Kirchenstatistik zeigt Traditionsabbruch

Auf dem Weg zum Land der Konfessionslosen

Veröffentlicht am 17.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 
Analyse

Bonn ‐ Die Kirchenstatistik kennt kaum Überraschungen: jedes Jahr erschreckend hohe Austrittszahlen, aber immer findet sich der eine oder andere Hoffnungsschimmer. Doch nicht jede positive Zahl ist auch eine positive Entwicklung.

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Nicht jeder Hoffnungsschimmer hält dem zweiten Blick statt. Als das Team um den Kölner Kommunikationswissenschaftler Holger Sievert vor drei Jahren für die Studie "Digitalisierung im Raum der Kirchen" Tausende von Christinnen und Christen dazu befragt hat, wie sie das Internet und digitale Möglichkeiten nutzen, kamen sie zu einem unintuitiven Ergebnis: Christen sind internetaffiner als der gesellschaftliche Durchschnitt. Das bedeutet aber nicht, dass das Christentum besondere technische oder mediale Nutzungskompetenz vermittelt.

Wie so oft in der sozialwissenschaftlichen Statistik erklären sich Zusammenhänge über eine verborgene dritte Variable: Menschen mit höherem Bildungsgrad sind unter Kirchenmitgliedern im Vergleich zur Gesamtgesellschaft überrepräsentiert, weil sie verhältnismäßig seltener aus der Kirche austreten – und der Bildungsgrad korreliert mit der Mediennutzung. Selbst in Statistiken, die vordergründig nichts mit Kirchenaustritten zu tun haben, schlägt sich die Dimension der Kirchenaustritte so nieder: So viele Menschen treten aus der Kirche aus, dass sie selbst eine im Schnitt ältere demographische Kohorte wie die der Kirchenmitglieder entgegen dem gesamtgesellschaftlichen Trend messbar verändert.

Alle Zahlen zur Kirchenstatistik 2025

Die Deutsche Bischofskonferenz hat alle Zahlen zur Kirchenstatistik inklusive einer Auswertung nach Bistümern online zur Verfügung gestellt.

In der Kirchenstatistik für das Jahr 2025 muss man nach Hoffnungsschimmern von vornherein gut suchen. Und wenn man sie findet, dann muss man sie immer kritisch im Lichte der Erkenntnis der verborgenen dritten Variablen in der Digitalisierungsstudie lesen: Wer bleibt eigentlich noch in der Kirche? So steigt zwar die Zahl der Katholiken, die Gottesdienste besuchen, seit dem Corona-Tiefpunkt 2021, als nur 4,3 Prozent der Katholiken in der Messe gezählt wurden, kontinuierlich an. Die stetig sinkende Zahl an Kirchenmitgliedern führt aber dazu, dass man immer weniger Menschen in der Kirche braucht, um höhere prozentuale Werte zu bekommen. In absoluten Zahlen steigt der Messbesuch zwar auch weiterhin. 1,3 Millionen Messbesucher unter den Katholiken wie 2025 gab es aber auch schon 2020, im ersten Corona-Jahr – damals führte etwa dieselbe absolute Zahl zu 5,9 Prozent Messbesuchern, fast ein Prozentpunkt weniger.

Verharren auf dem Hochplateau

Die Kirchenaustritte sind zwar das dritte Jahr in Folge gesunken. Sie verharren aber auf einem Hochplateau. Etwa alle drei Jahre bricht eine Million Katholiken allein durch Austritt weg. 19 Millionen sind noch übriggeblieben. Dass der zuletzt stetige Rückgang der Austritte ein Ergebnis von Bemühungen ist – seien es Reformen, sei es Neuevangelisierung, ist viel weniger wahrscheinlich als die Erklärung, dass die Ränder so weit abgeschmolzen sind, dass der Anteil der Menschen mit geringerer Kirchenbindung sinkt und man sich zunehmend dem harten Kern der Bleibewilligen nähert.

