Gössl: Kirche muss unabhängig von Parteien zu Themen Stellung beziehen

Bei einer Tagung zur Frage "Wie politisch darf Kirche sein?" hielt der Bamberger Erzbischof Herwig Gössl am vergangenen Freitag in Berlin einen Vortrag zum Thema "Die Stimme der Kirche im säkularen Staat". Am Rande der Veranstaltung der Katholischen Erwachsenenbildung Deutschlands und der Konrad-Adenauer-Stiftung sprach Gössl im katholisch.de-Interview über politische Verantwortung, öffentliche Wirkung und die Grenzen kirchlicher Stellungnahmen.
Frage: Herr Erzbischof, Sie haben bei der Tagung einen Vortrag zum Thema "Die Stimme der Kirche im säkularen Staat" gehalten. Was ist aus Ihrer Sicht der Kernauftrag der Kirche in einer pluralen Gesellschaft wie Deutschland?
Gössl: Die Kirche ist in Deutschland eine Stimme unter vielen. Allerdings habe ich den Eindruck, dass sie weiterhin gerne gehört wird. Immer wieder wird ja auch eingefordert: "Sagt doch als Kirche etwas zu diesem oder jenem Thema." Ich hoffe, dass wir durch eine fundierte, vernünftige Argumentation in eine sehr aufgeregte Gesellschaft hinein mehr Nachdenklichkeit und Respekt einbringen können – etwa Respekt für das Leben.
Frage: Die Tagung stand insgesamt unter der Frage: "Wie politisch darf Kirche sein?" Wo sehen Sie für die Kirche die Grenze zwischen notwendiger Einmischung und unzulässiger Parteinahme?
Gössl: Eine parteipolitische Festlegung darf für die Kirche nicht infrage kommen. Sie muss unabhängig von Parteien zu Themen Stellung beziehen und ihre Position verdeutlichen. Natürlich gibt es Überschneidungen – mal mit der einen, mal mit der anderen Partei. Und es gibt auch mal Verärgerung über kirchliche Positionen. Das gehört dazu. Problematisch wird es erst, wenn die Kirche parteipolitisch eindeutig zuordbar wird.
Frage: Kritiker werfen der Kirche oftmals vor, sich zu stark in tagespolitische Debatten einzumischen. Wie begegnen Sie diesem Vorwurf?
Gössl: Dieser Vorwurf kommt meist dann, wenn man von der Kirche nicht das hört, was man gerne von ihr hören möchte. Ich würde sagen: Eine Kirche, die ihren Auftrag ernst nimmt, muss politisch wirksam sein! Sie wirkt in die Öffentlichkeit hinein – und Öffentlichkeit ist immer auch politisch. Deshalb sehe ich solche Kritik gelassen.
„Man muss seine Worte heute noch genauer wählen und manche Worte sollte man möglicherweise sogar ganz vermeiden, weil einzelne Begriffe oder Satzfragmente schnell Reaktionen hervorrufen, die mit dem Gesagten wenig zu tun haben.“
Frage: Sie selbst haben im vergangenen Jahr mit Äußerungen im Zusammenhang mit der Nominierung der Juristin Frauke Brosius-Gersdorf zur Richterin am Bundesverfassungsgericht deutlichen Widerspruch erzeugt. Was haben Sie aus dieser Debatte gelernt?
Gössl: Das Interessante ist: In der Predigt, in der ich mich damals geäußert habe, habe ich mich zu Frau Brosius-Gersdorf und der Frage ihrer Nominierung gar nicht positioniert. Aber es wurde so verstanden. Das hat bei mir einen Lerneffekt ausgelöst: Man muss seine Worte heute noch genauer wählen und manche Worte sollte man möglicherweise sogar ganz vermeiden, weil einzelne Begriffe oder Satzfragmente schnell Reaktionen hervorrufen, die mit dem Gesagten wenig zu tun haben. Mir ging es damals um den politischen Rahmen, in dem diese Personalie diskutiert wurde, und um die Frage der Verantwortung vor Gott – nicht darum, eine Person anzugreifen.
Frage: Hat Sie der Vorfall vorsichtiger werden lassen, wenn Sie sich zu politischen Fragen äußern?
