Soziologe zu Taufboom in Frankreich: "kein religiöses Revival"

Steigende Zahlen von Erwachsenentaufen in Frankreich sorgen regelmäßig für Schlagzeilen und nähren Spekulationen über ein mögliches religiöses Revival. Der Soziologe des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Edgar Wunder, hält solche Deutungen jedoch für verkürzt. Im Interview mit "KNA-Hintergrund"-Dienst erklärt er, warum absolute Taufzahlen wenig aussagen, weshalb viele dieser Taufen eigentlich nachgeholte Kindertaufen sind und was der Vergleich mit Deutschland zeigt.
Frage: Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an die aktuellen Taufzahlen in Frankreich denken?
Wunder: Erst einmal ist es erfreulich, wenn viele Menschen sich taufen lassen. Nicht außer Acht lassen darf man aber den Kontext. Die Medienmeldungen, die seit einigen Jahren regelmäßig um Ostern erscheinen, vermitteln oft unterschwellig den Eindruck eines religiösen Revivals – als würde die Säkularisierung plötzlich gestoppt oder sogar umgekehrt. Dabei wird häufig mit einzelnen Lebensgeschichten gearbeitet, die gut erzählbar sind. Das ist journalistisch nachvollziehbar, aber kein statistisch repräsentatives Bild. Entscheidend ist aus soziologischer Sicht nicht allein die absolute Zahl der Taufen, sondern die Taufquote. Wenn die Zahl der nicht Getauften wächst, können auch die absoluten Taufzahlen steigen, selbst wenn sich die Quote gar nicht verändert. Außerdem darf man die Größenordnungen nicht verwechseln: Die Verluste bei den Kindertaufen sind viel größer als das, was durch Erwachsenentaufen wieder hinzukommt. Von einer Umkehr der Säkularisierung kann also keine Rede sein. Trotzdem ist es für die Kirchen natürlich positiv, dass ein Teil der versäumten Kindertaufen später - meist im Jugendalter – nachgeholt wird.
Edgar Wunder arbeitet als Soziologe beim Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD
Frage: Was für einen Kontext meinen Sie?
Wunder: Beim Vergleich zwischen Frankreich und Deutschland zeigt sich: Bei der Frage nach dem Glauben an Gott selbst sind die Unterschiede gar nicht so groß. In beiden Ländern glauben laut Umfragen etwas mehr als 40 Prozent der Menschen an Gott – also weniger als die Hälfte der Bevölkerung. Der entscheidende Unterschied liegt bei den Kindertaufen. In Deutschland ist die Taufbereitschaft unter Kirchenmitgliedern weiterhin erfreulicherweise relativ stabil. Wenn Eltern selbst getauft sind, lassen etwa 80 bis 90 Prozent ihre Kinder taufen. In Frankreich liegt dieser Wert deutlich niedriger. Dort lassen nur noch etwa 60 Prozent der katholischen Kirchenmitglieder ihre Kinder taufen. Rund 40 Prozent verzichten darauf. Dadurch wächst die Gruppe der ungetauften Kinder aus christlichen Familien – und genau aus dieser Gruppe stammen später viele der Erwachsenentaufen.
Frage: Spielen deswegen Erwachsenentaufen in Frankreich eine größere Rolle als in Deutschland?
Wunder: Ja, die steigenden Zahlen bei den Erwachsenentaufen lassen sich deshalb plausibel als nachgeholte Kindertaufen im Jugendalter interpretieren. Quantitativ bleiben sie aber ein kleiner Teil. Wenn man die Kirchenentwicklung realistisch beurteilen will, ist entscheidend, wie viele Menschen bis etwa zum 20. oder 24. Lebensjahr getauft sind. Danach lassen sich Menschen in der Regel kaum noch taufen. Und bei dieser Gesamtquote – also Kindertaufen plus spätere Jugendtaufen – steht Deutschland deutlich besser da als Frankreich.
„Die meisten sogenannten Erwachsenentaufen sind eigentlich Jugendlichen-Taufen.“
Frage: Sind die Statistiken aus Deutschland und Frankreich dann überhaupt vergleichbar?
