Wie die Kirche eine Lücke im Heiligenkalender schließen will
Heilig- und Seligsprechungen sind ein fester Bestandteil des kirchlichen Lebens – zuletzt sorgte die Heiligsprechung von Carlo Acutis, dem ersten zur Ehre der Altäre erhobenen Millennial, für großes Interesse bei den Gläubigen. Wie viele Heilige und Selige es insgesamt gibt, ist nicht sicher bekannt, ihre Anzahl wird sich aber in den tausenden bewegen. Trotz dieser Unsicherheit in der Anzahl fällt eine Sache direkt auf, wenn man einen Blick in die Liste wirft: Es sind vergleichsweise wenige Schwarze Menschen darunter.
Der Blick auf die US-Bischofskonferenz ernüchtert noch weiter. Momentan gebe es keine kanonisierten afroamerikanischen Heiligen, heißt es auf der Webseite. Doch das soll sich jetzt ändern, eine Liste der "Saintly Seven", also der Heiligen Sieben, zeigt die Bilder afroamerikanischer Männer und Frauen auf dem Weg zur Selig- und Heiligsprechung. Eine von ihnen ist Thea Bowman aus dem US-amerikanischen Bundesstaat Mississippi.
Das einzige Schwarze Mitglied des Ordens
Thea wurde 1937 in Yazoo City als Bertha Elizabeth Bowman geboren. Der Südstaat Mississippi war lange geprägt von Sklaverei und widersetzte sich sogar der Abschaffung der Sklaverei durch Präsident Abraham Lincoln nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, der 1865 endete. Erst mit der Ratifizierung des 13. Zusatzartikels der US-Verfassung im Jahr 2013 endete die Sklaverei offiziell in Mississippi. Bertha Bowman war selbst die Enkelin von Sklaven. Schon als Kind verschlang sie Geschichten, Lieder, Tänze und Traditionen von Schwarzen, die trotz der Brutalität der Sklaverei die Hoffnung und Liebe nie aufgegeben hatten. Ihre methodistischen Eltern schickten sie auf eine katholische Schule – ein einschneidendes Erlebnis für Bertha. Sie kam in Kontakt mit dem Orden der Franziskanerinnen der Ewigen Anbetung und entschied sich mit 10 Jahren, katholisch zu werden. Mit 15 Jahren trat sie dem Orden bei und nahm den Namen Thea an – zu diesem Zeitpunkt war sie das einzige Schwarze Mitglied und erlebte Rassismus sowohl von innerhalb als auch außerhalb des Ordens. Besonders die älteren Schwestern, die noch nie einer schwarzen Ordensfrau begegnet waren, traten ihr gegenüber rassistisch auf.
Ihr Weg führte sie Ende der 1960er Jahre an die Katholische Universität von Amerika in der Hauptstadt Washington, D.C. In ihrem Studienfach Englisch etablierte sie den ersten Kurs zur Literatur von Schwarzen. Neben dem Studium der Literatur sang Thea für ihr Leben gern und erkannte, welche spirituellen Botschaften mithilfe von Musik weitergegeben werden. Nach dem Studium arbeitete sie als Lehrerin für Musik und englische Literatur, Predigerin und Aktivistin gegen Rassismus und war maßgeblich an der Verbindung der afroamerikanischen und katholischen Liturgie beteiligt. So entstand durch ihren Einsatz zum Beispiel ein katholisches Gesangbuch mit afroamerikanischen Liedern. Gleichzeitig erstarkte die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, in dessen Zuge Thea half, die Nationale Konferenz Schwarzer Schwestern zu gründen. Diese Bewegung unterstützt seit 1968 Schwarze Ordensfrauen und kämpft gegen den Rassismus in der Kirche.