Selbst die Zahl der Bestattungen geht erneut deutlich zurück, obwohl in der alternden Kohorte der Babyboomer die Kirchenbindung doch eigentlich noch deutlich höher ist – sie waren lange Zeit eine sichere Bank für die Kirchensteuereinnahmen, die über viele Jahre entgegen den Kirchemitgliedszahlen und fast jeder konjunkturellen Entwicklung gestiegen sind. Katholiken sterben natürlich nicht weniger als andere, und sie werden auch nicht wesentlich älter – es sterben nur immer weniger als Katholiken oder wollen als Katholiken bestattet werden.

Ein Mädchen sitzt bei ihrer Erstkommunion im weißen Kleid in einer Kirchenbank.
Bild: ©stock.adobe.com/Hendrik (Symbolbild)

Warum bleiben die Zahlen der Erstkommunion so konstant? Eines der Rätsel der aktuellen Kirchenstatistik

Wo es kleine Hoffnungsschimmer gibt, ist der Grund nicht unmittelbar ersichtlich: Die absoluten Zahlen der Erstkommunionen und Firmungen sind erstaunlich konstant geblieben, sogar ganz leicht gestiegen. Dafür gibt es keine sich allein aus den Zahlen ergebende Erklärung. Werden hier womöglich immer noch Rückstände aus der Corona-Zeit aufgeholt? Oder gibt es tatsächlich innovative Konzepte, die die Konstanz gegen den Trend befördert hat? Allzu optimistisch sollte man nicht sein: Denn vor der Erstkommunion und vor der Firmung kommt zwingend die Taufe – und die Zahl der Taufen ist 2025 wieder deutlich zurückgegangen. Etwa 6.000 Kinder weniger wurden im vergangenen Jahr getauft als 2024 – weniger Kinder als 2025 wurden nur 2020 getauft.

Traditionsabbruch durch Austritte und fehlende Taufen

Diese ungetauften Kinder schreiben wie die Austritte die Trends über die nächsten Jahre und Jahrzehnte fort. Wer entweder nie getauft war oder nach der Taufe ausgetreten ist, findet in aller Regel den Weg nicht zurück in die Kirche. Dass mit gut 7.700 Menschen die Zahl der Eintritte und Wiederaufnahmen im vierten Jahr in Folge gestiegen ist, ist in jedem Einzelfall erfreulich. Im Gesamt spielen diese Zahlen nur eine verschwindend geringe Rolle – und für die Präsenz der Kirche in der Gesamtgesellschaft spielen sie eine noch kleinere Rolle: 87 Prozent der 2.300 neu Eingetretenen war vorher evangelisch. Bei der EKD sieht es im selben Jahr mit 16.000 Aufnahmen etwas besser aus; noch sind die genauen Zahlen dort aber nicht verfügbar, so dass sich nicht abschätzen lässt, wie viele davon aus der katholischen Kirche in die evangelische gewandert sind.

Ein Blick in die regionale Verteilung der Kirchenaustritte zeigt wie jedes Jahr, dass kein Bistum das Patentrezept zur Stärkung der Kirchenbindung und für Neuevangelisierung gefunden hat. Was hilft, ist vor allem eine ländliche und volkskirchliche Prägung und teilweise extreme Diaspora-Situationen: Regensburg, Görlitz, Eichstätt, Aachen und Erfurt sind die Bistümer mit den prozentual geringsten Austritten.

Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer im März 2025 in Kall
Bild: ©Deutsche Bischofskonferenz/Marko Orlovic (Archivbild)

"Die Zahlen des Jahres 2025, die wir heute als Kirche in Deutschland veröffentlichen, sind ein Spiegelbild unserer Kirche", ließ sich der neugewählte DBK-Vorsitzende Heiner Wilmer zitieren.