Wunder: Der Vergleich ist nicht ganz einfach, auch wegen statistischer Besonderheiten. Die langfristige Entwicklung der Erwachsenentaufen ist statistisch nicht so eindeutig, wie manche Medienberichte nahelegen. Der Vergleich über mehrere Jahrzehnte ist mit gewissen Unsicherheiten verbunden, weil sich die statistische Erfassung und die Kategorien im Laufe der Jahre teilweise verändert haben. Zudem werden in der evangelischen Kirche in Deutschland Taufen ab dem 14. Lebensjahr als Erwachsenentaufen gezählt, alle Taufen davor hingegen als Kindertaufen. Nun fällt aber genau in dieses Alter die Konfirmation. Viele Jugendliche werden im Zusammenhang mit der Konfirmation getauft. Je nachdem, ob das kurz vor oder kurz nach dem 14. Geburtstag geschieht, wird die Taufe unterschiedlichen Kategorien zugeordnet, obgleich sie in einer identischen religiös biografischen Lebensphase vollzogen wird. Ein Teil der Unterschiede in den Statistiken ist deshalb schlicht ein statistisches Artefakt.
Frage: Wer sind die Erwachsenen, die sich heute taufen lassen?
Wunder: Die meisten sogenannten Erwachsenentaufen sind eigentlich Jugendlichen-Taufen. Studien zeigen, dass diese Gruppe relativ heterogen ist. Ein Teil der Jugendlichen stammt aus religiösen Elternhäusern, in denen die Kindertaufe bewusst aufgeschoben wurde. Ein anderer Teil kommt aus Familien, in denen die Eltern zwar Kirchenmitglieder sind, aber religiös eher distanziert leben. Selten lassen sich dagegen Jugendliche aus vollständig konfessionslosen Familien taufen. Eine wichtige Rolle scheint außerdem die Peergroup zu spielen. Wenn Freundinnen und Freunde sich taufen lassen, etwa im Zusammenhang mit der Konfirmation, wird das auch für andere attraktiv.
Frage: Welche Bedeutung haben Migration und Konversionen für den Anstieg?
Wunder: Nach allem, was wir wissen, spielen sie eher eine geringe Rolle. Die meisten Jugendlichen, die sich taufen lassen, stammen aus einem christlichen Hintergrund – wenn auch oft aus einem eher kirchlich distanzierten Umfeld. Konversionen aus nichtchristlichen Religionen kommen vor, sind aber selten.
Traditionell finden Erwachsenentaufen in der Osternacht statt.
Frage: Welche sozialen Milieus tragen diese Entwicklung besonders?
Wunder: Die Gruppe ist sozial relativ gemischt. Eine Gemeinsamkeit scheint aber zu sein, dass viele dieser Jugendlichen eine hohe Motivation aus sich selbst heraus haben. Sie entscheiden sich bewusst für die Taufe. Gerade deshalb ist auch die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie sich später stärker engagieren – etwa ehrenamtlich in der Kirche.
Frage: Gibt es Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland bei der Taufvorbereitung und Begleitung?
Wunder: Darüber wissen wir erstaunlich wenig. Schon für Deutschland ist schwer zu sagen, wie genau diese Prozesse organisiert sind, weil sie regional sehr unterschiedlich gehandhabt werden. Für Frankreich oder Belgien gilt das erst recht. Hier gibt es tatsächlich eine Forschungslücke. Eine repräsentative Studie zu den Motiven und sozialen Hintergründen dieser Jugendlichen wäre sehr hilfreich.
Frage: Was sollten deutsche Kirchen mit den Meldungen aus Frankreich machen?
Wunder: Es ist hilfreich, sie richtig einzuordnen. Die zentrale Herausforderung bleibt weiterhin die Kindertaufe. Deutschland hat hier im europäischen Vergleich relativ stabile Werte. Wenn diese deutlich sinken würden, könnten spätere Erwachsenentaufen das kaum ausgleichen. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung aber auch etwas Neues: Es gibt heute eine größere Gruppe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die potenziell auf eine Taufe ansprechbar sind, weil sie als Kinder nicht getauft wurden. Vor einigen Jahrzehnten gab es diese Gruppe faktisch so gut wie gar nicht, weil fast alle Kinder von Kirchenmitgliedern getauft wurden. Die Kirchen stehen deshalb vor einer neuen Chance: Sie müssen stärker als früher überlegen, wie sie diese Menschen überhaupt erreichen können und über welche Wege ein Zugang entsteht. Denn wer sich im Jugendalter taufen lässt, entscheidet sich meist sehr bewusst dafür. Gerade diese Gruppe hat deshalb oft eine vergleichsweise hohe eigene Motivation – und damit auch ein größeres Potenzial, sich später dauerhaft in kirchliches Leben einzubringen.