Starke Zunahme in Frankreich

Erwachsenentaufen in Deutschland: Ein neuer Trend?

Veröffentlicht am 13.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Christoph Brüwer und Christoph Paul Hartmann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Einige europäische Länder berichteten zuletzt über ein wachsendes Interesse oder gar einen "Boom" von Erwachsenentaufen. Eine katholisch.de-Umfrage unter den deutschen Bistümern zeigt ein vielfältiges Bild.

  • Teilen:

"Wir hatten zwar die Eingangstür vorbereitet, aber viele sind durch das Fenster hereingekommen." Mit diesem Bild beschrieb der Marseiller Erzbischof Jean-Marc Aveline im vergangenen September die hohe Zahl von Erwachsenentaufen in Frankreich. Man habe diese Entwicklung nicht kommen sehen, so der Kardinal. "Wir hinken dem Heiligen Geist hinterher." Allein zu Ostern wurden 2025 in Frankreich über 10.000 Erwachsene getauft, zusätzlich über 7.400 Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren.

Zu Beginn der Fastenzeit meldete in diesem Jahr auch die belgische Bischofskonferenz einen starken Anstieg der Taufinteressierten. Im Vergleich zum vergangenen Jahr seien die Anmeldungen um 30 Prozent gestiegen, gegenüber 2016 habe sich die Zahl gar verdreifacht. Die hohen Zahlen taufwilliger Erwachsener in den Nachbarländern werden auch in Deutschland beobachtet. Gibt es hierzulande einen vergleichbaren "Erwachsenen-Tauf-Boom"?

Osternacht traditioneller Gottesdienst für Erwachsenentaufen

Die Fastenzeit ist dabei ein interessantes Datum für ein erstes Zwischenfazit. Am ersten Fastensonntag werden die Taufbewerber in einigen Bistümern in einer kirchlichen Zeremonie offiziell vorgestellt – in den Gottesdiensten zur Osternacht werden erwachsene Katechumenen traditionell vielerorts getauft.  All dies sind Anhaltspunkte, um einen möglichen "Tauf-Boom" hierzulande zu messen – auch wenn endgültige Zahlen für das Jahr 2026 freilich noch nicht vorliegen können.

Eine katholisch.de-Umfrage unter den deutschen Diözesen zeigt dabei ein vielfältiges Bild. Ein übergreifender sprunghafter Anstieg lässt sich allerdings nicht feststellen. Die Frage nach einem Trend wird größtenteils verneint. Und doch liefern die Zahlen interessante Einblicke. Spitzenreiter unter den deutschen (Erz-)Diözesen in der Kategorie Erwachsenentaufen ist demnach das Erzbistum Berlin. Hier meldeten sich über 170 Taufbewerberinnen und -bewerber sowie 50 Kandidatinnen und Kandidaten, die in die katholische Kirche aufgenommen werden wollen, aber bereits christlich getauft sind. 2024 lag die Zahl der Erwachsenentaufen im Erzbistum nach Angaben der Pressestelle noch bei 182, 2023 waren es 130 und 2022 insgesamt 113.

Logo der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) auf einem Schild neben dem Eingang zum Sekretariat
Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht (Symbolbild)

In ihrer kirchlichen Jahresstatistik für 2024 führt die Deutsche Bischofskonferenz die Zahlen für Erwachsenentaufen an. "Damit setzt sich ein kleiner positiver Trend sowohl in absoluten Zahlen wie am prozentualen Anteil der Erwachsenentaufen an der Gesamtzahl der Taufen fort."

In der Erzdiözese München und Freising wurden bislang mehr als 60 Frauen und Männer für die Sakramente der Taufe, Eucharistie und Firmung in der Osternacht zugelassen. 21 Frauen und 21 Männer bereiteten sich laut Pressestelle in den vergangenen Monaten in der Glaubensorientierung der Erzdiözese auf die Sakramente vor – eine Steigerung um 60 Prozent im Vergleich zu 2025. "Wie schön ist das, ein Zeichen der Hoffnung, aber auch ein Zeichen dafür, dass sich Menschen orientieren wollen, dass sie einen Grund in ihrem Leben finden wollen, ein Fundament, auf dem man stehen kann, eine Gemeinschaft, die verlässlich ist", erklärte der Münchner Kardinal Reinhard Marx. Auch das Erzbistum Freiburg verzeichnete nach eigenen Angaben eine "Rekordzahl" bei erwachsenen Taufbewerbern für 2026. Demnach gibt es bislang 37 taufwillige Erwachsene.

In ihrer kirchlichen Jahresstatistik für 2024 – momentan noch die aktuellste – schreibt die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) von insgesamt 2.075 Menschen ab 14 Jahren, die getauft wurden. "Damit setzt sich ein kleiner positiver Trend sowohl in absoluten Zahlen wie am prozentualen Anteil der Erwachsenentaufen an der Gesamtzahl der Taufen fort", hieß es in dem Bericht. Ein Blick auf die Übersicht der Erwachsenentaufen in Deutschland der DBK zeigt jedoch, dass dieser Trend erst mit dem Abklingen der Corona-Pandemie begonnen hat. Zwischen 1997 und 2019 bewegten sich die Zahlen durchgängig im Bereich zwischen 2.448 (2019) und 3.824 (2006) Täuflingen, wobei die Zahlen kontinuierlich eher ab- als zunehmen. Die Zahlen für 2025 wurden bislang nicht veröffentlicht.

