Gott ist Gott und kein Buchhalter
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Der Karneval hat bei manchen religiösen Menschen nicht den besten Ruf. Zu laut, zu viel Alkohol und Durcheinander. Im Bergischen Land, wo ich herkomme, beteten früher strenge Protestanten an den Karnevalstagen für die sich ihrer Ansicht nach im Feiernebel verlierenden katholischen Narrenseelen. Das ist zum Glück vorbei. Na klar, im Karneval folgen die Jecken mit "Kamelle, Kölsch und Konfetti" vorübergehend einer recht eigenwilligen Trinität. Aber der Rheinländer sagt im Brustton der Überzeugung: "D'r leeve Jott ist nit esu." Gott ist Gott und kein Buchhalter.
Das ist ein schöner Gedanke. Denn der christliche Glaube war nie nur ernst. Er kennt Freude, Körperlichkeit, überschwängliche Gemeinschaft. Gott ist halt Mensch geworden. Nicht Idee, erst recht nicht Moralprogramm. Deshalb muss sich Spiritualität und Gottesnähe auch in dem zeigen, was dem Menschen nahe ist: im gemeinsamen Feiern, im Tanzen, in der Übertreibung und auch in der Grenzerfahrung. Denn die christliche Auferstehungshoffnung sprengt schließlich auch alle denkbaren Grenzen. Wenn du glauben sollst, "dass die Liebe gewinnt" – dann macht es doch Sinn, das im Leben schon mal zu spüren. Zum Beispiel im Karneval.
Und bevor es stiller wird, bevor Verzicht und Nachdenken beginnen, wird gefeiert. Das ist kein Widerspruch, sondern eine alte Dramaturgie des Lebens: Wer loslassen will, darf, nein: der muss vorher spüren, woran er hängt. Nur der kann umkehren, der weiß, was Freiheit ist und wie herrlich sie sich anfühlt.
Hinzu kommt etwas anderes: Im Karneval steht die Welt Kopf. Rollen werden vertauscht, Autoritäten verspottet, Mächtige karikiert. Diese Narrenfreiheit ist mehr als Klamauk. Sie entlarvt Überheblichkeit und relativiert Hierarchien. Ein Motiv, das tief biblisch ist. "Die Letzten werden die Ersten sein" sagt Jesus, als wäre er selbst ein Jeck. Karneval ist ein Feldversuch für diesen schönen Gedanken.
Und schließlich: Menschen kommen zusammen. Sie lachen miteinander, singen dieselben Lieder, schunkeln und haken sich ein. In einer Zeit wachsender Vereinzelung ist das keine Nebensache. "Kumm, loss m'r danze! De janze Naach bess morje fröh!" Wie gut! Irgendwo da beginnt er, der Himmel. Alaaf.
Der Autor
Peter Otten ist Pastoralreferent in der Pfarrgemeinde St. Agnes in Köln. Seit einigen Jahren bloggt er unter www.theosalon.de.Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.
