Herrgottskinder – Die Elternkolumne

Gästehaus oder Apostolischer Palast? Hauptsache ein netter Papst!

Veröffentlicht am 23.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 

Berlin ‐ Steffen Zimmermann wird von seinen Töchtern in eine heikle Frage verwickelt: Wohnt Leo XIV. nach seinem Umzug in den Apostolischen Palast zu luxuriös? Eine Debatte über Bescheidenheit, Macht – und kindliche Klarheit.

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"Papa, wohnt der Papst wirklich in einem Palast?" Die Frage kommt an einem ganz normalen Abend am Esstisch. Aha, denke ich. Meine große Tochter hat wohl mal wieder – verbotenerweise – an meinem Arbeitslaptop gesessen und dabei auf der noch geöffneten katholisch.de-Seite die Meldung vom jüngst erfolgten Umzug Papst Leos XIV. in den Apostolischen Palast gesehen.

"Ja", antworte ich wahrheitsgemäß – und weiß schon, dass das Thema damit längst nicht erledigt ist. Deshalb versuche ich direkt, eine Erklärung hinterherzuschieben: "Der Apostolische Palast ist kein klassisches Schloss. Er ist ein großer Gebäudekomplex mit Höfen, Kapellen, Büros – und eben auch der Wohnung des Papstes." Lange Zeit, so erkläre ich weiter, war es selbstverständlich, dass die Päpste dort lebten. "Erst Leos Vorgänger Franziskus hat das anders gemacht. Er ist stattdessen in das vatikanische Gästehaus Casa Santa Marta gezogen. Viele fanden das ein starkes Zeichen: ein Papst, der bescheiden in einem Gästehaus wohnt."

"Ist der neue Papst nicht bescheiden?"

"Stimmt doch auch", antwortet meiner Tochter in diesem typisch-kindlichen Tonfall maximaler Überzeugung – nur um gleich die nächste heikle Frage zu stellen: "Dann ist der neue Papst also nicht bescheiden?" "Was ist mit dem Papst?", fragt da unvermittelt meine kleinere Tochter, die unterdessen aus ihrem Kinderzimmer angelaufen gekommen ist – immer getrieben von der Sorge, irgendetwas Spannendes in unserer Familie zu verpassen.

"So einfach ist das nicht", versuche ich mich an einer diplomatischen Antwort. "Während Franziskus im Gästehaus lebte, stand die Wohnung im Apostolischen Palast weitgehend leer. Gleichzeitig wurde das Gästehaus für seine Bedürfnisse angepasst. Ob das am Ende wirklich einfacher oder günstiger war als die traditionelle Wohnung zu nutzen, darüber lässt sich trefflich streiten."

Papst Leo XIV. besucht die Kapelle im päpstlichen Appartement
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani (Archivbild)

Papst Leo XIV. in der Privatkapelle des Apostolischen Palastes.

Meine Töchter gucken mich fragend an – deshalb versuche ich es mit einem Vergleich: "Stellt euch vor, ihr seid die Chefinnen einer riesigen Familie", sage ich. "Mit über einer Milliarde Menschen." "So viele passen doch gar nicht in ein Haus", stellt meine große Tochter trocken fest. "Eben", sage ich. "Der Papst ist nicht nur eine Privatperson, sondern er ist das Oberhaupt der katholischen Kirche. Der Apostolische Palast ist deshalb weniger eine Luxusvilla, in der der Papst es sich gut gehen lässt, sondern Wohnung, Arbeitsplatz, Verwaltungssitz und Empfangsort in einem."

Ich suche auf meinem Smartphone nach Bildern der Papstwohnung und zeige sie meinen Töchtern. "Das ist ja riesengroß", ruft meine kleine Tochter, als sie ein Bild sieht, auf dem Leo in einem sehr großen Raum mit einem sehr großen Tisch steht. Da hat sie natürlich recht. Wie groß Leos Wohnung genau ist, weiß ich zwar nicht – größer als unsere Berliner Hinterhofwohnung ist sie aber wohl allemal.

Wahrheit zwischen Symbol und Wirklichkeit

Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo zwischen Symbol und Wirklichkeit. Der Papst steht für eine Kirche, die oft von Bescheidenheit spricht – aber auch für eine Institution, die seit Jahrhunderten Geschichte, Kunst und Tradition in sich trägt. Der Palast erzählt von dieser Geschichte. Und gleichzeitig erinnert Franziskus' Entscheidung für das Gästehaus daran, dass Macht auch bewusst kleiner auftreten kann.

Als sich unsere Diskussion dem Ende neigt – der Blick auf die Küchenuhr sagt meinen Töchtern, dass nun ihre abendliche Filmzeit anfängt –, sagt meine große Tochter noch einen Satz, der mir im Kopf bleibt. "Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, wo der Papst wohnt – sondern dass er nett ist." Ich nicke. Und denke: Manchmal bringen einen Kinder mit einem einzigen Satz ziemlich nah an den Kern einer großen Frage.

Von Steffen Zimmermann