Den "Corona-Knick" bemerken auch die Bistümer. Aus dem Erzbistum Paderborn heißt es, dass die Zahlen zwar wieder ansteigen, der Vor-Corona-Status jedoch noch nicht erreicht wird. In Augsburg ist man dagegen wieder auf dem Niveau wie vor der Corona-Zeit. Hier merkt man noch an: "Generell lässt sich festhalten, dass heute viele Taufbewerber aus einem säkularen Kontext kommen und in der Kindheit kaum Kontakt zur Religion hatten. Das ändert sich häufig durch Partnerschaft und Familienplanung, aber auch durch das Ehrenamt in Gruppierungen, die traditionell der Kirche nahestehen." 

Maria Widl
Bild: ©Universität Erfurt (Archivbild)

Dass wachsende Zahlen an Erwachsenentaufen den allgemeinen Säkularisierungstrend umkehren, glaubt die emeritierte Erfurter Pastoraltheologin Maria Widl nicht. "Aber unsere Zeit entwickelt sich so schnell, Kontinuitäten werden so schnell gebrochen – da lässt sich kaum etwas vorhersagen."

Dies ist ein weiterer Hinweis zur Erklärung der Zahlen: Wer nie mit Religion zu tun hatte, ihr aber aus privaten Gründen begegnet, schließt sich vielleicht an. Das merkt auch die emeritierte Erfurter Pastoraltheologin Maria Widl im Gespräch mit katholisch.de an. Als Beispiel nennt sie Hochzeiten von einem Kirchenmitglied und einem Nicht-Kirchenmitglied: "Da hängt es von der Intensität der Kirchenbindung des Partners ab, ob da ein größeres Interesse für Glauben entstehen kann." 

Einen Ort für hohe Zahlen gibt es allerdings: städtische Zentren. "Wir beobachten eine leichte Steigerung im Vergleich zu den früheren Jahren. Interessant ist auch, dass die TaufbewerberInnen überwiegend aus dem städtischen Raum stammen", schreibt etwa das Bistum Eichstätt. Auch das Erzbistum Hamburg spricht für die Stadt Hamburg von hohen Zahlen, auch wenn es sich dabei lediglich um acht Personen handelt: "Nach derzeitigem Stand wären das alleine an Ostern schon mehr Menschen als im vergangenen Jahr." So ist es auch in Frankreich: Taufen lassen sich die Menschen vor allem im urbanen Raum – wo die Bevölkerung vielfältig ist und Muslime sichtbar sind. "Die Muslime sind die gläubigste Gruppe in Mitteleuropa – nicht unbedingt in Sachen Glaubenspraxis, aber in der Relevanz der eigenen Religion für die individuelle Identitätskonstruktion", sagt Maria Widl dazu. "Wer also in Kontakt mit Muslimen kommt, kann sich die Frage stellen: Denen ist ihr Glaube so wichtig – was gibt es denn in meiner Religion?"

Jede Woche Gespräche mit Menschen, die sich taufen lassen wollen

Zudem gibt es eine vergleichsweise hohe Zahl an Erwachsenentaufen in ostdeutschen Diaspora-Bistümern. In Magdeburg gibt es für dieses Jahr beispielsweise 30 Anmeldungen für Erwachsenentaufen. Im Bistum Dresden-Meißen erwartet man rund 70 Erwachsenentaufen. Im nach Mitgliedern kleinsten deutschen Bistum Görlitz wurden in diesem Jahr ebenfalls 19 Taufbewerber zugelassen. Auch an anderen Orten scheint es Aufbrüche zu geben: "Im Bistum Limburg nehmen wir keinen großen Trend wahr. Es gibt jedoch nicht wenige Pfarrer, die berichten, dass sie jede Woche Gespräche mit Menschen führen, die sich taufen lassen, konvertieren oder neu in die Kirche eintreten wollen", so ein Sprecher der Diözese.

Dass wachsende Zahlen an Erwachsenentaufen den allgemeinen Säkularisierungstrend umkehren, glaubt Pastoraltheologin Widl indes nicht. "Aber unsere Zeit entwickelt sich so schnell, Kontinuitäten werden so schnell gebrochen – da lässt sich kaum etwas vorhersagen." Feststellen lasse sich nur, dass immer weniger Babys getauft würden und die Austrittszahlen weiter hoch blieben. Diese Dynamik werde aufhören, wenn nur noch die Menschen Mitglied der Kirche seien, die auch wirklich etwas damit anfangen könnten. "Was danach kommt, wissen wir nicht", so Widl. "Wer weiß: Vielleicht sorgen die zahlreichen Kriege und Krisen ja für einen neuen Schub an Gläubigkeit." Oder, wie es das Bistum Passau formulierte: "Ein Aufwärtstrend wie in anderen Ländern kann noch nicht verzeichnet werden – das kann bei uns vielleicht einfach noch ein wenig dauern."

Von Christoph Brüwer und Christoph Paul Hartmann