Aktivistin: Die Kirche ist das größte Patriarchat der Welt
Seit über 100 Jahren wird am 8. März, dem Internationalen Frauentag, über Gleichstellung gesprochen. Doch nicht nur an diesem Tag kämpfen Frauen weltweit für ihre Rechte – auch in der Kirche. Vier Frauen aus Madagaskar, Indien, Polen und den USA zeigen, wie unterschiedlich dieser Einsatz aussehen kann.
Madagaskar
Für Schwester Solange Nirina beginnt Veränderung im Kleinen. Die Ordensfrau aus Madagaskar gehört zur Kongregation der Töchter von Sankt Paul und arbeitet wie viele Ordensfrauen im Bildungsbereich und der Gesundheitsversorgung. Auf der ostafrikanischen Insel, wo mehr als eine halbe Million Kinder von Mangelernährung bedroht sind, tragen Frauenorden in vielen ländlichen Regionen entscheidend zur sozialen Infrastruktur bei. Diese Nähe zu den Menschen sei eine besondere Stärke von Frauen, sagt Schwester Solange. Sie wüssten, wo es in den Gemeinden brenne. Doch aus dieser Nähe erwachse auch Verantwortung. "Wir Frauen müssen in der Kirche sagen, was wir denken, müssen den Mut haben, zu sprechen." Die Kirche gebe eine klare Hierarchie vor, doch Frauen müssten lernen sich selbstbewusst für sich und ihre Anliegen einzusetzen .
Schwester Solange weiß, dass das nicht immer einfach ist. Ob Frauen Einfluss nehmen können, hänge vom Wohlwollen der Priester und Bischöfe ab – und vom Zugang zu Bildung. 55 Prozent der madagassischen Frauen zwischen 15 und 49 Jahren sind Analphabetinnen – bei den Männern sind es in der gleichen Gruppe 27 Prozent. Diese Bildungsunterschiede beeinflussen auch die Mitsprache von Frauen in den Gemeinden. Die Ordensfrau selbst hatte das Privileg, Bildung zu genießen und gehört zu werden: Sie nahm sogar an der Weltsynode in Rom teil. Dort erlebte sie, wie Kardinäle, Bischöfe und Ordensfrauen die gleiche Redezeit gehabt haben. Getragen von dieser Erfahrung versucht sie Frauen in ihrem Umfeld zu motivieren, sich einzubringen und ihre Stimme hörbar zu machen.
Indien
Doch allein gehört zu werden, reicht vielen Aktivistinnen nicht aus. Die indische Theologin Virginia Saldanha will Strukturen verändern und versuchte das schon mehrfach in ihrem Heimatland. In den 1980ern fängt sie an Theologie zu studieren – zu einer Zeit, in der Frauen mit diesem Abschluss kaum berufliche Perspektiven in Indien hatten. Schnell findet sie einen Bereich, der sie begeistert: Befreiungstheologie. Die Annahme, dass Jesus einem zeigt, mit dem man sich selbst von den Sünden befreien kann, motivierte die Studentin sich gegen Ungerechtigkeiten einzusetzen.
Ob als Ordensfrauen oder als Laiinnen, weltweit übernehmen Frauen in der Kirche Verantwortung.
Eines ihrer ersten Projekte war es zum Beispiel, sich für Frauen einzusetzen, die in den Haushalten von Priestern arbeiteten. Saldanha ermutigte sie, geregelte Arbeitszeiten, Urlaubstage und einen freien Sonntag einzufordern. Damit machte sie sich gleich zu Anfang bei den Priestern unbeliebt. Doch das hielt sie nicht auf. Sie störte sich schon damals an dem Bild von Priestern, die in den Gemeinden Entscheidungshoheit haben und dabei christliche Werte ignorieren .
Heute engagiert sie sich im Catholic Women’s Council , ein globales Netzwerk, das sich für die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche einsetzt, und formuliert ihre Kritik grundsätzlicher: "Solange Frauen nicht über Ressourcen entscheiden können, sind sie machtlos in der Kirche." Teilhabe bedeute nicht nur Mitreden, sondern Mitentscheiden. Was sie damit meint, beschreibt sie an einem Beispiel. In ihrer Gemeinde gründete sie eine Frauengruppe, die sich über Gewalterfahrungen austauschte. Als der Priester davon mitbekam, verwehrte er ihnen den Zugang zum Kirchenraum, in dem sie sich trafen. Mit der Begründung, dass sich dort angeblich eine andere Gruppe treffen würde. Saldanha und ihre Gruppe blieben machtlos zurück.
