Herrgottskinder – Die Elternkolumne

Pasta und Pessach: Als mein Sohn entdeckte, dass Jesus Jude war

Veröffentlicht am 23.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Melina Schütz – Lesedauer: 

Bonn ‐ Eine Frage ihres Sohnes bringt in Melina Schütz' Familie die große Theologie auf den Tisch: Wie hängen Judentum und Christentum zusammen? Und was hat das mit einem Umzug zu tun? Erklärungsversuche beim Nudelnkochen.

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"Mama, Jesus war Jude." Es ist keine Frage, eher eine Feststellung, die mein Sohn mir nach der Schule entgegenschmettert. Sein Tonfall erinnert an den Launch eines neuen Produkts, auf das die Welt gewartet hat. "Ja", sage ich, weil ich merke, dass der Achtjährige auf Zuspruch wartet. "War er." "Wir sind aber doch katholisch?"

Da steht sie nun im Raum, die große theologische Frage. Zwischen kochenden Nudeln und roter Soße. Ich rühre etwas zu lange im Topf und nehme dann noch einen Schluck Wasser, um etwas Zeit zu gewinnen. Diese Situationen kommen ja immer plötzlich, da fehlt es mir manchmal an Vorbereitung. "Wie kommst du darauf?", nehme ich langsam Anlauf.

Mein Kind berichtet, dass sie im Religionsunterricht über Jesus gesprochen haben. Und dass dabei eben herauskam, dass Jesus gar nicht katholisch war, sondern jüdisch. Und dass er auch jüdische Feste gefeiert habe, wie Pessach.

Abgrenzung schafft Identität

"Wieso sind wir katholisch und nicht jüdisch wie Jesus?", will mein Sohn die Puzzleteile zusammenfügen. In der Grundschule wird noch alles klar sortiert. Jeder und alles hat seinen Platz und seine Schublade. Entweder du bist im Fußball oder nicht. Entweder du ärgerst die Mädchen in der Pause oder du verteidigst sie. Etwas dazwischen gibt es nicht. Entscheidungen werden schnell getroffen und sind dann für alle transparent. Umentscheiden ist möglich, dann aber ganz, nicht nur ein bisschen. Die Kinder suchen das Trennende, nicht das Verbindende. Abgrenzung schafft Identität. Dieses klare Lager fehlt meinem Sohn jetzt. Gehört Jesus jetzt in sein Team oder spielt er bei den anderen mit? Denn klar ist, beides geht nicht.

"Das Christentum ist aus dem Judentum entstanden", beginne ich und merke schnell, wie sehr das nach Religionsbuch klingt, was auch gleich mit einem skeptischen Blick abgestraft wird. Ich wage mich auf dünnes Eis: "Weißt du, Jesus war Jude. Er ist als Jude geboren und aufgewachsen. Er hat jüdisch gebetet, jüdische Feste gefeiert und das Judentum kennengelernt. Als er aber älter wurde, war in seiner Botschaft auch Neues. Nach seinem Tod haben sich die Jünger deshalb umbenannt: Sie wurden Christen." Mein Sohn schlussfolgert: "Weil sie das Alte doof fanden?"

Die Jünger sind umgezogen

"Stell dir das vor wie bei jemandem, der umzieht. Dann packt er all die Dinge, die er behalten möchte, in eine Kiste, um sie in der neuen Wohnung wieder auszupacken. Aber er nimmt ja nicht nur das mit, was in der Kiste ist. Er hat auch Sachen dabei, die nur in seinem Kopf oder Herzen sind. Sein Lieblingskochrezept zum Beispiel.

Und so war das bei Jesus auch. Er hat aus dem Judentum das mitgenommen, was ihm wichtig war, und anderes neu hinzugefügt. Die Jünger haben dann gesagt: Das ist zu viel Neues für die alte Wohnung. Und um das Neue wirklich deutlich zu machen, haben sie sich wie Jesus taufen lassen und nannten sich Christen."

Mein Sohn schaut mich lange an. Man sieht förmlich, wie es hinter seiner Stirn arbeitet. Dann nickt er langsam, als hätte er gerade ein kompliziertes Level auf der Spielekonsole geschafft. "Also ist Jesus quasi umgezogen", sagt er schließlich. "Er nicht. Aber seine Jünger.", antworte ich erleichtert und gieße die Nudeln ab, die inzwischen eindeutig zu weich sind. Er überlegt noch einen Moment. "Und wir wohnen jetzt auch in der neuen Wohnung?"

Das Bild gefällt mir, und ich nicke zum Abschluss. Und während ich Parmesan über unsere Nudeln reibe, freue ich mich über diesen kleinen Moment im Alltag. Und auch wenn man theologisch hier und da ein Auge zudrücken muss, vertraue ich darauf, dass Gott mit mütterlichen schiefen Bildern klarkommt. Wir sind ja schließlich alle Herrgottskinder.

Von Melina Schütz