Errungenschaft des Zweiten Vatikanums nicht verhandelbar

Das Konzil zeigt die Grenzen des Dialogs mit den Piusbrüdern

Veröffentlicht am 14.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Fabian Brand – Lesedauer: 
Das Konzil zeigt die Grenzen des Dialogs mit den Piusbrüdern
Bild: © KNA
Kommentar

Bochum ‐ Der angekündigte Alleingang der Piusbrüder stellt Papst Leo XIV. vor eine Bewährungsprobe. Kirchliche Einheit ist nur da möglich, wo das Zweite Vatikanische Konzil nicht zur Verhandlungsmasse wird, kommentiert Fabian Brand.

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Als Papst der Einheit war Leo XIV. im Mai des vergangenen Jahres angetreten. Bereits im Vorkonklave äußerten die Kardinäle, dass sie sich einen Papst wünschen, der zusammenführt und der in einer Zeit der verstärkten Polarisierungen Menschen verbindet. Mehrmals hat Leo XIV. bereits deutlich gemacht, dass ihm die Einheit ein wichtiges Anliegen ist und dass es ihm darum geht, immer wieder Gespräche zu suchen und zu verhandeln. Doch hätte wohl niemand im Vatikan damit gerechnet, dass dieser Papst hinsichtlich der Einheit schon im ersten Jahr seines Pontifikats auf die Probe gestellt wird. Die Prüfung trägt den Namen Piusbruderschaft.

Zugegeben: Mit der Piusbruderschaft hatte es der Vatikan noch nie leicht. Schon mit deren Gründer, Marcel Lefebvre, hatte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger zahlreiche Gespräche geführt. Das Ziel war es schon damals, die Einheit der Kirche zu bewahren und den Piusbrüdern einen Platz innerhalb der Kirche zu schaffen. Lefebvre hingegen schaffte Tatsachen, indem er im Juni 1988 vier Männern die Bischofsweihe ohne Erlaubnis des Papstes spendete. Kurz darauf wurden die neuen Bischöfe und Lefebvre offiziell als exkommuniziert erklärt. Durch die Spendung einer Bischofswehe ohne päpstliches Mandat hatten sie sich ausdrücklich außerhalb der katholischen Kirche positioniert. Alle folgenden Dialogversuche scheiterten.

Den Piusbrüdern gehen die Bischöfe aus

Vor Kurzem hat die Piusbruderschaft nun angekündigt, dass am 1. Juli 2026 neue Bischofsweihen stattfinden sollen. Das Problem: Den Piusbrüdern gehen langsam die Bischöfe aus. Von den vier durch Lefebvre geweihten Bischöfen leben nur noch zwei. Will die Piusbruderschaft auch weiterhin eigene Bischöfe haben, ist es spätestens jetzt an der Zeit, erneut Männern dieses Sakrament zu spenden. Freilich wiederum ohne die Erlaubnis des Papstes.

Kardinal Víctor Manuel Fernández, Präfekt des Glaubensdikasteriums (links), und Pater Davide Pagliarani, Generaloberer der Priesterbruderschaft St. Pius X. (rechtsaußen)
Bild: ©Pressebild Dikasterium für die Glaubenslehre

Kardinal Víctor Manuel Fernández, Präfekt des Glaubensdikasteriums, und Pater Davide Pagliarani, Generaloberer der Priesterbruderschaft St. Pius X., nach ihrem Gespräch im Februar 2026.

Jetzt also ist Leo XIV. am Zug. Und der Papst steht vor einer gewaltigen Herausforderung: Denn einerseits möchte er die Einheit der Kirche bewahren und Brücken bauen, um die Trennungen innerhalb der Kirche nicht weiter voranzutreiben. Andererseits aber muss es klare Regeln und Grenzen geben, die für die Einheit notwendig sind. Einheit ist wichtig und ein hohes Gut – aber kann sie unter allen Umständen erreicht werden?

Neuerliche Gespräche, die der Generalobere der Piusbruderschaft, Davide Pagliarani, mit dem Präfekten des Dikasteriums für den Glauben, Victor Manuel Fernandez, führte, zeigen: Man ist von Seiten des Heiligen Stuhls durchaus verhandlungsbereit. In einem veröffentlichten Communiqué, welches die Unterschrift des Kardinals trägt, heißt es, man habe ausdrücklich einen theologischen Dialog vorgeschlagen, um sich den Themen zu widmen, mit denen die Piusbruderschaft ihre Schwierigkeit hat. Dazu zählen unter anderem die unterschiedlichen Grade der Zustimmung, die von den verschiedenen Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils sowie von deren Auslegung verlangt werden. Ziel dieses Dialogs sei es, Mindestanforderungen für die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche herauszuarbeiten, so Fernandez. Trotz dieses Dialogangebots spart der Präfekt des Glaubensdikasteriums nicht an Deutlichkeit: Wer ohne Erlaubnis des Papstes die Bischofsweihe spendet, vollzieht einen "entscheidenden Bruch der kirchlichen Gemeinschaft", ein Schisma. Die Warnsignale, die der Vatikan aussendet, sind deutlich. Wahrscheinlich ist, dass man die Debakel aus den vergangenen Jahren nicht unbedingt wiederholen möchte und daher nachdrücklich mahnt, den Weg des Dialogs nicht durch solche Eigenmächtigkeiten zu verbauen.

