Wenn alle Seelsorger sein können, wozu dann Theologie studieren?

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In immer mehr Bistümern arbeiten Sozialpädagogen, Psychologen und Quereinsteiger in der Seelsorge. Das ist zunächst eine gute Nachricht: Ihre Kompetenzen bereichern die pastorale Arbeit. Wer Menschen in Krisen begleitet, braucht mehr als exegetisches Wissen. Die Kirche tut gut daran, sich für andere Professionen zu öffnen. Doch die stille Selbstverständlichkeit, mit der das geschieht, wirft eine unbequeme Frage auf: Wenn Nicht-Theologen dieselbe Arbeit machen können – wozu dann noch fünf Jahre Theologie studieren?
In vielen Diözesen hat man aufgehört, sich diese Frage zu stellen. Der Personalmangel diktiert die Stellenbesetzung. Was als pragmatische Lösung beginnt, wird zur Aushöhlung eines Berufsbildes. Nicht-Theologen werden mit theologischen Schnellkursen oder Fernstudien nachqualifiziert und auf Seelsorgeposten gesetzt. Bei aller Wertschätzung für Angebote wie den Würzburger Fernkurs: Er kann kein Theologiestudium ersetzen und war nie als solches gedacht. Und es gibt Anzeichen, dass diese Entwicklung nicht an der Basis haltmacht. Vereinzelt ist zu beobachten, dass selbst in Pastoralabteilungen der Bistümer Leitungsverantwortung ohne solide theologische Qualifikation übernommen wird. Wer Seelsorge steuert, muss theologisch denken können – in den Kategorien von Offenbarung und Heilsgeschichte, nicht nur in denen von Projektmanagement und Gesprächsführung.
Die Kirche steht vor einer Entscheidung. Entweder sie definiert klar, welche Kompetenz Theologen mitbringen – und richtet das Studium entsprechend aus. Oder sie gibt zu, dass Theologie für die pastorale Praxis verzichtbar geworden ist. Was nicht geht: ein Studium, dessen Relevanz man behauptet, während die Personalpraxis das Gegenteil zeigt. Den Nicht-Theologen gebührt Respekt. Aber die Frage, was Theologie für die Seelsorge unverzichtbar macht, verdient eine ehrliche Antwort.
Der Autor
Max Cappabianca ist Mitglied des Dominikanerordens und unter anderem als Moderator von Kirchensendungen in Sat.1 tätig.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.