Thea Bowman in traditioneller Kleidung
1984 erlitt Thea Bowman einen schweren Schicksalsschlag. Bei einer Untersuchung erhielt sie die Diagnose Brustkrebs. Auch ihre Knochen wurden schwächer, sie musste einen Rollstuhl nutzen. Trotz der Schwere ihrer Krankheit zeigte Thea einen eisernen Willen. Am 17. Juni 1989 hielt sie im Rollstuhl eine Rede vor den Bischöfen der USA – damit ist sie auch die erste afroamerikanische Frau, die vor der Bischofskonferenz auftrat. Sie plädierte dafür, dass sich die Kirche mit ihrer Geschichte der Rassentrennung auseinandersetzt und Schwarze Katholiken deutlicher wertschätzt. Auf die Frage, wie es sich anfühlt, in der Kirche und Gesellschaft Schwarz zu sein, antwortete sie mit dem Lied "Sometimes I Feel Like a Motherless Child" – zu Deutsch: Manchmal fühle ich mich wie ein mutterloses Kind. Sie sprach von einer Reise auf der Suche nach einem Zuhause und erklärte, Jesus habe ihr gesagt, die Kirche sei ihr Zuhause. Am Ende ihrer emotionalen Rede standen die 250 Bischöfe auf und sangen Arm in Arm die Hymne der US-Bürgerrechtsbewegung "We Shall Overcome". Nur neun Monate später starb Thea Bowman im Alter von 52 Jahren am 30. März 1990.
Schon kurz nach ihrem Tod dachte man über eine Kanonisierung nach, doch erst 2018 öffnete der Bischof von Jackson, Joseph Kopacz, den Prozess. Im Laufe von acht Jahren sammelte die Diözese zehn Kartons mit insgesamt mehr als 30.000 Seiten an Dokumenten über Thea Bowman und versiegelte diese feierlich in einer Messe am 9. Februar 2026. Diese Kartons werden zunächst an die apostolische Nuntiatur in Washington geschickt und schließlich in das vatikanische Dikasterium für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, wo man das Anliegen weiter untersucht. Wichtig für die Seligsprechung sind neben ihrem Leben und Zeugenaussagen über ihr Wirken auch ihr Ruf und der Beweis für mindestens ein vollbrachtes Wunder nach ihrem Tod, für eine Heiligsprechung ist ein weiteres Wunder notwendig. Liegen diese Kriterien vor, wird der Fall Bowman dem Papst zur Entscheidung vorgelegt.
Großes Vorbild in der Community
Die Hoffnung in den USA ist groß, dass Thea Bowman den Weg zur Heiligen schafft. Nicht nur in der afroamerikanischen Community, auch unter den Hispanics, also den Menschen mit lateinamerikanischen Wurzeln, sei man sehr stolz auf Thea, erklärt Bischof Joseph Kopacz dem "National Catholic Reporter". "Sie sehen sie als jemanden, die viel in ihrem Leben gemacht und andere inspiriert habe, trotz Hindernisse weiterzumachen. Sie hatte eine große Leidenschaft und Liebe für Gott, und sie sah, dass die Kirche als Leib Christi für alle da ist. Sie hat Menschen gelehrt, auf ihre Kultur stolz zu sein und dennoch die Universalität der Kirche anzuerkennen", so Kopacz.
Der Abschluss der ersten Phase der Kanonisierung fällt in einen besonderen Zeitraum. Im Februar findet vor allem in den USA und Kanada der "Black History Month" statt. Zunächst als Aktionswoche in den 1920er Jahren ins Leben gerufen, erinnern heute Schulen, Museen und Universitäten den ganzen Monat an die Marginalisierung Schwarzer und ihrer Geschichten. Wie wichtig es ist, an den systematischen Rassismus zu erinnern, zeigt auch die derzeitige politische Entwicklung in den USA. Programme für mehr Diversität wurden abgeschafft, Regierungsbehörden sollen nicht mehr über Rassismus sprechen und Ausstellungen in Museen über Sklaverei sollen abgebaut werden.
Die Heiligsprechung von Thea Bowman und den anderen Heiligen Sieben wäre für viele afroamerikanische Katholiken ein Schritt der Anerkennung. Zudem würde sie in das Pontifikat von Leo XIV. fallen. Nicht nur ist er der erste US-Amerikaner im Amt, er erlebte auch die US-Bürgerrechtsbewegung mit und hat sogar afroamerikanische Wurzeln über seine Großeltern mütterlichseits.