Es geht um das Zweite Vatikanum und wie ernst es die Kirche meint

Recht besehen geht es beim Dialog mit der Piusbruderschaft aber nicht nur um oberflächliche Gespräche. Sondern es geht letztlich darum, wie wichtig die Kirche selbst die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils nimmt. Denn Fakt ist: Die Piusbruderschaft erkennt wichtige Texte dieses Konzils nicht an, lehnt Ökumenismus und Religionsfreiheit ab und stellt sich gegen alles, was Anklänge eines "Modernismus" besitzt. Zudem hebt sie eine klar hierarchische Struktur hervor und stellt sich gegen das Verständnis der Kollegialität, wie sie das Zweite Vatikanum formuliert hat.

Papst Leo XIV. spricht bei einer Generalaudienz
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani (Archivbild)

Anders als die Piusbrüder stellt sich Papst Leo XIV. ausdrücklich in die Tradition der Kirche: Den Texten des Zweiten Vatikanums widmet er eine Reihe von Katechesen.

Es bleibt zu hoffen, dass gerade diese Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht zur Disposition gestellt werden. Denn sowohl die Entdeckung der Religionsfreiheit als auch das klare Bekenntnis zur Ökumene und zum interreligiösen Dialog waren doch die großen und bedeutenden Schritte, die das Konzil vollzogen hatte. Was die Piusbruderschaft als "Modernismus" markiert, war der Sprung in das Heute, der vor allem Johannes XXIII. ein wichtiges Anliegen war. Niedergeschlagen hat sich all das besonders in der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes", welche die Kirche nachdrücklich im Heute verortet und sich damit gegen eine bloße Rückwärtsgewandtheit stellt. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hatte die Kirche gelernt, sich selbst um der Freiheit willen zu relativieren. Erst von diesem Standpunkt aus konnte die Kirche ehrliche Gespräche mit Andersgläubigen, nicht gläubigen Menschen und allen Menschen guten Willens führen. Entgegen einem Rückzug in das Innen, welcher vor allem durch den Antimodernisteneid markiert wurde, öffnete das Zweite Vatikanum die Kirche für das Außen der Welt. Diese Öffnung nach außen war für die Konzilsväter die Möglichkeit, dass Kirche in der Welt von heute weiterhin Bestand haben kann und ein weiterhin ein wichtiger Global player bleiben kann.

Kein Rückschritt mit Leo

All das steht jedenfalls auf dem Spiel, wenn sich der Vatikan auf einen neuerlichen Dialog mit der Piusbruderschaft einlässt. Klar ist, dass man von Seiten der Piusbruderschaft nur eine "traditionelle" Lesart des Konzils akzeptieren wird. Und das würde bedeuten, dass die Kirche von all dem Abstand nehmen müsste, was in der Welt von heute zentrale Größen sind.

Der Vatikan hat aus den vergangenen Jahrzehnten gelernt und setzt der Piusbruderschaft klare Grenzen. Papst Leo XIV. zeigt durch seine Gesprächsbereitschaft, dass er nach wie vor an der Einheit interessiert ist. Aber es bleibt zu hoffen, dass er sich von der Piusbruderschaft nicht unter Druck setzen lässt. Ausdrücklich hat sich der Pontifex erst Anfang des Jahres zu den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils bekannt und dabei explizit auch die Liturgiereform des Konzils gewürdigt. Ein Rückschritt hinter das Konzil wird mit ihm jedenfalls nicht möglich sein.

Spannend bleibt, wie sich der Dialog mit der Piusbruderschaft fortsetzen wird. Die Geschichte jedenfalls hat gezeigt, dass solche Dialogbemühungen von Seiten der Piusbruderschaft immer nur von kurzer Dauer waren. Möglicherweise schaffen sie durch die Bischofsweihen demnächst sowieso handfeste Tatsachen. Andernfalls muss sich die katholische Kirche mit einer drängenden Frage auseinandersetzen: Nämlich der Frage, was überhaupt Einheit bedeutet und wie viel Identifikation für die Einheit notwendig ist. Gut wäre, wenn es dabei nicht nur um Minimalvoraussetzungen geht. Sondern wenn Rom deutlich macht, dass es bei der vollen Einheit mit der Kirche keinen Rückschritt hinter das Zweite Vatikanische Konzil geben wird. Der Dialog mit der Piusbruderschaft wird nur dann fruchtbar sein, wenn er nicht als Verhandlung über Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils missverstanden wird. Einheit bedeutet eben nicht Rückzug, sondern die gemeinsame Verpflichtung auf eine Kirche, die im Heute steht und Freiheit als hohes Gut bewahrt.

Von Fabian Brand

Der Autor

Fabian Brand ist Publizist und Privatdozent für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.

Der Kommentar spiegelt die Meinung des Autors wider.