Bentz: Habe vom Synodalen Weg grundsätzliche Hoffnung mitgenommen

An der Art, wie die Kirche mit den Betroffenen umgehe, zeige sich, wie glaubwürdig sie bei der Aufarbeitung und Prävention sei, ist der Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz überzeugt. Im Interiew spricht Bentz über weitere Maßnahmen der Aufarbeitung, über Perspektiven des Reformprozesses Synodaler Weg sowie über das Gerichtsurteil über Schwangerschaftsabbrüche am Christlichen Krankenhaus Lippstadt.
Frage: Herr Erzbischof, Sie haben bei Ihrem Antritt betont, dass Ihnen das Thema Aufarbeitung von Missbrauch wichtig ist. Es hat im Erzbistum bereits eine Reihe an Maßnahmen gegeben – ein Mahnmal, die Einrichtung eines Expertenrats und Gedenkveranstaltungen. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?
Bentz: Ich habe das Thema bereits bei meiner Vorstellung als neuer Erzbischof als eines meiner wesentlichen Anliegen benannt. Daran hat sich nichts geändert. Wir analysieren konsequent: Wo sind wir unterwegs, wo sind Schwachstellen und was braucht es an weiteren Schritten für die Aufarbeitung? Wir haben unsere Präventionsangebote erweitert und vertieft. Und es konnten viele Dinge, gerade im Bereich der Intervention, gut etabliert werden. Ein externer Expertenrat wird zu Entscheidungsfindungen und Bewertungen hinzugezogen, Beratungs- und Therapienetzwerke für Betroffene wurden verbessert und eine Ansprechperson für den Komplex des geistigen Missbrauchs hat ihre Arbeit aufgenommen.
Frage: Wie geht es weiter?
Bentz: Wir arbeiten derzeit an einem Konzept, ein Netzwerk für Seelsorge für Betroffene einzurichten. Die betroffenen Menschen, die das möchten, erhalten seelsorgliche Begleitung und Unterstützung. Wir haben gemeinsam mit der Betroffenen-Vertretung eine Dunkelfeld-Initiative initiiert, bei der wir Schritt für Schritt Möglichkeiten schaffen, dass Menschen, die sich noch nicht gemeldet haben, aus dem Dunkel ans Licht kommen, sich zeigen können und entsprechend Unterstützung bekommen.
Ein wichtiges öffentliches Zeichen ist das Mahnmal als gemeinsames Projekt von Domkapitel, Erzbistum und Betroffenenvertretung. Das wird am 2. März der Öffentlichkeit vorgestellt. Es ist auch ein Symbol für das konstruktive Miteinander von Betroffenenvertretung und Bistum.
Kurz darauf, am 12. März, wird die unabhängige Studie zu Missbrauch im Erzbistum veröffentlicht, die von Wissenschaftlern der Universität Paderborn erstellt wurde. Im Anschluss zur Veröffentlichung sind vertiefende Dialogveranstaltungen in den Regionen des Erzbistums geplant. Das alles wird herausfordern und viel Kraft kosten – und ist absolut notwendig.
So soll das geplante Mahnmal im Paderborner Dom zum sexuellen und geistlichen Missbrauch in der Kirche aussehen.
Frage: Gibt es kritische Themen zwischen Erzbistum und der Betroffenen-Vertretung?
Bentz: Wir schonen uns gegenseitig nicht. Wir haben im Laufe der Zeit aber so viel Vertrauen ineinander aufgebaut, dass wir uns auch aufeinander verlassen können, wenn wir unterschiedlich unterwegs sind. Wenn wir über die Situation sprechen, tun wir das in einer guten Weise. Man muss immer im Blick behalten: Die Betroffenenvertretung arbeitet ehrenamtlich. Sie arbeitet hoch engagiert. Mit ihrer Arbeit setzen sich vor allem die Mitglieder des Vorstands immer wieder enormen Belastungen aus. Daher versuchen wir, ihre Arbeit mithilfe einer eigenen Geschäftsstelle zu entlasten und auch anderweitig zu unterstützen.
Die vollständige Unabhängigkeit bleibt dabei stets gewahrt. Eines ist sicher: An der Art, wie wir mit den Betroffenen umgehen, wird man uns messen. Und auch, wie glaubwürdig das ist, was wir über Aufarbeitung, über Prävention über eine veränderte Kultur in Kirche im Blick auf sexualisierte Gewalt tun.
Frage: Der Konflikt zum Thema Schwangerschaftsabbrüche am Klinikum Lippstadt, in dem evangelische und katholische Krankenhäuser fusioniert wurden, hat die unterschiedliche Bewertung bei katholischer und evangelischer Kirche gezeigt. Wie bewerten Sie im Nachhinein den Fall?
