Vatikan wisse genau, wie schwach Argumente seien

Kirchenhistoriker: Zölibat historisch wenig tragfähig

Veröffentlicht am 11.03.2026 um 15:36 Uhr – Lesedauer: 

Berlin ‐ Zölibat? Frauenweihe? Der Vatikan kann seine Positionen schnell ändern, sagt der Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch. Er verweist dabei auf mehrere Beispiele aus der Geschichte.

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Der britische Historiker Diarmaid MacCulloch (74) hält die kirchlichen Begründungen für Zölibat und das katholische Geschlechterbild für historisch wenig tragfähig. Der Vatikan wisse genau, wie schwach diese Argumente seien, sagte MacCulloch der "Zeit"-Beilage "Christ und Welt". Die Priesterehe sei in der katholischen Kirche bis weit ins Mittelalter hinein die Norm gewesen. Dem Vatikan würde er sagen, dessen Ansichten über Ehe und Sexualität seien ein Konstrukt des Hochmittelalters und nicht der Ewigkeit.

Rom könne seine Ansichten rasch ändern, sagte MacCulloch. Das habe der Vatikan in der Geschichte mehrfach getan. "Vor dem Zweiten Vatikanum hieß es: Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil – hinterher war das anders." MacCulloch ist emeritierter Professor für Kirchengeschichte an der Universität Oxford. Sein neuestes Buch "Niedriger als die Engel" erschien im Februar. Der Historiker hoffe, dass auch konservative Leserinnen und Leser darin eine "subversive Botschaft" entdecken.

Zölibat nicht haltbar

Mit Blick auf verheiratete Geistliche anderer Konfessionen verwies MacCulloch darauf, dass diese zum Katholizismus übertreten und katholische Priester werden können. Er schätzt, dass rund ein Drittel der in England tätigen katholischen Geistlichen aus konvertierten, verheirateten anglikanischen Priestern besteht. "Das ist doch nicht haltbar gegenüber denjenigen, die man in den Zölibat zwingt", sagte er.

Auch das Argument von Papst Johannes Paul II., die Kirche habe keine Autorität, Frauen zu Priestern zu weihen, überzeugt den Historiker nicht. Man wisse, dass es in der frühen Kirche Diakoninnen gegeben habe, mancherorts noch bis ins frühe Mittelalter hinein. "Ich bin von diesen scheinbaren Weihehindernissen – sei es Ehe, sei es Geschlecht – nicht beeindruckt. Martin Luther war es auch nicht."

Der zentrale Gedanke der Reformation sei die Abschaffung des Zölibats gewesen, so MacCulloch. Luther habe betont, dass zwischen Klerikern und Laien kein grundsätzlicher Unterschied bestehen dürfe. "Er hielt das für einen großen Betrug und wollte selbst so auch nicht leben." (KNA)