Pastor Christian Olding über das Sonntagsevangelium

Schluss mit dem Versteckspiel

Veröffentlicht am 07.03.2026 um 09:00 Uhr – Lesedauer: 
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Geldern ‐ Viele wollen in Tiefpunkten ihres Lebens von der Bildfläche verschwinden und vor ihren Problemen und Mitmenschen fliehen. Pastor Christian Olding erkennt im Sonntagsevangelium und dem Handeln Jesu eine andere Lösung.

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Kennen Sie diese Momente, in denen man einfach nur seine Ruhe haben will? Nicht, weil man so entspannt ist, sondern weil man die Blicke der anderen nicht erträgt. Man wählt den Supermarkt am anderen Ende der Stadt oder geht genau dann vor die Tür, wenn alle anderen beim Mittagessen sitzen. Man will unsichtbar sein, weil das eigene Leben gerade alles andere als vorzeigbar ist und sich eher wie 'Sychar' anfühlt.

Das ist der Name des Ortes, an dem die heutige biblische Episode spielt und der übersetzt "verstopft" oder "abgeschnitten" bedeutet.

So geht eine Frau in der sengenden Mittagshitze zum Brunnen. Niemand, der bei Verstand ist, schleppt um 12 Uhr mittags schwere Wasserkrüge durch die Wüste. Es sei denn, die Last der Vergangenheit, zerbrochener Beziehungen und das Urteil der anderen wiegt noch schwerer. Diese Frau ist eine Ausgestoßene. Fünf gescheiterte Ehen liegen hinter ihr und die sechste Beziehung ist auch nur ein Provisorium. In der Zahlensymbolik der Bibel ist die Sechs die Zahl des Unvollkommenen, des Fragmentarischen. Ihr Leben ist eine Baustelle.

Und genau dort, am Tiefpunkt ihres Lebens, wartet jemand. Jesus sitzt dort, erschöpft und staubig. Er begegnet ihr nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe, als jemand, der Durst und Müdigkeit aus eigener Erfahrung kennt. Er durchbricht alle Mauern: die der Scham, der Religion und der gesellschaftlichen Konventionen. Er spricht als Jude mit einer Samariterin, als Mann mit einer fremden Frau, als Heiliger mit einer Sünderin. Er fragt nicht nach Moral, sondern nach ihrem Lebensdurst.

Wir sind versucht, unseren inneren Durst mit "Sickerwasser" zu stillen: mit Konsum, Anerkennung oder der Hoffnung, dass der nächste Partner, der nächste Job oder das nächste Projekt uns endlich ganz macht. Doch das ist wie Salzwasser trinken: Der Durst kommt schlimmer zurück.

Jesus nennt das, was er demgegenüber anbietet, "lebendiges Wasser". Doch bevor es belebt, wird es ungemütlich. Jesus legt den Finger in die Wunde. "Hol deinen Mann", sagt er. Autsch. Das ist der Moment, an dem ein solches Gespräch auch abrupt enden könnte. Wenn Gott uns zu nahekommt, wenn es um unsere Schwachstellen geht, wollen wir allzu gerne flüchten. Heilung beginnt dort, wo wir aufhören zu flüchten und anfangen, unsere Wahrheit vor Gott auszusprechen. Wahrheit macht nicht nur Angst, Wahrheit macht frei. Denn das Wunderbare ist: Jesus spiegelt ihr Leben nicht, um sie zu verurteilen, sondern um sie freizusetzen. Er sieht die Abgründigkeit ihres Lebens und springt nicht weg. Er stellt sich daneben und die Frau erkennt: Ich bin nicht allein in meinem Schlamassel. Da ist jemand, der mich kennt – und mich trotzdem will. Das ist der Wendepunkt. Unsere Brüche, unsere "Sechser" – das Unvollkommene im Leben – sind keine Hindernisse für Gott, sondern der Ort der Begegnung.

Aus dem Evangelium nach Johannes (Joh 4, 5-15. 19B-26. 39A.40-42)

In jener Zeit kam Jesus zu einer Stadt in Samárien, die Sychar hieß und nahe bei dem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte.

Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. Da kam eine Frau aus Samárien, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: Gib mir zu trinken! Seine Jünger waren nämlich in die Stadt gegangen, um etwas zum Essen zu kaufen. 

Die Samaríterin sagte zu ihm: Wie kannst du als Jude mich, eine Samaríterin, um etwas zu trinken bitten? Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samarítern.

Jesus antwortete ihr: Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.

Sie sagte zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser? Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden?

Jesus antwortete ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt.

Da sagte die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierherkommen muss, um Wasser zu schöpfen!

Die Frau sagte zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss.

Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden. Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.

Die Frau sagte zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus heißt. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden.

Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, der mit dir spricht.

Aus jener Stadt kamen viele Samaríter zum Glauben an Jesus.

Als die Samaríter zu ihm kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben; und er blieb dort zwei Tage. Und noch viel mehr Leute kamen zum Glauben an ihn aufgrund seiner eigenen Worte.

Und zu der Frau sagten sie: Nicht mehr aufgrund deiner Rede glauben wir, denn wir haben selbst gehört und wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt.

Der Autor

Christian Olding ist Pastor in der Pfarrei St. Maria Magdalena in Geldern.

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