Standpunkt

Der Heilige Geist ist mehr als fromme Innerlichkeit

Veröffentlicht am 10.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Michael Böhnke – Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Theologie ist gut beraten, dem Heiligen Geist in der spirituellen Praxis Aufmerksamkeit zu schenken, kommentiert Michael Böhnke. Doch sie habe auch zu zeigen, dass der Heilige Geist darin allein nicht aufgehe.

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Spiritualität boomt! Theologie nicht! Theologie gilt als liberal und elitär. Spiritualität nicht! Sie bezeugt die subjektive Aneignung der Objektivität des Heils. Die Sympathie der Bischöfe ist den so gestimmten Frommen gewiss. Theologisch gut begründete Reformanliegen stoßen auf Skepsis. Sie scheitern an der Lehramtstreue konservativer Katholiken. Nur ein spirituelles Zeugnis sei authentisch katholisch, behauptet mancher der ihren selbstbewusst: "Wir sind Papst!" Doch lässt sich der Heilige Geist weder durch hochdosiertes Gebet noch durch stimulierende Events spirituell vereinnahmen. Die Theologie hat das Bekenntnis zu Gottes Geist in allen Dimensionen des Lebens zu entfalten. Und dem ist sie in den vergangenen 50 Jahren nachgekommen. Beispiele müssen genügen.

Papst Johannes Paul II. (1978-2005) hat das Wirken des Heiligen Geistes seit 1979 für die politische Wende in Polen in Anspruch genommen: "Sende deinen Geist und erneuere das Angesicht des Landes." Jörg Lauster hat Manifestationen des Geistes im kulturellen Leben nachgewiesen. Michael Welker ist dem Wirken des Geistes im gesellschaftlichen Leben auf die Spur gekommen. Falk Wagner hat die Pneumatologie als Sozialethik reformuliert. Elisabeth Johnson hat die Weiblichkeit des göttlichen Geistes in ihrer Bedeutung für das Leben von Frauen herausgestellt, Leonardo Boff die befreiende Rede vom Geist in ihrer Bedeutung für den Kosmos, Catherine Keller den Zusammenhang von ökologischer Krise und Spiritualität thematisiert.  

Die Theologie ist gut beraten, dem Heiligen Geist in der spirituellen Praxis Aufmerksamkeit zu schenken. Achtsamkeit, Resilienz, Trost etc. geben als Gabe des Geistes, der Leben schafft und erneuert, zu denken. Doch sie hat auch zu zeigen: Er geht nicht darin auf. Er ist Ermutigung, "Empowerment" zur freimütigen Gestaltung des öffentlichen wie privaten Lebens. Gottes Geist realisiert sich nicht in der Flucht in die Innerlichkeit. Er realisiert sich in der Zuwendung zur Welt, zum Leben mit all seinen Facetten. Evangelisierung, die einseitig auf Innerlichkeit und Frömmigkeit setzt, ist für die Institution Kirche vielleicht reizvoll. Aus theologischer Perspektive ist sie lebensfremd und weltvergessen.

Von Michael Böhnke

Der Autor

Michael Böhnke ist emeritierter Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.