Evaluation des Synodalen Wegs – Lernen für weitere Prozesse
Der Synodale Weg war ein wichtiges Experiment und Übungsfeld für Synodalität. Ausgehend von der Erschütterung des Missbrauchsskandals beschloss die Deutsche Bischofskonferenz auf ihrer Frühjahrsvollversammlung 2019 in Lingen, dass die katholische Kirche in Deutschland die Systemfrage stellen müsse. Missbrauch könne nicht allein auf persönliches Versagen zurückgeführt werden, sondern habe systemische Wurzeln. Als Konsequenz aus dieser sicher längst überfälligen Erkenntnis war es an der Zeit, an einer neuen Kultur in der Kirche zu arbeiten.
Der Synodale Weg sollte eine neue Art der Teilhabe ermöglichen und sich Reformthemen annehmen, um systemischen Ursachen für sexuellen Missbrauch entgegenzuwirken. Auch wenn einzelne Stimmen diese Verquickung für unglücklich halten, stellt der Prozess einen Versuch dar, kirchliche Botschaft, Struktur und Kommunikation zu verbinden. Ende Januar 2026 fand in Stuttgart die sechste und letzte Vollversammlung statt, auf der Bilanz über den zurückgelegten Weg gezogen wurde.
Wie wurde Synodalität erlebt?
Teil dieser Bilanz war eine umfassende Evaluation des Prozesses in Form einer Umfrage, zu der alle Synodalen, also die Teilnehmer*innen der Synodalversammlung und die Berater*innen der Foren, Beobachter*innen sowie auch Mitglieder, die den Synodalen Weg verlassen hatten, eingeladen waren. Gut die Hälfte der Beteiligten nahm an der Umfrage teil, was eine repräsentative Auswertung ermöglicht. Zentrales Interesse war, nicht nur einen Rückblick zu halten, sondern zu erheben, wie Synodalität erlebt wurde und wie sie sich in der Umsetzung gestaltet. Einige Schlaglichter will ich näher beleuchten.
Die Ergebnisse fallen so vielschichtig aus wie die Stimmen, Interessen und Perspektiven der Teilnehmenden und sollten differenziert gelesen werden. Sie stellen Deutungen Beteiligter dar, die ernstzunehmen sind, damit man aus dieser Praxis lernen kann, wie eine Kirche der Beteiligung wachsen kann.
Wie kann eine Kirche der Beteiligung wachsen? Auch das war eine Frage, die sich aus der Studie von Katharina Karl ergab. Sie ist Professorin für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU).
Die an der Befragung beteiligten Synodalen lassen sich in Bezug auf ihr Synodalitätsverständnis (ihrer Einschätzung der Bedeutung der Beschlüsse) in drei größere Cluster einteilen: "Kritische Bewahrer" (10,2 Prozent), denen die Beschlüsse des Synodalen Wegs zu weit gingen, "Pragmatische Idealisten" (21,3 Prozent), die wichtige Schritte erreicht sehen, und "Veränderungsorientierte" (68,5 Prozent), für die entscheidende Beschlüsse nicht erzielt wurden. Diese große Spannbreite bildet übergreifende Klassifizierungen ab, die in sich jedoch sehr heterogen sind.
In den Freitextantworten zu verschiedenen Fragen zeigen sich vielfältige Nuancen – und auf der Makroebene durchaus Einigkeit in Bezug auf das, was Synodalität bedeuten kann: "Gemeinsam unterwegs sein, gemeinsam Kirche gestalten, gemeinsam beraten etc." Zugleich soll dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Konkretisierung, was "gemeinsam" heißt, nicht einheitlich gefüllt wird und sich an der Ergänzung "beraten bzw. entscheiden" die Geister scheiden.
Gemeinschaftserleben als "work in progress"
Fragt man nach dem Erleben von Gemeinschaft, sind neben den Spannungen in der Dialogkultur und Verantwortungsübernahme auch vielfach positive Erfahrungen genannt. Unter Frustration leiden diejenigen am meisten, die starke Interessen vertreten, sei es auf Seiten der Bewahrer oder der Reformer. Hier zeigen sich Verletzungen und Zerwürfnisse. Diese Pole haben sich am Ende auch am wenigsten aufeinander zubewegt. Manche Form der Debatte und medialer Kommunikation trug, so die Evaluation, wenig zur Verständigung bei. Ein Teil der Konflikte in Bezug auf Wertschätzung, Respekt und das Erleben, einbezogen zu sein, mag auf einen Kommunikationsstil oder auf die Moderationsart zurückzuführen sein. Andere Fragen liegen tiefer. So kann das kleinere Cluster der Kritischen Bewahrer im Gegensatz zu den beiden anderen Gruppen die Entstehung von Beschlüssen mehrheitlich nicht nachvollziehen, während andere aus den zwei weiteren Gruppen ausdrücken, Schritte und Entscheidungen seien blockiert worden und echte Teilnahme nur scheinbar möglich gewesen.
Hinter den jeweiligen Einschätzungen steht das Verständnis dessen, was der Synodale Weg leisten sollte oder nicht. Es besteht Uneinigkeit über die Aussagekraft und Relevanz der Versammlung selbst, besonders ihrer Entscheidungskompetenz – zumindest an den Polen. Für eine künftige Weiterarbeit wäre eine Klärung dieser Frage entscheidend. Ob sie erreicht werden kann, ist im Hinblick auf unveränderlich scheinende Positionierungen offen und wird davon abhängen, ob sich extreme Positionen aufeinander zu bewegen. Am Umgang mit Polarisierungen wird sich zukünftig entscheiden, ob und wie eine Kultur des Miteinanders und des Dialogs – zentrale Werte, die die Studienteilnehmer aller Cluster dem Synodalen Weg zuschreiben – zu gestalten ist.