Bentz: Die kürzlich ergangene Entscheidung des Landesarbeitsgerichts Hamm hat die durch die Gesellschafter verständigte Position zu Schwangerschaftsabbrüchen im Christlichen Klinikum Lippstadt aus unserer Sicht bestätigt. Bereits zuvor hieß es oft, das evangelische Profil sei hinten runtergefallen, die Katholiken hätten sich durchgesetzt. Eine verlässliche Kooperation sollte aber keine Frage des Durchsetzens einer Seite sein.
Frage: Was sollte stattdessen im Vordergrund stehen?
Bentz: Die Fusionsverhandlungen wurden vor Beginn meiner Amtszeit begonnen. Ich kann also heute nur die Frage stellen: Warum ist es trotz unterschiedlicher Auffassungen bei so wichtigen Themen dennoch zu einer Fusion gekommen? Wurden sie hinreichend diskutiert oder standen die ökonomischen und strukturellen Interessen im Vordergrund? Gerade bei lebensethischen Themen zeigt sich, dass eine ökumenische Trägerschaft anspruchsvoll ist. Spätestens an diesem Punkt wird doch deutlich, worin das Profil der evangelischen Kirche liegt und worin unser Profil als katholische Kirche.
Als Konsequenz aus dem Synodalen Weg wurde im Erzbistum Paderborn an einer Veränderung des Diözesanpastoralrats gearbeitet, sagt Erzbischof Bentz.
Frage: Was sind für Sie die Konsequenzen aus dem Fall?
Bentz: Wo immer es geht, gemeinsame Einrichtungen zu tragen, ist das ein starkes Zeichen. Das darf aber nicht auf Kosten des Profils des einen oder des anderen gehen. Dort, wo wir Einrichtungen in gemeinsamer Trägerschaft haben, muss für beide Partner klar sein, was man sich gegenseitig an Verschiedenheit zumuten kann. Und wenn wir sehen, das geht nicht, müssen wir auch so ehrlich sein und müssen sagen, dann können wir das nicht gemeinsam tragen.
Für uns ist der Lebensschutz mit der Unterstützung und dem Schutz der Frau etwas sehr, sehr Wesentliches. Da machen wir keine Abstriche. Die evangelische Kirche muss sich dazu positionieren, was das für sie heißt. Es muss austariert werden, wo die Grenze des Zumutbaren bei den Partnern liegt. Ich glaube, das ist im Fall Lippstadt zu wenig geschehen. Für uns ist deutlich, das habe ich mit der westfälischen Präses auch besprochen, dass wir bei solchen Dingen künftig im Vorfeld viel stärker agieren und uns intensiv austauschen müssen.
Frage: Welche Erwartungen haben Sie nach der zurückliegenden Vollversammlung an den Synodalen Weg?
Bentz: Für die Aufgabe, ein dauerhaftes synodales Gremium zu etablieren, hat der Synodalausschuss einen Satzungsentwurf gemeinsam verabschiedet, dem dann vom Zentralkomitee der Katholiken zugestimmt wurde. Die Bischofskonferenz wird auf der Frühjahrsvollversammlung ihr Votum abgeben. Dazwischen lag die Vollversammlung zum Abschluss des Synodalen Weges.
Als Essenz aller Beratungen habe ich eine grundsätzliche Hoffnung mitgenommen. Auf dem Weg wurde gut gearbeitet. Aus dem Wissen, woher wir kommen, haben wir die weltsynodale Dynamik mit einer guten Lernkurve im Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen aufgegriffen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es dafür auch ein gutes Verständnis beim Vatikan gibt. Unser Ziel sollte sein, wie in der ganzen Weltkirche, eine synodale Dynamik in unserem Leben als katholische Kirche in Deutschland verankern zu können.
Frage: Welche Beschlüsse vom Synodalen Weg haben Sie im Erzbistum bereits umgesetzt?
Bentz: Wir haben im Erzbistum, seit ich da bin, an einer Veränderung unseres Diözesanpastoralrates gearbeitet. Der Diözesanpastoralrat wurde weiterentwickelt zu unserem Diözesan-Synodalgremium mit Vertretern aus allen wichtigen Gremien des Bistums. Wir haben den Schritt getan, dass man sich im Bistum auf eine Mitgliedschaft in diesem Synodalgremium frei bewerben konnte.
Aus über 60 Bewerbungen haben wir in einem guten synodalen Weg sechs Kandidaten und Kandidatinnen ausgewählt, die wir in dieses Gremium aufnehmen. Entscheidende, wichtige Wegmarken des Bistums sollen aus unterschiedlichen Verantwortlichkeiten heraus mitgetragen werden wie Bistumsleitung, dem Pastoralrat als Synodalgremium, dem Kirchensteuerrat und Priesterrat.