Hilfe im Alltag für Menschen mit Behinderung

Leben mit Down-Syndrom: Lars-Oliver Stehler, sein Alltag und Glaube

Veröffentlicht am 21.03.2026 um 09:40 Uhr – Von Jennifer Brodt – Lesedauer: 

Höhr-Grenzhausen/Neuwied ‐ Wie kann ein selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderung aussehen? Lars-Oliver Stehler hat Trisomie 21 und wohnt in einer inklusiven Wohngruppe. Sie und seine Familie helfen ihm in seinem Alltag.

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Nächste Station: "Himmelreich". Ein Foto zeigt das Wort auf einer Anzeigetafel in einem Bahnhof über den Gleisen. Lars-Oliver Stehler klickt sich auf seiner Kamera durch die Bildersammlung. Das Foto hat er bei einem Ausflug an Christi Himmelfahrt 2025 gemacht. Die Kamera ist immer dabei, wenn er unterwegs ist. Er kommuniziert dadurch mit seiner Außenwelt. Denn der 29-Jährige hat nicht nur Trisomie 21, er ist auch gehörlos. Seit knapp zehn Jahren lebt er in einer Caritas-Wohngruppe in Höhr-Grenzhausen nahe Koblenz und arbeitet in einer inklusiven Werkstatt in Neuwied. In seinem Alltag treffen das Herkömmliche wie das Besondere – auch spirituell – aufeinander.

Bild: ©katholisch.de/jbr

Im neuen Job scheint sich Lars-Oliver Stehler gut eingelebt zu haben.

Bald ist Feierabend in der Neuwieder Werkstatt. Doch davon ist bei Stehler noch nichts zu merken. Konzentriert sitzt er mit einigen Kollegen an einem großen Tisch und setzt schwarze Gummiteile in ein rundes, weißes Kunststoff-Stück ein. Später werden die Teile in Mischbatterien verbaut. Er ist umgeben von Kunststoffkisten voller Material. Darin landen die fertigen Teile und werden zur Weiterverarbeitung weggefahren. Erst vor zwei Wochen hat Stehler an seinem neuen Arbeitsplatz angefangen. Zuvor hatte er mehrere Jahre in einem anderen inklusiven Betrieb gearbeitet, bevor dieser Insolvenz anmelden musste. Im neuen Job scheint sich Stehler gut eingelebt zu haben: Er posiert mit beiden Daumen nach oben für Fotos. Gerade ist seine Alltagshelferin Nina Winterscheid angekommen, um ihn abzuholen. Sie lernt seinen Chef Markus Beer heute zum ersten Mal kennen. Stehler steht auf und legt den Arm um seinen neuen Chef. Als „fleißig“ beschreibt ihn Beer und sagt es Stehler auch in Gebärdensprache. Stehler habe sich schnell an seinem neuen Arbeitsplatz eingebracht. Ein Anliegen hat sein Chef aber noch. Er fragt Stehler: "Bringst du morgen noch den Flyer mit?" Denn während der Arbeitszeit hat Stehler die Möglichkeit, ein Angebot der Kirche wahrzunehmen. "Zeit mit Gott", heißt das Projekt und findet in einem Waldpark in der Nähe der Arbeitsstätte statt. Dort können Menschen mit Behinderung bei einem gemeinsamen Grillen nicht nur Gemeinschaft erleben, sondern es gibt auch spirituelle Impulse. "Ja", nickt Stehler, ist gedanklich aber schon aus der Tür: Jetzt ist erstmal Feierabend und Stehler wird zurück in seine Wohngruppe gefahren.

Leben selbst gestalten

In der Caritas-Wohngruppe wohnt Stehler mit acht weiteren Menschen zusammen, die unterschiedliche geistige Behinderungen haben. Dort kann sich jeder sein persönliches Leben selbst gestalten. Hilfe gibt es etwa in Sachen Körperhygiene, Brotschmieren vor der Arbeit oder Freizeitplanung. Stehler wird, wie seine Mitbewohner, morgens mit einem Taxi zur inklusiven Arbeit gefahren und am Nachmittag wieder nach Hause gebracht.