Ein weiteres ihrer Anliegen ist es, Frauen von sexualisierter Gewalt durch Priester zu schützen. Viele indische Frauen wenden sich mit ihren Problemen in der Kindererziehung oder in ihrer Ehe an Priester und gehen zur Beichte. Dabei komme es immer wieder zu sexuellen Übergriffen. "Ich sage Frauen mittlerweile, dass sie aufhören sollen, zur Beichte zu gehen", so Saldanha. Sie möchte Frauen ermutigen, sich gegen die Ungerechtigkeiten in der Kirche zu wehren. Wenn etwa Predigten frauenfeindlich seien, sollten sie aufstehen und gehen. "Wir müssen die Kirche da verletzen, wo es am meisten weh tut", so die Theologin.
Polen
Doch nicht jede Frau kann einfach gehen. In Polen setzt sich Iza Mościcka für eine ganz bestimmte Gruppe von Frauen ein, die von kirchlichen Strukturen abhängig sind. Im Centrum Pomocy Siostrom Zakonnym können sich Ordensfrauen Hilfe suchen, die darüber nachdenken, ihren Orden zu verlassen. Mościcka kennt diese schwierige Situation: Nach 18 Jahren verließ sie selbst ihre Ordensgemeinschaft. Die Gründe für einen Austritt sind vielfältig: Persönliche Glaubenskrisen, Mobbing, Machtmissbrauch, aber auch sexualisierte Gewalt können eine Rolle spielen. In diesen Ausnahmesituationen stehen Ordensfrauen häufig vor besonders schweren Herausforderungen. Ordensmänner in Polen hätten in den meisten Fällen ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Ordensfrauen, die austreten, bleiben häufig lediglich mit einigen Kleidungsstücken und einer kleinen Geldsumme zurück.
In der katholischen Kirche dürfen Frauen keine Priesterinnen werden – eine der offensichtlichen Diskriminierungen von Frauen in der Kirche.
Mościcka und ihre Organisation bieten ihnen rechtliche Beratung, psychologische Begleitung und praktische Hilfe beim Neustart an. Mit ihrem Engagement möchte sie ihrer Vision einer gerechten Kirche vorantragen. "Ich träume von einer Kirche, in der die Präsenz von Frauen kein 'netter Zusatz' ist, sondern selbstverständlicher Teil einer Struktur gemeinsamer Verantwortung." Ihr geht es darum, dass Frauen in der Kirche ernst genommen werden, auch wenn sie über Erfahrungen von Verletzungen sprechen.
USA
Doch trotz all der strukturellen Benachteiligung wollen viele Frauen die Kirche nicht verlassen. Weltweit kämpfen Aktivistinnen dafür, diese Struktur von innen heraus zu verändern. Kate McElwee von der Women’s Ordination Conference , einem ursprünglich aus den USA stammende Verein, der sich heute weltweit für eine Weihe von Frauen einsetzt, hat das Ziel , den Vatikan von der Frauenordination zu überzeugen. Schon in ihrer Kindheit hat die US-Amerikanerin erlebt, dass es für sie als Mädchen in der Kirche gewisse Einschränkungen gab. Sie durfte weder ministrieren noch im Sportverein der Kirche Basketball spielen. Als junge Erwachsene suchte sie zunächst Abstand zur Kirche. Erst als sie einen Job bei der Women’s Ordination Conference fand, verstand sie, wie katholisch sein für sie funktioniert – unter der Voraussetzung, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Seit 15 Jahren organisiert sie Protestaktionen und vernetzt Aktivistinnen weltweit .
Mit ihrer Arbeit stößt sie auf jede Menge Kritik. Anfeindungen im Netz gehören zum Alltag. Sie sagt, für diese oft misogyne Kritik habe sie keine Zeit. Kommentare auf YouTube oder X lese sie einfach nicht mehr. Sie sei sich bewusst, dass der Kampf für eine Frauenordination noch ein weiter Weg sei. "Es ist eine David-gegen-Goliath-Situation", so die Aktivistin. Doch egal, wie viel Gegenwind sie bekommt, ihre Superpower – Hoffnung – kann ihr keiner wegnehmen. Die katholische Kirche sei zwar das größte Patriarchat der Welt, doch an Reformen zu arbeiten würde sich lohnen. Die Kirche habe weltweit großen Einfluss, ob in Gemeinden vor Ort oder in politischen Gremien wie der UN – wenn die Kirche Frauen und Männer endlich als gleichwertig ansehen würde, hätte das einen wahnsinnigen Effekt, da ist sich McElwee sicher.
Schwester Solange Nirina, Virginia Saldanha, Iza Mościcka und Kate McElwee zeigen, dass der Kampf um Gleichstellung in der Kirche kein Randthema ist und vor allem kein einmaliges Datum im Kalender. Sie alle sind sich sicher, dass es irgendwann Gleichberechtigung in der Kirche geben wird – und bis dahin werden sie sich weiter engagieren – in ihrer ganz eigenen Art und Weise.
