Kultur statt Liturgie – ein Zukunftsmodell für Kirchen auf dem Land?

Wie viele Kirchen es in Deutschland genau gibt, ist nicht bekannt. Schätzungen gehen aber von rund 45.000 Gotteshäusern in der Bundesrepublik aus. Viele von ihnen prägen seit Jahrhunderten ihre Umgebung – gerade auch im ländlichen Raum. Dort sind die meist im Zentrum der Kleinstädte und Dörfer stehenden Kirchtürme wichtige Landmarken und die dazugehörigen Gotteshäuser über Generationen hinweg Orte der Begegnung und Gemeinschaft gewesen. Doch der durch Abwanderung und Alterung ausgelöste Rückgang der Bevölkerung gerade in strukturschwachen ländlichen Gegenden sowie die anhaltend hohen Austrittszahlen der beiden großen Kirchen stellen die Zukunft vieler Kirchengebäude zunehmend infrage.
"Prognosen gehen davon aus, dass etwa 30 Prozent der Kirchen in Deutschland in den kommenden 30 Jahren nicht mehr für Gottesdienste benötigt werden. Bei all diesen Kirchen stellt sich die Frage, was mit ihnen passiert: Ob sie verkauft oder abgerissen werden – oder ob sie vielleicht für andere Zwecke genutzt werden können", sagt Maria Rammelmeier. Die promovierte Sozial- und Regionalwissenschaftlerin arbeitet seit 2023 für das Forschungsprojekt "Kultur unterm Kirchturm" der evangelischen Augustana-Hochschule Neuendettelsau und der Universität Vechta. Dessen Ziel ist es, "die Bedeutung und Funktion kirchlicher Räume und Netzwerke für die kulturelle Regionalentwicklung in ländlichen Räumen" zu erforschen. Einfacher ausgedrückt: Das Projekt will herausfinden, welche Rolle Kirchenräume für kulturelle Aktivitäten im ländlichen Raum spielen können, welche Chancen darin liegen und wo Grenzen sichtbar werden.
Auch der ländliche Raum steht unter Druck
Denn: Nicht nur die Kirchen auf dem Land haben mit Herausforderungen zu kämpfen – auch der ländliche Raum selbst steht unter Druck. Mit der Abwanderung und Überalterung der Bevölkerung verschwinden auch viele Orte der Begegnung: Gasthöfe, Bank- und Postfilialen schließen, Kultur- und Vereinsangebote werden seltener. Wäre es vor diesem Hintergrund nicht sinnvoll, Gotteshäuser, die liturgisch immer weniger genutzt werden, als prägende Gebäude aber erhalten bleiben sollen, zu Kultur- und Begegnungsorten für die Allgemeinheit umzuwandeln?
„Gerade dort, wo es keine Theater oder Kulturzentren gibt, gehören Kirchen zu den wenigen öffentlichen Räumen, die überhaupt für kulturelle Veranstaltungen in Frage kommen.“
"Dass Kirchen als Orte für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden, ist im urbanen Kontext nicht neu. Solche erweiterten Nutzungen von Gotteshäusern gibt es schon seit vielen Jahrzehnten", sagt Professorin Sonja Keller, die als Lehrstuhlinhaberin für Praktische Theologie an der Augustana-Hochschule an dem Forschungsprojekt beteiligt ist. Der ländliche Raum sei diesbezüglich aber noch wenig erforscht. "Kirchengebäude übernehmen allerdings auch auf dem Land zunehmend eine wichtige kulturelle Funktion. Gerade dort, wo es keine Theater oder Kulturzentren gibt, gehören Kirchen zu den wenigen öffentlichen Räumen, die überhaupt für kulturelle Veranstaltungen in Frage kommen." Das "Kultur unterm Kirchturm"-Team habe deshalb die Frage bearbeitet, wie kulturelle Nutzungen von Kirchengebäuden im ländlichen Raum funktionieren und welche Zukunftsperspektiven sich für Kirche und Gesellschaft daraus in diesen Regionen ergeben.