In seiner WG ist Stehler mit der Kombination aus Down-Syndrom und Gehörlosigkeit eine Besonderheit. Das Down-Syndrom an sich kommt im Vergleich relativ häufig vor, eines von 800 Kindern kommt mit Trisomie 21 zur Welt. Durch dieses zusätzliche Chromosom beim 21. Chromosomenpaar entsteht bei den Betroffenen oft eine besondere Kopf- und Gesichtsform, sie haben aber auch oft mentale Beeinträchtigungen, die sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können: Manche Menschen wie etwa die Schauspielerin Luisa Wöllisch verfolgen eine erfolgreiche Karriere, andere sind auf mehr Unterstützung im Alltag angewiesen. Für alle gemeinsam aber gilt: Noch gibt es viele Vorurteile gegen sie.

Bild: ©katholisch.de/jbr

Dekoriert ist Stehlers Zimmer mit HSV-Fanartikeln und Collagen aus Familienfotos.

Stehler steht inzwischen in der Küche seiner WG. "Kochst du schon mal Kaffee?", ruft ihm seine Alltagshelferin zu. Nina Winterscheid muss kurz in ein anderes Haus, wo 30 weitere Menschen mit Behinderung und höherem Pflegegrad leben. Stehler stellt eine Kanne an den Automaten und drückt einen Knopf. Der Kaffee läuft in das Gefäß. Stehler legt die leere Brotdose aus seiner Tasche, die er bei der Arbeit dabei hatte. Im Hintergrund läuft leise das Radio. Die Wohnküche ist groß und modern. Zwei weiße Tische mit Namen an den Sitzplätzen stehen im Raum. Ein Kreuz aus Holz hängt an der Wand. Er will seine Arbeitssachen ablegen und geht die Altbau-Treppe hoch in den ersten Stock. Über seinem Zimmer ist ein Schild mit seinem Namen angebracht. Dekoriert ist Stehlers Zimmer mit HSV-Fanartikeln und Collagen aus Familienfotos. "Hamburger Jungs" steht auf seiner blauen Bauchtasche, die er von der Hüfte löst. Er trägt Hörgeräte und eine blaue Brille. Seinen Rucksack legt er neben den Schreibtisch am Fenster. Wieder kehrt er in die Küche zurück, mittlerweile ist der Kaffee fertig.

Langsam kommen auch Stehlers Mitbewohner von der Arbeit – aus Werkstätten und anderen Betrieben, wie einer Gärtnerei. Eine Bewohnerin arbeitet an der Heißmangel. Sie strahlt, wenn sie von der Arbeit spricht. Sie mag ihre Aufgabe so sehr, dass sie sogar am Wochenende im Nebenhaus der Caritas-Einrichtung weiterbügelt. Eine andere Bewohnerin ist am Wochenende aktiv in der Kirchen-Katechese. "Schon lang" mache sie dies, außerdem fahre sie gerne mit auf Wallfahrten. Denn auch der Glaube ist Teil des WG-Lebens: Spirituelle Angebote sind laut Alltagsbegleiterin Nina Winterscheid "extrem gut besucht". Neben Möglichkeiten zu Gottesdienstbesuchen oder dem einfachen Gebet vor dem Essen werden auch Fahrten und Informationsvorträge angeboten. Dabei geht es unter anderem um christliche Feiertage oder Traditionen. Zuletzt haben sie in der Wohngruppe über die Fastenzeit gesprochen.