Doch sind bereits im durchlaufenen Prozess Annäherungen zum Teil gelungen. Befragte sprechen davon, dass sie eine neue Qualität der Offenheit und die Begegnungen und den Austausch mit Andersdenkenden als "Horizonterweiterung" erlebt haben. "Alle am Synodalen Weg beteiligten Gruppen haben in ihrer Selbstwahrnehmung eine Erweiterung ihres Horizonts erlebt und sich bewegen lassen" (Forschungsbericht, 53). Auf solche Perspektivwechsel kommt es an.
"Die in der Evaluation deutlich gewordenen Defizite bieten wichtige Anhaltspunkte für nötige Optimierungen in der Weiterarbeit an Synodalität, für die Gestaltung weiterer Prozesse lassen sich konkrete Maßnahmen ableiten", schreibt Katharina Karl.
Zu vermuten ist, dass für eine verbesserte Dialogkultur der Bereich von Synodalität als Haltung entscheidend sein wird. Darunter fallen der affektive Beziehungsbereich sowie das Erleben und Leben von Spiritualität. Dieses Verständnis schließt an den von Papst Franziskus (Ansprache zur 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode am 17. Oktober 2015) propagierten Ansatz an, der Synodalität als Dynamik versteht, aufeinander und auf den Heiligen Geist zu hören. Synodalität beinhaltet demnach den Dialog untereinander und Raum für Gebet. "Besonders das Schweigen, das Gebet und das geistliche Hören wurden von den Synodalen als erlebbar bewertet" (Forschungsbericht, 33). Die Gottesdienste sind positiv im Gedächtnis geblieben.
Learnings aus dem Synodalen Weg
Die vermuteten Effekte des Synodalen Wegs sind einerseits ernüchternd, denn die Ursachen systemischer Gewalt in der Kirche sieht die Mehrheit der Synodalen nach diesem Prozess nicht behoben. Ebenso wenig vermuten sie, dass verlorenes Vertrauen in die Kirche wiederhergestellt werden konnte. Dennoch zeigt sich, dass trotz Erfahrungen von Ohnmacht und Frustration die Gesamteinschätzung hohe Werte der Zufriedenheit aufweist. Bejaht wird, dass die Etablierung synodaler Strukturen wesentlich vorangekommen ist. Teilnehmende haben den Synodalen Weg trotz aller Mühen, Hindernisse und bleibender Aufgaben als bereichernd erlebt (vgl. Forschungsbericht, S. 53). Der Synodale Weg, so lassen sich die Bewertungen deuten, war der Mühe wert, auch wenn er Konflikte sichtbar gemacht hat.
Der Synodale Weg ist eine lernende Institution. Dass die Lernprozesse immer gelungen seien, wird nicht von allen Beteiligten bejaht; zu unterschiedlich waren die Wahrnehmungen und zu individuell die Erfahrungen Einzelner. Doch finden sich viele Anhaltspunkte, an denen deutlich wird, dass der Lernprozess von der Leitung wie von Teilnehmenden aktiv gestaltet wurde. In Teilen hat der Synodale Weg Kritik aufgenommen und neue Elemente integriert. Die Konfliktkultur habe sich positiv entwickelt, wie Synodale in der Bewertung des Prozessverlaufs schreiben. Hier liegt ein Schlüssel für synodale Prozesse aller Art: Konflikte auszuhalten und im Gespräch zu bleiben. Die Faktoren Zeit und Dialog spielen dabei eine entscheidende Rolle. Es ist zu vermuten, dass im Hinblick auf Zeit für den Dialog und Einigung in der Meinungsfindung die Erfahrungswerte aus den Foren, die die Mitglieder als positiv bewertet haben, sowie aus den kleineren Gruppen des Synodalen Ausschusses zu guten Ergebnissen kämen.
Anhaltspunkte für nötige Optimierungen
Die in der Evaluation deutlich gewordenen Defizite bieten wichtige Anhaltspunkte für nötige Optimierungen in der Weiterarbeit an Synodalität, für die Gestaltung weiterer Prozesse lassen sich konkrete Maßnahmen ableiten. Es hat sich auch gezeigt: Strukturen und Haltung sind nicht als Gegenpole zu verstehen, sie beeinflussen sich gegenseitig und gehören zusammen. Was es dazu braucht, fasst eine Freitextantwort prägnant zusammen: "Es braucht klare Regeln und einen guten Geist, es braucht Konflikt- und Kompromissfähigkeit. Es braucht den Blick fürs Ziel: Kirche des Evangeliums zu sein."
Man wird die Bedeutung dessen, was hier stattgefunden hat, erst im historischen Rückblick erkennen und bewerten können. Doch entfaltet der Prozess bereits heute eine performative Kraft und hat laut der Einschätzung der Befragten durchaus dazu beigetragen, synodale Strukturen zu etablieren – auch wenn diese fehleranfällig waren, immer neu überprüft und ausgebaut werden müssen. Obwohl die Zukunft synodaler Prozesse fragil erscheint und viele Fragen offenbleiben, ist ein Statement aus der Evaluation zu unterstreichen: "Einen Rückschritt gibt es nicht." Und mehr noch: An der Frage, wie sich Synodalität in der deutschen Kirche weiter etabliert, entscheidet sich ihre Ausrichtung auf die Zukunft hin.
Zum Forschungsbericht
Den vollständigen Forschungsbericht "Evaluation des Prozesses des Synodalen Weges in Deutschland (Februar–Oktober 2025)" von Katharina Karl und Markus Dumberger gibt er hier.
