Ungewöhnliche Andacht

"Jesus meets Rock": Warum ein Ehepaar Kirchen in Brandenburg rockt

Veröffentlicht am 14.03.2026 um 12:00 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 

Vetschau ‐ Gitarrenriffs statt Orgel: In Südbrandenburg laden Annette und Mathias Okoniewski ehrenamtlich zur Andacht "Jesus meets Rock". Mit Rocksongs bekannter Musiker verbinden sie Glaubensimpulse – ein Konzept, das ankommt.

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Es sind ungewöhnliche Klänge, die an diesem eiskalten Februarabend in der katholischen Kirche Heilige Familie im südbrandenburgischen Vetschau erklingen. Statt "Großer Gott, wir loben Dich" oder einem anderen traditionellen, von der Orgel begleiteten Kirchenlied, ertönt aus zwei Lautsprecherboxen neben dem Altar der Rocksong "Going Home" des britischen Musikers Mark Knopfler. Die Ballade aus dem Jahr 1983 bildet den Auftakt zur musikalischen Andacht "Jesus meets Rock", zu der an diesem Abend trotz Eis und Schnee gut 100 Menschen aller Generationen in das Gotteshaus in der Kleinstadt bei Cottbus gekommen sind.

Frei nach dem biblischen Motto "Singt dem HERRN ein neues Lied" hören sie in den folgenden gut eineinhalb Stunden – jeweils begleitet von geistlichen Impulsen – ein knappes Dutzend deutsch- und englischsprachige Rocksongs. Zum Programm des Abends gehören Lieder von Musikern wie Sting, Joan Osborne und Lenny Krawitz sowie Bands wie den Byrds, den Puhdys und Dire Straits, die allesamt eines gemeinsam haben: einen Liedtext, der mal ganz direkt und mal etwas versteckt eine biblische Botschaft transportiert oder emotional vom christlichen Glauben erzählt.

"Der perfekte Aufruf für die Fastenzeit"

Besonders auffällig zeigt sich das beim Song "Turn! Turn! Turn!" der US-Rockband The Byrds. Der Text des Liedes ist eine Adaption des Bibeltextes aus dem Buch Kohelet ("Alles hat seine Stunde ..."). "Die Byrds nehmen das Wort Kohelets auf und rufen uns zu: 'Kehrt um' oder frei übersetzt 'Wandelt Euch'. Es ist sozusagen der perfekte Aufruf für die jetzige Fastenzeit", erläutert Moderator Mathias Okoniewski den Inhalt des bekannten Hits. Wie bei allen anderen Songs des Abends können die Besucher die deutsche Übersetzung des Liedtextes anschließend parallel zur Musik auf einer Leinwand in der fast nur von Kerzen beleuchteten Kirche mitlesen.

„Was wäre, wenn Gott einer von uns wäre? Für uns Christen ist das keine hypothetische Frage, denn Gott ist einer von uns geworden. In Jesus von Nazareth hat er ein menschliches Antlitz bekommen.“

—  Zitat: Annette Okoniewski

Ein anderer Song, der an diesem Abend gespielt und inhaltlich vorgestellt wird, ist "One of Us" der amerikanischen Sängerin Joan Osborne. In dem Lied stellt Osborne mehrfach die Frage "Was wäre, wenn Gott einer von uns wäre?". "Für uns Christen ist das keine hypothetische Frage, denn Gott ist einer von uns geworden. In Jesus von Nazareth hat er ein menschliches Antlitz bekommen", deutet Moderatorin Annette Okoniewski in ihrem Impuls den Inhalt des aus dem Jahr 1995 stammenden Hits. Gott habe sich den Fragen der Menschen ausgesetzt und sich berühren lassen von ihrem Schicksal und ihrer Not.

Annette und Mathias Okoniewski sind nicht nur die Moderatoren der musikalischen Andacht – die Eheleute haben das ungewöhnliche Event auch selbst initiiert. "Der Motor war mein Mann", erzählt Annette Okoniewski im Gespräch mit katholisch.de. Seit Jahren interessiere er sich für Rocktexte, habe immer wieder englische Songs übersetzt, "einfach aus Neugier". Besonders ein Lied habe ihn nicht mehr losgelassen: "Brother in Arms" von Dire Straits. Als er sich den Text genauer angesehen habe, sei er fasziniert gewesen, wie viel Tiefe und biblischer Anklang in dem 1985 von Mark Knopfler geschriebenen Antikriegslied stecke.

Aus der Faszination wurde langsam eine Idee

Aus der Faszination wurde langsam eine Idee. Wenn schon dieser eine Song so viel geistlichen Gehalt trage, sagte sich Mathias Okoniewski, dann könne es nicht der einzige sein. Deshalb habe er begonnen, weitere Songs zu recherchieren. Je mehr Texte er sich vornahm, desto mehr merkte er, wie stark Rockmusik von biblischen Motiven durchzogen ist. Irgendwann stand der Gedanke im Raum, das nicht nur für sich zu behalten. "Eigentlich wäre es doch eine spannende Möglichkeit, das mal in der Kirche anzubieten", habe er gesagt, erzählt seine Frau. Ganz sicher seien sie sich zunächst nicht gewesen – doch die Idee ließ sie nicht mehr los.

