Studie deckt deutlich mehr Missbrauchsfälle im Erzbistum Paderborn auf
Im Erzbistum Paderborn hat es sehr viel mehr Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben als bisher bekannt. Das zeigt eine Aufarbeitungsstudie, die Wissenschaftler der Universität Paderborn am Donnerstag vorgelegt haben. Darin ist von 210 Beschuldigten und 489 Betroffenen die Rede in den Jahren 1941 bis 2002. Im Vorfeld der Präsentation wurden außerdem schwere Vorwürfe gegen den früheren Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt laut: Er soll nicht nur Missbrauch vertuscht haben, sondern selbst Täter gewesen sein. In der neuen Studie gibt es dazu aber keine konkreten Hinweise.
Laut dem Sprecher der Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn, Reinhold Harnisch, liegt dem Gremium seit Ende 2025 ein Vorwurf eines Betroffenen gegen Degenhardt vor. Zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Tat soll der Betroffene minderjährig gewesen sein. Der 2002 verstorbene Kardinal Degenhardt gilt nach Ansicht der Betroffenenvertretung als Beschuldigter. Sie gehe Hinweisen nach, ob und inwieweit es weitere Opfer und Täter gegeben habe.
Einordnung des Falls schwierig
Ob es sich hier um einen der drei Fälle handelt, die das Erzbistum Paderborn im Oktober aus Transparenzgründen selbst öffentlich gemacht hatte, konnte Harnisch nicht sagen. Aus Gründen des Persönlichkeitsrechts tausche die Betroffenenvertretung zunächst keine Daten mit dem Erzbistum aus. Auch das Erzbistum Paderborn konnte diese Frage bisher nicht beantworten.
Das Erzbistum hatte im Oktober selbst Missbrauchsvorwürfe gegen Degenhardt sowie gegen dessen Vorgänger, Kardinal Lorenz Jaeger, veröffentlicht. Diese Anschuldigungen seien jedoch teils unvollständig, widersprüchlich oder über Dritte eingebracht worden, so das Erzbistum damals. Externe Gutachter hätten sie zudem als nicht plausibel bewertet. Auch Kirchenhistorikerin Nicole Priesching hat im Rahmen ihrer Studie diese Anschuldigungen untersucht. Eine Einordnung wollte sie jedoch am Donnerstag nicht vornehmen, da die Datenlage zu dünn sei: "Vor dem jetzigen Datenmaterial könnte ich eine Einschätzung nicht fällen."
Die Kardinäle Lorenz Jaeger (links) und Johannes Joachim Degenhardt.
Die Fallzahlen der Studie für das Erzbistum Paderborn liegen in etwa doppelt so hoch wie die in einer deutschlandweiten Untersuchung von 2018 ermittelten Zahlen für das Erzbistum. Priesching und ihr Team stießen auf 210 Hinweise auf beschuldigte Geistliche. Zudem seien mindestens 489 Kinder und Jugendlichen sexuellen Übergriffen von Geistlichen ausgesetzt gewesen. Es handele sich hier aber lediglich um das Hellfeld, fügten die Forschenden hinzu.
Die sogenannte MHG-Studie hatte 2018 lediglich 111 Beschuldigte und 197 Betroffene im Erzbistum Paderborn identifiziert. Diese Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum von 1946 bis 2014. Die aktuelle Studie umfasst die Amtszeiten der Erzbischöfe Jaeger und Degenhardt von 1941 bis 2002.
"Doppelter Missbrauch"
Missbrauchsbetroffene reagierten mit Bestürzung. "Wir Betroffenen haben diese Studie erhofft und erwartet", sagte Harnisch. Er sprach von einem doppelten Missbrauch – einmal durch die Täter, ein zweites Mal durch das Versagen der Institutionen. "Dieser doppelte Missbrauch, der dauert an." Der Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch, Matthias Katsch, sprach von einem "Tag der Trauer und des Zorns". "Das Ausmaß der Verbrechen im Erzbistum Paderborn, die Anzahl der Priestertäter über die Jahrzehnte und die Gewissenlosigkeit, mit der die Täter geschützt und die Opfer ignoriert worden sind, sind erschütternd", sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Der aktuelle Paderborner Erzbischof Udo Bentz bezeichnete die Untersuchung als Meilenstein auf dem Weg der Aufarbeitung. "Das schuldhafte Versagen früherer Bistumsverantwortlicher lässt sich nicht relativieren. Als heutige Bistumsverantwortliche verpflichtet uns diese historische Wirklichkeit, an einer neuen Kultur der Glaubwürdigkeit auf allen Ebenen zu arbeiten", teilte er mit. Bentz saß bei der Vorstellung der Untersuchung im Publikum. Am Freitag will sich das Erzbistum ausführlich äußern.
Udo Markus Bentz, der amtierende Erzbischof von Paderborn, bezeichnete die Untersuchung als Meilenstein auf dem Weg der Aufarbeitung.
Priesching und ihr Team haben das Phänomen des sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Paderborn fast sechs Jahre lang untersucht. Sie lasen Kirchenakten und interviewten Zeitzeugen. Den beiden früheren Erzbischöfen warfen sie Vertuschung vor. Die Kardinäle hätten große Milde gegenüber beschuldigten Priestern gezeigt, auch wenn sie von deren Schuld überzeugt gewesen seien. Um die Betroffenen hätten sie sich nicht gekümmert.
Aber auch die Gesellschaft habe oft weggesehen. Gemeinden hätten sich hinter beschuldigte Pfarrer gestellt, Betroffene seien zum Teil ausgegrenzt worden. Zudem sei es eine hohe Hürde gewesen, Missbrauchstaten bei kirchlichen oder weltlichen Behörden zu melden. Die Betroffenen und deren Familien hätten häufig davor zurückgeschreckt, Vorwürfe möglicherweise zu Unrecht zu erheben oder einen Konflikt in der Gemeinde zu verursachen.
Weitere Studie 2027
2027 soll eine weitere Studie veröffentlicht werden zur Amtszeit des noch lebenden früheren Erzbischofs Hans-Josef Becker, der von 2002 bis 2022 an der Spitze des Erzbistums stand.
Die Missbrauchsvorwürfe gegen Degenhardt sind nicht die ersten dieser Art. Ein Täter soll auch der Gründungsbischof des Bistums Essen, Kardinal Franz Hengsbach (1910–1991), gewesen sein. Gegen ihn liegen mehrere Vorwürfe wegen sexualisierter Gewalt vor. Sie beziehen sich zum einen auf seine Essener Amtszeit ab 1958, zum anderen auf die Zeit davor als Priester und Weihbischof im Erzbistum Paderborn. Eine soziologisch-historische Studie geht den Anschuldigungen nach. Darüber hinaus wird auch dem früheren Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen (1907–1988) Missbrauch vorgeworfen. Zwei Gutachten konnten die Vorwürfe bisher aber weder erhärten noch entkräften. (KNA)
12.03., 18:30 Uhr: Ergänzt um weitere Reaktionen, u.a. von Erzbischof Bentz.