Die Positionierung des Bischofs in Reformdiskursen ist weniger relevant. Selbst in Passau, wo eine noch starke volkskirchliche Prägung in den vergangenen Jahren die Austritte abgefedert hat, ist in diesem Jahr die Zahl der Kirchenaustritte um 9 Prozent gestiegen – das ist der höchste prozentuale Anstieg unter den deutschen Bistümern. Von 2024 und 2025 sind damit zwar mit 1,4 Prozent der Kirchenmitglieder immer noch unterdurchschnittlich viele ausgetreten (2025 sind 1,55 Prozent der katholischen Kirchenmitglieder ausgetreten) – aber die prozentualen Austrittsquoten nähern sich weiter an. Kein Bistum kann damit rechnen, pro Jahr weniger als ein Prozent seiner Gläubigen durch Austritte zu verlieren. Das gilt auch für die durch Diasporaerfahrungen und Bedrängungsgeschichte geprägten Ortskirchen in Ostdeutschland – Dresden-Meißen und Magdeburg haben sogar überdurchschnittliche Austrittszahlen, Hamburg (das Mecklenburg umfasst) und Berlin sind wohl durch den Großstadt-Effekt an der Spitze. Nach Passau stieg die Zahl der Kirchenaustritte in Görlitz und Magdeburg im Vergleich zum Vorjahr am stärksten.

Nur noch auf der Suche nach Akzeptanz

Die Reaktionen auf diese Zahlen sind so nüchtern wie realistisch: "Trotz aller Umbrüche ermutige ich dazu, dass wir den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern nach vorne schauen und gemeinsam – auch in ökumenischer Verbundenheit – nach Wegen suchen, wie Christsein heute in der Gesellschaft zu größerer Akzeptanz führen kann", kommentierte der neugewählte Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, erstmals die Kirchenstatistik – sein Vorgänger hatte in den Pressemeldungen die Kirchenstatistik zuletzt unkommentiert gelassen. 8.800 Austritte hatte Wilmers Bistum Hildesheim 2025 zu verzeichnen. Erstmals fällt es damit unter die halbe Million Katholiken.

Akzeptanz in der Gesellschaft finden ist ein betont bescheidenes Ziel. Aber eben auch eine realistische Einschätzung, weil es sich tatsächlich um Akzeptanzverlust und nicht um eine Umorientierung handelt. Denn klar ist: In aller Regel führen Kirchenaustritte nicht zu einer neuen kirchlichen Heimat, sondern in die Konfessionslosigkeit. Der Anteil der kirchlich Gebundenen in beiden Volkskirchen sinkt und sinkt weiter. Die 19,2 Millionen Katholiken und 17,4 Millionen landeskirchlichen Protestanten stellen etwa 44 Prozent der Bevölkerung. Selbst mit anderen Religionen und Konfessionen, allen voran dem Islam, könnte der Sprung über die Hälfte der deutschen Bevölkerung 2025 knapp werden. Deutschland ist zunehmend ein Land der Konfessionslosen, und es wird sich absehbar nicht ändern.

Viel realistischer als humanistische Blütenträume, die ein Zeitalter der "Vernunft" angesichts des Ausblutens der Kirchen imaginieren, ist durch diesen Traditionsabbruch ein paralleler noch weiterer Abbruch sozialer Bindungskräfte, gerade dann, wenn es sie angesichts multipler Krisen besonders bräuchte. Was bleibt noch im ländlichen Raum, wenn kirchliche Vereine und Verbände überaltern und wegbrechen, wenn mit Kirchen und ihren Gebäuden die letzten gemeinschaftlichen Orte und Räume schließen, die noch verblieben sind? Wo rekrutieren Parteien und andere säkulare Organisationen Engagierte, wenn das kirchliche Vorfeld versiegt? Das ist längst keine Zukunftsprognose mehr, sondern seit Jahren und teils Jahrzehnten Realität. Für die Zukunft der Gesellschaft ist das kein gutes Zeichen.

Von Felix Neumann