Immer wieder Probleme

Es wird voll in der Küche. Fast alle packen ihre leeren Brotdosen aus und spülen diese nach dem Arbeitstag ab. "Wie war's?", ist der meistgesprochene Satz. Man erzählt sich von "der Schaffe". Alles wirkt in diesem Moment harmonisch, doch gibt es auch Schwierigkeiten in der Wohngruppe. Zum Beispiel, wenn die anderen Bewohner Stehler nicht verstehen, weil sie keine Gebärdensprache sprechen und die Alltagsbegleiter im Nebenhaus sind. Probleme kommen immer wieder vor, wenn die Digitalkamera, die individuelle Gebärdensprache oder die Worte von Stehler nicht ausreichen, um auszudrücken, was er möchte. Das fängt schon bei der Diskussion darüber an, was sich die Gruppe abends im Fernsehen anschauen will. Zwar könnte Stehler auch einfach allein in seinem Zimmer gucken, er verbringt die Filmabende aber lieber mit der Gemeinschaft.

Was in seinem Leben von Bedeutung ist, zeigt sich durch Stehlers liebstes Kommunikationsmittel, die Kamera: Mehrmals dokumentiert Stehler, wie die Heilige Messe gefeiert wird. Im Hintergrund sieht man eine verdeckte Jesus-Figur. Auf einem anderen Bild wird feierlich der Leib Christi während der Wandlung von einem Priester in die Höhe gehalten. Ein anderes Bild zeigt, wie auf einem Teppichboden Tücher, Kerzen, Figuren und beschriftete Blätter liegen. Erst vor einer Woche hat er dieses Bild bei den "Tagen zum Aufatmen" aufgenommen. Dort trafen sich Menschen mit und ohne Behinderung im Tandem und schauten gemeinsam auf ihren Glauben.

Bild: ©katholisch.de/jbr

Was in seinem Leben von Bedeutung ist, zeigt sich durch Stehlers liebstes Kommunikationsmittel, die Kamera.

Stolz zeigt Stehler weitere Fotos. Man sieht seinen Vater auf einem eingerissenen Dach bei Renovierungsarbeiten. Dachziegel, Gemäuerreste, ein Bagger im Hof. "Lars packt immer direkt an", sagt Winterscheid. Tatsächlich gibt es auch Fotos von Stehler, wie er in Arbeitshose den alten Boden seines Elternhauses heraushebt. Auch in der Wohngruppe hilft Stehler im Sommer, wenn es um Gartenarbeit geht. Daneben gibt es viele Fotos von seiner festen Freundin Larissa. "Eine richtige Beziehung", führen die beiden laut der Alltagsbegleiterin. Eine Verwandte von ihm hat letztes Jahr ein Kind zur Welt gebracht. Liebevoll hält Lars-Oliver Stehler das Baby im Arm. Sein Zwillingsbruder Alexander Stehler hält das Baby ebenso. "Die lieben sich", sagt Nina Winterscheid über die Zwillinge. Einer ist mit Behinderung zur Welt gekommen, der andere ohne. Ein anderes Bild zeigt einen großen Weihnachtsbaum mit Lametta bei gedimmtem Licht. Weitere Familienmitglieder sitzen lächelnd um den Baum herum im Wohnzimmer. Stehlers Lieblingsfeiertag ist Weihnachten. Die Adventszeit sei ein Anlass für eine große Plätzchen-Back-Aktion mit der ganzen Familie. Die Bilder zeigen große Teller mit mehreren Bergen aus Keksen. Davon profitiert auch die Wohngruppe. Er sieht seine Familie oft, denn sie wohnt nicht weit weg.

Aus dem Fenster sieht man, wie ein junger Mann mit Kappe und Jogginghose auf den Eingang der Caritas-Wohngruppe zugeht. Er stellt sich in die Küchentür. Lars-Oliver Stehler wird von seinem Zwilling für einen Ohrenarztbesuch abgeholt. "Oh ne!" Lächelnd drückt sich Lars-Oliver Stehler zur Seite, als er seinen Bruder sieht. Die Familie gibt ihm neben der Wohngruppe Halt und die nötige Hilfestellung, um ein selbstbestimmtes wie erfülltes Leben zu führen. Dazu gehören Arbeitsalltag, Familienleben und Zeit für Spiritualität. Gemeinsam gehen die beiden Brüder zu einem kleinen, weißen Auto und Alexander Stehler fährt seinen Zwilling zum nächsten Termin. Ganz normaler Familienalltag.

Von Jennifer Brodt