Standpunkt

Fasten ist mehr als 40 Tage ohne Schokolade

Veröffentlicht am 24.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Katharina Goldinger – Lesedauer: 

Bonn ‐ Fastenzeit – das heißt für viele: 40 Tage ohne Süßigkeiten. Katharina Goldinger plädiert dafür, das Fasten nicht auf solche weltlichen Dinge zu reduzieren – um Kräfte zu bündeln und Utopien zu speisen.

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Johann Baptist Metz formulierte in der ihm eigenen theologischen Treffsicherheit, Religion sei Unterbrechung. Die vorösterliche Fastenzeit ist in diesem Sinne intensive Form religiöser Erfahrung. In diesem Jahr teilen wir Christinnen und Christen die Fastenzeit mit den Musliminnen und Muslimen, die weltweit zur gleichen Zeit den Ramadan begehen. Was für ein schönes Zeichen unseres in beiden Religionen verehrten Gottes: Eine gemeinsame Zeit der Unterbrechung für Seine im Alltag viel zu selten zum Frieden neigenden Gotteskinder. Man könnte fast meinen, Gott sehe sich genötigt, uns daran zu erinnern, wer wir sind: Seine Kinder, unabhängig von Religion, Staatsangehörigkeit oder Hautfarbe.

Es ist wohl an der Zeit, das Fasten etwas größer zu denken. Möglicherweise treffen wir den Kern der göttlichen Idee einer Unterbrechung, die reale Begegnung mit Ihm ermöglicht, nicht, wenn wir uns figur- und gesundheitsbewusstdurch schokoladenfreie Wochen quälen.

Ich bin sicher: Er denkt eher an eine Unterbrechung weltweiter Kriege. Oder an eine Unterbrechung des globalen Wettrüstens. An Unterbrechung der Gewalt gegen Frauen und Kinder. Oder an eine Unterbrechung der Stigmatisierung einzelner Personengruppen. An eine Unterbrechung unserer fatalen Ausbeutung von Mensch und Natur. Oder an eine Unterbrechung der neiderfüllten Ablehnung schutzsuchender Fremder.

Unterbrechung ist kein religiöser Selbstzweck. Es geht nicht um ein Fasten um des Fastens willens. Fasten- und Unterbrechungszeiten bündeln Kräfte und speisen Utopien. Es geht um eine Unterbrechung, die tatsächlich ein Potenzial freisetzt, die Welt zu verändern. Falls sich nun der Gedanke aufdrängt, die Umsetzung sei doch für einen einzelnen Menschen gar nicht möglich: Lassen Sie sich vom Gedanken an Menschen unterbrechen, die in diesem Sinne Vorbild geworden sind. Rosa Parks. Mahatma Gandhi. Jesus von Nazareth.

Von Katharina Goldinger

Die Autorin

Katharina Goldinger ist Theologin und Pastoralreferentin im Bistum Speyer und Religionslehrerin an einem Speyerer Gymnasium. Sie ist sehr gerne in digitalen (Kirchen-)Räumen unterwegs und ehrenamtlich im Team der Netzgemeinde da_zwischen aktiv.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.