Nach einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela im Jahr 2024 sprachen die Okoniewskis schließlich ihren Pfarrer an und erzählten ihm von ihrer Idee, eine musikalische Andacht anzubieten. "Er gab sofort grünes Licht", so Annette Okoniewski. Zudem kam mit Matthias Harmuth, dem Gottesdienstbeauftragten aus einer Nachbargemeinde, ein Freund des Ehepaars ins Boot. Ihn baten sie, die Andachten geistlich zu begleiten. Es folgten technische Vorbereitungen, Liedauswahl, Übersetzungen – dann legten sie los. Die erste "Jesus meets Rock"-Andacht fand im vergangenen Oktober in ihrer Heimatgemeinde Großräschen statt. Eine bewusst gewählte Zeit, erzählt Annette Okoniewski: "Es sollte schon etwas dunkler sein, aber noch nicht Advent."

Bild: ©privat

Mathias und Annette Okoniewski und Matthias Harmuth (v.l.) – das Team hinter der musikalischen Andacht "Jesus meets Rock".

Großräschen ist der Ort, an dem das Ehepaar verwurzelt ist. Mathias Okoniewski stammt von hier, seine Frau aus dem Nachbarort Altdöbern. Zum Studium gingen beide eine Zeit lang weg, vor gut 20 Jahren kehrten sie dann aber zurück in die Lausitz. Beide sind heute Mitte 50, gemeinsam haben sie zwei Söhne großgezogen. Annette Okoniewski arbeitet bei der Caritas, ihr Mann ist Arzt. In ihrer Pfarrei St. Antonius gehören sie zu den Engagierten.

Katholisch zu sein ist in der Lausitz keine Selbstverständlichkeit. Und doch wurde beiden ihr Glaube in katholischen Elternhäusern in die Wiege gelegt, "in tiefer Diaspora, geprägt von der DDR", erzählt Annette Okoniewski. Der Glaube habe ihnen stets Halt gegeben. Kirche sei gerade in der DDR-Zeit ein Schutzraum für Andersdenkende und ihre Aktivitäten gewesen. Noch vor der Wende engagierten sich beide in der katholischen Jugend, später in Halle an der Saale in der Pfarrgemeinde Heilig Kreuz. "Der Glaube ist ein wichtiger Teil unseres Lebens, nicht etwas nebenher", sagt Annette Okoniewski.

Viel Gewohnheit und wenig Bewegung

Zugleich verschweigt sie nicht, dass es bei ihr mit Blick auf die Kirche auch Unzufriedenheit gibt. Auch in der Diaspora nimmt sie viel Gewohnheit und wenig Bewegung wahr: "'Das haben wir schon immer so gemacht' – diesen Spruch mag ich gar nicht." "Jesus meets Rock" sei auch eine Reaktion darauf gewesen. "Für uns beide ist Glaube auch immer die persönliche individuelle Beziehung zu Gott." Sie und ihr Mann hätten zeigen wollen, dass es auch andere Möglichkeiten der Verkündigung gibt. "Wir wollten es einfach mal krachen lassen", sagt sie lachend.

Die Resonanz, die die Andacht ausgelöst hat, hat das Ehepaar allerdings überrascht. Vor dem ersten Termin im Oktober seien sie beide ziemlich nervös gewesen. Trotz intensiver Werbung in der Gemeinde blieb die Frage: Würde überhaupt jemand kommen? Doch dann füllte sich die Kirche schnell, am Ende war sie gut gefüllt. Besonders bewegend, so erzählt es Annette Okoniewski, sei eine Szene gleich zu Beginn gewesen. Da hätten zwei alte Damen das Gotteshaus betreten. "Ich habe sie dann vorsorglich darauf hingewiesen, dass es an diesem Abend etwas lauter werde. Die Antwort kam prompt: 'Ja, deshalb sind wir doch hier'."

Eine junge Frau hält sich ihre gefalteten Hände vors Gesicht. Aus ihrem Auge kullert eine Träne.
Bild: ©Photographee.eu/Fotolia.com (Symbolbild)

Während der Andacht habe sie immer wieder in die Gesichter geschaut und sich gefragt, ob die Botschaft ankomme. Viele seien sehr wach gewesen, sagt sie, manche sichtlich berührt, einige mit Tränen in den Augen, so Annette Okoniewski.

Während der Andacht habe sie dann immer wieder in die Gesichter geschaut und sich gefragt, ob die Botschaft ankomme. Viele seien sehr wach gewesen, sagt sie, manche sichtlich berührt, einige mit Tränen in den Augen. Das habe sie tief bewegt. Auch Menschen, die sonst wenig mit Kirche zu tun hätten, seien gekommen. Manche hätten später gesagt, sie hätten nicht erwartet, dass Rockmusik etwas mit Glauben zu tun habe – nun hätten sie einen Denkanstoß bekommen.

Der christliche Glaube – nicht verstaubt, sondern modern

Genau darum gehe es ihr und ihrem Mann, betont Annette Okoniewski. Nicht darum, Menschen in die Kirche zu locken, sondern einen Impuls zu setzen. Zu zeigen, dass der christliche Glaube nicht verstaubt, sondern modern ist, kraftvoll, mit starken Aussagen – auch wenn diese mitunter von Gewohnheiten überdeckt würden. Wieder ins Gespräch mit Gott zu kommen, das gehe auf unterschiedliche Weise – auch über den Sonntagsgottesdienst hinaus.

Eine Fortsetzung von "Jesus meets Rock" ist deshalb längst geplant. Viele Besucher hätten sie ermutigt weiterzumachen, fragten bereits nach dem nächsten Termin. Dafür peilen die Okoniewskis derzeit wieder den Oktober an. Bis dahin wollen sie neue Titel suchen, übersetzen, prüfen – und vielleicht wieder jene Momente erleben, in denen Rockmusik und Evangelium so eng beieinanderliegen, dass selbst alte Kirchenmauern ein wenig vibrieren.

Von Steffen Zimmermann