmal ist es das Ausmaß der Arbeit und der Verantwortung. Immer mehr Aufgaben werden auf immer weniger Schultern verteilt.
Frage: Kommen Mitschwestern oder andere Ordensleute in Ihre Praxis für eine Therapie?
Schwester Franziska: Es ist nicht möglich, Familienangehörige, Mitschwestern, Freunde oder Bekannte in Therapie zu nehmen. Das geht einfach nicht und würde gegen die Regeln verstoßen. Ich kann niemanden therapieren, den ich kenne oder der mich kennt. Ich habe Ordensleute als Klienten, aber die kannte ich vorher nicht – und ich kenne auch ihre Gemeinschaft oder ihre Oberen persönlich nicht. Als Therapeutin gebe ich zum Beispiel keine Tipps oder Ratschläge. Es geht mir darum, die Leute zum Reflektieren zu bringen, so dass sie selbst herausfinden, was gut für sie ist, was für sie passt und welche Schritte sie als nächstes gehen können.
Seit 2018 ist Schwester Franziska Madl Priorin ihrer Gemeinschaft und leitet den Konvent der Dominikanerinnen in Wien. Dort betreiben die Schwestern auch ein Schulzentrum.
Frage: Tragen Sie als Psychotherapeutin in der Praxis einen Habit?
Schwester Franziska: Nein, dort trage ich keinen Habit. Das würde die Therapie schwieriger machen. Manche Patienten wissen, dass ich Ordensfrau bin, andere wissen das nicht. Ich trage als Therapeutin bewusst kein Ordenskleid. Die Leute kommen zu mir, weil sie Hilfe suchen. In den Gesprächen soll es nicht um mich und mein Ordenskleid gehen. Die Therapie ist in Österreich gesetzlich geregelt. Es ist gut, wenn die Klienten möglichst wenig über den Therapeuten wissen, damit er nicht zu einer Projektionsfläche für sie werden kann. Daher ist es bei der Kleidung wichtig, dass die möglichst neutral ist. Das Ordenskleid ist für manche Menschen schon inhaltlich gefüllt. Wenn Menschen mich im Ordenskleid sehen, verbinden sie mit mir etwas oder es erinnert sie an etwas - vielleicht auch unreflektiert, was mit mir als Person nichts zu tun hat. Entweder sie haben positive Erfahrungen oder eine negative damit gemacht oder gar keine. Meistens haben sie ein Klischee vor Augen. Aber wie gesagt: In der Therapie geht es um die Person, die mir gegenübersitzt, und nicht um mich.
Frage: Neben Ihren Aufgaben als Psychotherapeutin sind Sie die Priorin Ihres Konvents in Wien. Ich nehme an, dass Ihr Mitschwestern deutlich älter als Sie sind. Wie ist das für Sie?
Schwester Franziska: Ich mag alte Leute. Ich bin selbst bei meinen Großeltern aufgewachsen und war später die Erwachsenenvertretung für meine Oma. Ich habe mich sehr gut mit ihr verstanden. Ich war zum Beispiel auch die, die die Entscheidung getroffen hat, dass meine Oma ins Altenheim soll, weil sie Palliativpflege brauchte und es zu Hause nicht mehr ging. Und sie hat diese Entscheidung gut von mir angenommen. Das ist hier im Kloster ähnlich. Als Priorin kümmere ich mich darum, dass meine älteren Mitschwestern gut versorgt und gepflegt werden. Wir haben sehr gute Mitarbeitende. Ich fahre die Schwestern schon mal zu Arztterminen, aber ich übernehme jetzt nicht die Pflege. Wir machen alles, was möglich ist, aber wir sind nicht überirdisch. Wir haben hier im Kloster faktisch keinen Nachwuchs, daher sind wir auf Hilfe von außen angewiesen. Es klappt gemeinsam recht gut und ich werde sehr gut von unserer Subpriorin unterstützt.
„Jede Schwester entscheidet aber selbst, ob es Gelegenheiten gibt, wo das Ordenskleid nicht passt und eher hinderlich ist. Wir sind als Ordensleute freie Menschen, das selbst zu entscheiden.“
Frage: Warum haben Sie sich entschieden, in einen Orden einzutreten?
Schwester Franziska: Ich bin mit 21 Jahren eingetreten. Damals habe ich in Wien katholische Theologie studiert und gemerkt, dass ich eine Berufung zu einem geistlichen Leben in Gemeinschaft habe. Dann habe ich nach einer passenden Gemeinschaft gesucht. Weil ich schon eine Dominikanerin von der Universität her kannte, war ich einmal zu Besuch in dem Kloster. Dort habe ich mich gleich wohlgefühlt, die ganze Atmosphäre und dass die Schwestern Berufen nachgingen und sehr offen waren hat mich angesprochen. Ich wollte so ein selbständiges Leben als Ordensfrau haben, ich wollte ein richtiges Ordenskleid und ein richtiges Kloster. Ich sehnte mich nach dem täglichen Chorgebet und nach der Liturgie. Das habe ich alles hier gefunden. Daher bin ich glücklich. Ich trage wie meine Mitschwestern das Ordenskleid prinzipiell und aus Liebe. Das ist das Kleid des Heiligen Dominikus. Jede Schwester entscheidet aber selbst, ob es Gelegenheiten gibt, wo das Ordenskleid nicht passt und eher hinderlich ist. Wir sind als Ordensleute freie Menschen, das selbst zu entscheiden. Das finde ich wichtig. Natürlich kann ich zu einer Berufung auch Nein sagen. Der Ruf Gottes ist immer eine Einladung. Ich bin nicht gezwungen worden, hier zu leben. So etwas würde nicht funktionieren. Aber wenn ich weiß, warum ich eingetreten bin, dann hilft mir das. Ich bin wegen Jesus Christus hier.
Frage: Denken Sie, dass es besser ist, wenn Orden Ihren Mitgliedern mehr Freiheiten geben oder doch auf strenge Regeln beharren?
Schwester Franziska: Ich denke es braucht beides, damit es gut ist. Aber Ordensleben ist nicht "attraktiv". Ordensleben war immer gedacht als Minderheitenprogramm. Das klingt jetzt so negativ. Aber das Leben in einem Orden war von Anfang an nicht etwas, für das wir Werbung machen könnten oder Leute rekrutieren müssten. Vor kurzem hat mich jemand darauf angesprochen, der im Personalmanagement arbeitet. Er meinte zu mir, wir müssten als Ordensvertreter mehr Werbung machen, die Leute mehr ansprechen, damit wir mehr Mitglieder gewinnen. Ich sage aber: Wir sind keine Firma, wir sind kein Beruf, wir sind eine Lebensform und eine Berufung. Wir machen keine Berufungen. Gott ist derjenige, der beruft. Und was einem dann attraktiver erscheint, ob es eine Gemeinschaft ist, die traditioneller lebt oder eine eher offenere Form, ist eine persönliche Entscheidung.
Zur Person
Schwester Franziska Madl (46) ist Dominikanerin und steht gemeinsam mit Propst Anton Höslinger an der Spitze der Österreichischen Ordenskonferenz, einer Interessensvertretung aller Ordensgemeinschaften in Österreich nach innen und außen. Die Ordensoberin versteht ihre Aufgabe darin, zu vernetzen, Informationen auszutauschen und zu beraten in den Bereichen Gesundheit, Pflege, Bildung, Prävention und Opferschutz sowie Rechtsfragen.