Forscher widersprechen erneuter Flachrelief-These zu Turiner Grabtuch
Hat das Turiner Grabtuch lediglich eine Skulptur bedeckt? Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie eines brasilianischen 3D-Designers zweifeln drei renommierte Forscher nun vehement an. Die Studie stütze sich auf mehrdeutige Ziele, methodische Mängel und trügerische Argumentationen, schreiben Tristan Casabianca, Emanuela Marinelli und Alessandro Piana in einem am Sonntag veröffentlichten Kommentar für die Fachzeitschrift "Archaeometry". Zuerst hatte "Vatican News" darüber berichtet.
Der Forscher Cicero Moraes, der auf digitale 3D-Gesichtsrekonstruktion spezialisiert ist, hatte im vergangenen Sommer mithilfe einer teilweise digitalen Rekonstruktion in derselben Zeitschrift die These aufgestellt, das die sichtbare Kontaktpunkte des Tuchs mit einem Körper besser zu einem Flachrelief als zu einem Menschen passten. Daraus folgerte er unter anderem, dass das Turiner Grabtuch aus dem Mittelalter stamme.
Viele Mängel
Casabianca, Marinelli und Piana kritisierten, dass Moraes' Modellierung des Tuchs aus anatomischer Sicht unzureichend sei, da sie nur die Vorderansicht reproduziere, die Position von Händen und Füßen rechts und links vertausche und willkürlich von einer Körpergröße von 1,80 Meter ausgehe. Entscheidender sei jedoch, dass das Modell die wichtigsten Besonderheiten des Turiner Grabtuchs völlig außer Acht lasse, etwa die zahlreichen Bestätigungen von Blut darauf. Das seien Merkmale, die sich mit keiner künstlerischen Technik des Mittelalters vereinbaren ließen.
Die Studie von Moraes vergesse zudem, dass verschiedene Varianten der Flachrelief-Hypothese bereits Anfang der 1980er Jahre in akademischen Zeitschriften untersucht und verworfen worden seien, so die drei Forscher. In seiner Antwort, die ebenfalls in der Zeitschrift veröffentlicht wurde, hielt Moraes an seinen Schlussfolgerungen fest.
Debatten nach Veröffentlichung
Die Thesen des Basilianers hatten schon unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung für Debatten und Kritik gesorgt. Der Turiner Erzbischof, Kardinal Robert Repole, warnte etwa vor der Oberflächlichkeit bestimmter Schlussfolgerungen, die einer genaueren Prüfung oft nicht standhielten. "Der Hüter des Turiner Grabtuchs sieht keinen Grund, sich zu frei formulierten Hypothesen mehr oder weniger renommierter Wissenschaftler zu äußern", hieß es in der Stellungnahme des Kardinals.
Das 4,40 Meter lange und 1,13 Meter breite Grabtuch von Turin gehört zu den meistuntersuchten archäologischen Objekten der Welt. Es zeigt Ganzkörper-Spuren eines gegeißelten und gekreuzigten Mannes. Ob es sich tatsächlich um Jesus handelt, ist umstritten. Zuletzt hatten italienische Forscher mit einer speziellen Röntgentechnik den Alterungsprozess der Fäden analysiert und festgestellt, dass es um die Zeit Christi vor etwa 2.000 Jahren hergestellt worden sei. Die katholische Kirche hat sich nicht offiziell zur Echtheit geäußert. Es ist daher keine Reliquie im strengen Sinne. Kirchenvertreter verweisen darauf, dass die Frage der Datierung für den Glauben nicht entscheidend sei. Das Tuch wird seit 1578 im Turiner Dom aufbewahrt und nur selten öffentlich gezeigt. (KNA)