Rammelmeier betont, dass Kultur von Kirchenverantwortlichen häufig als naheliegende Option für eine künftige Nutzung von Kirchengebäuden erscheine. Allerdings warnt sie vor falschen Erwartungen. Kirchen würden neben dem Zuhause und dem Arbeitsplatz zwar oft als "dritter Ort" beschrieben, also als neutraler Treffpunkt. Tatsächlich aber seien sie symbolisch stark aufgeladen – mit Erinnerungen an Taufen, Hochzeiten oder Trauerfeiern. Diese Bedeutungen verschwänden nicht, nur weil in einem Kirchenraum statt Gottesdiensten nun kulturelle Veranstaltungen wie Ausstellungen, Konzerte oder Lesungen stattfänden. Sie habe im Rahmen des Projektes von kirchenfernen Menschen erfahren, die Kulturveranstaltungen in Kirchen allein deshalb nicht besucht hätten, weil sie kein Gotteshaus betreten wollten.
14 Regionen in ganz Deutschland
Methodisch gingen die Forscherinnen breit vor. Insgesamt wurden sieben Regionen in Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen untersucht, erläutert Doktorandin Antonia Lehmann. Kirchenleitungen wurden angeschrieben, kulturelle Initiativen recherchiert und Interviews mit Organisatoren, Pfarrerinnen und Pfarrern, Künstlern und kommunalen Akteuren geführt. Ergänzend entstanden Netzwerkkarten, um sichtbar zu machen, wer mit wem zusammenarbeitet und wie stark kirchliche Kulturprojekte in lokale und regionale Strukturen eingebunden sind. Aus praktisch-theologischer Sicht analysierte das Team zudem die Kirchenräume selbst: Welche liturgischen Elemente bleiben bestehen, was wird verändert, welche Artefakte prägen die Nutzung?
Kultur kann Kirchen im ländlichen Raum beleben – flächendeckend retten wird sie die Gotteshäuser aber nicht, so die Forscherinnen.
Auch wenn das Forschungsprojekt noch nicht abgeschlossen ist, lässt sich laut den Forscherinnen als ein zentrales Ergebnis bereits festhalten: In vielen der untersuchten Regionen fungieren Kirchenräume heute bereits jenseits von Gottesdiensten als wichtige Orte der Vergemeinschaftung. "Wo andere Treffpunkte fehlen, eröffnet die kulturelle Nutzung von Gotteshäusern neue Begegnungsmöglichkeiten", so Lehmann. Auffällig sei zudem, dass viele kulturelle Initiativen durch das Engagement Ehrenamtlicher entstünden. Menschen wollten "ihre" Kirche erhalten, merkten aber, dass eine rein liturgische Nutzung nicht mehr ausreiche.
Beispielhaft dafür steht nach Aussage von Lehmann die Kreuzkirche im thüringischen Zeulenroda. Dort gründeten Einwohner 2020 den Verein "VIVA Kulturforum Kreuzkirche Zeulenroda e.V.", um dem historischen Gebäude in zentraler Lage neues Leben einzuhauchen. Seither finden in der Kirche regelmäßig Kulturveranstaltungen statt, auch für "Feiern aller Art" kann das Gotteshaus laut dem Verein genutzt werden. Nach Angaben von Lehmann blieb die örtliche Kirchengemeinde Eigentümerin des Gebäudes und unterstützt den Verein etwa bei Förderanträgen, das kulturelle Programm wird dagegen weitgehend ehrenamtlich getragen. "Solche Modelle zeigen, dass kulturelle Nutzung Gebäude beleben und Identifikation stiften kann – zugleich aber stark von einzelnen Engagierten abhängt", sagt die Doktorandin.
"Spiel" mit dem besonderen Raum
Eine weitere Erkenntnis der Forscherinnen: Kirchenräume unterscheiden sich deutlich von Dorfgemeinschaftshäusern oder anderen klassischen Veranstaltungsorten. "Viele Beteiligte haben im Rahmen der Interviews die besondere Atmosphäre in den Kirchen betont", erläutert Antonia Lehmann. Kirchen seien historisch gewachsene Räume mit einer eigenen Atmosphäre der Würde. Gerade kleinere Dorfkirchen könnten zudem eine "heimelige" Wirkung entfalten, die ein großer Mehrzwecksaal nicht biete. Auch Sonja Keller verweist auf diese Qualität. Zwar müssten Kirchen für kulturelle Zwecke häufig erst hergerichtet werden, doch gerade das "Spiel" mit dem besonderen Raum übe eine große Anziehungskraft aus. Mit der Geschichte eines Ortes arbeiten zu können, werte kulturelle Angebote auf und stifte Identität.
„Kirche ist hierarchisch organisiert, Kultur lebt von Freiheit und Experiment.“
Rammelmeier betont, dass auch das kulturelle Angebot selbst eine Rolle spielt. "Viele Kirchen setzen auf klassische Formate wie Orgel- oder Kammerkonzerte." Eine hochkulturelle Ausrichtung sei legitim, erreiche aber nicht automatisch die örtliche Dorfbevölkerung. Niedrigschwelligere Formate, Beteiligung vor Ort und vielfältige Netzwerke senkten dagegen die Hemmschwelle. Wenn Menschen ohne kirchlichen Hintergrund mitorganisierten, verändere sich oft auch das Programm – hin zu stärker alltagsnahen Formen von Kultur und Begegnung, was wiederum in aller Regel ein Gewinn für die Dorfgemeinschaft sei.
Mit der zunehmenden kulturellen Nutzung verschiebt sich nach Einschätzung von Lehmann zugleich der Blick auf die Rolle von Kirche im Dorf. Kirche müsse sich noch bewusster machen, dass sie ein zivilgesellschaftlicher Akteur vor Ort sei, der überparteilich Räume etwa für Debatten bereitstellen könne. Keller nennt dafür beispielhaft das Projekt "Dorfkirche mon amour" der evangelischen Nordkirche. Neben der kulturellen Belebung kleiner Kirche gehe es dabei konkret auch um eine Förderung der Zivilgesellschaft in ländlichen Regionen unter anderem in Mecklenburg-Vorpommern.
Kultur wird Kirchen nicht flächendeckend retten
Gleichzeitig relativieren die Forscherinnen Erwartungen. Kultur werde nicht flächendeckend Kirchen retten. Finanzierung und Gebäudeunterhalt blieben Herausforderungen. Projekte hingen oft an einzelnen Personen, und wenn diese wegfielen, entstünden schnell Lücken. Eine weitere Herausforderung sind laut Rammelmeier die unterschiedlichen Strukturen von Kirche und Kultur: "Kirche ist hierarchisch organisiert, Kultur lebt von Freiheit und Experiment." Entscheidend sei deshalb, dass beide Seiten frühzeitig ins Gespräch kämen. Veränderung brauche Zeit, weil Menschen mit Kirchengebäuden bestimmte Vorstellungen verbänden.
Was vom Forschungsprojekt "Kultur unterm Kirchturm" am Ende bleiben soll, formuliert Rammelmeier nüchtern: ein Bewusstsein dafür, dass sich die Nutzung von Kirchengebäuden verändern wird – und dass Gemeinden aktiv entscheiden müssen, wie sie damit umgehen wollen. Halten, umnutzen, teilen oder abgeben: Diese Fragen werden sich vielerorts stellen. Ob Kirchen künftig gerade im ländlichen Raum stärker als kulturelle Treffpunkte fungieren, hängt weniger von einer Patentlösung ab als von lokalen Netzwerken, Engagement und der Bereitschaft, den Raum unter dem Kirchturm neu zu denken.