Gössl: Vorsichtiger im Sinne von zurückhaltender nicht. Aber ich bin auch der Meinung, dass insbesondere die Predigt kein Ort ist, um ständig politische Positionen zu verbreiten. Entscheidend ist der Impuls dahinter: Was bewegt mich? Was gibt mir die Kraft, für das Gute einzutreten und dem Bösen zu widerstehen? Eine Konsequenz aus dem Vorfall für mich ist, wie gesagt, Begriffe noch genauer zu prüfen.
Frage: Mit Blick auf die aktuelle politische Lage: Wo braucht es aus Ihrer Sicht derzeit besonders eine klare Stimme der Kirche?
Gössl: Ein zentrales Feld ist die Frage von Krieg und Frieden. Viele – gerade junge Menschen – erleben, dass Krieg plötzlich wieder näher rückt. Damit stellen sich grundlegende ethische Fragen: Wie kann Frieden gesichert werden? Geht das ohne Waffen? Wahrscheinlich nicht. Zudem halte ich mit Blick auf die aktuelle politische Lage den Gedanken der Solidarität für entscheidend. Unsere Gesellschaft ist stark individualisiert, und damit gerät das Eintreten füreinander in Gefahr. Wenn Solidarität schwindet, gerät auch der Sozialstaat unter Druck – mit Folgen, die letztlich auch die Demokratie erschüttern können. Hier muss Kirche klar und deutliche ihre Stimme erheben.
Schwächt die anhaltend hohe Zahl an Kirchenaustritten die Stimme der Kirche im politischen Raum?
Frage: Viele aktuelle Themen – neben der Frage von Krieg und Frieden etwa Migration, soziale Gerechtigkeit und der Umgang mit populistischen Kräften – polarisieren die Gesellschaft stark. Wie kann die Kirche hier Orientierung geben, ohne selbst Teil dieser Polarisierung zu werden?
Gössl: Ich glaube, indem sie Grundlagenarbeit leistet. Das ist nicht immer leicht zu vermitteln, weil die Zusammenhänge komplex sind. Entscheidend ist, Menschen zu befähigen, einfache Muster und Vorurteile zu durchschauen – etwa pauschale Aussagen über Migranten. Gleichzeitig hat die Kirche den Auftrag, Themen wachzuhalten, die in der aktuell so aufgeheizten politischen Lage leicht in den Hintergrund geraten, etwa die Bewahrung der Schöpfung oder den Schutz ungeborenen Lebens.
Frage: Vor wenigen Tagen wurde die Kirchenstatistik für 2025 veröffentlicht, aus der unter anderem hervorgeht, dass die Zahl der Kirchenaustritte weiter auf hohem Niveau verharrt. Schwächen diese Austritte die Stimme der Kirche im politischen Raum, weil sie zahlenmäßig irrelevanter wird?
Gössl: Wenn man rein auf die Zahlen schaut, dann ja. Aber das muss nicht entscheidend sein. In vielen Teilen der Welt ist die Kirche eine kleine Minderheit und hat dennoch großen Einfluss auf die Gesellschaft. Wir sollten uns von der Vorstellung lösen, dass nur große Zahlen Wirksamkeit garantieren. Im Gegenteil: Große Strukturen können auch träge machen. Deshalb bin ich mit Blick auf den gesellschaftlichen Einfluss der Kirche in Deutschland nicht hoffnungslos.
Frage: Je mehr Menschen aus der Kirche austreten oder sogar nie mit ihr in Berührung kommen, desto mehr stellt sich die Frage, wie Kirche diese Menschen trotzdem erreichen kann. Denn klar dürfte ja sein, dass auch diese Menschen nach ethischer Orientierung suchen.
Gössl: Über konkrete Felder des Engagements. Viele Menschen können sich vielleicht nicht mit allem identifizieren, was Kirche ausmacht, aber mit einzelnen Bereichen schon – etwa im Umweltschutz, in der sozialen Arbeit oder in der Unterstützung von Geflüchteten. Dort kommen sie mit Kirche in Berührung und können sich ihr auch nahe fühlen. Die strikte Unterscheidung in "drinnen" und "draußen" ist stark von unserem deutschen System der Kirchensteuer und offiziellen Kirchenaustritte geprägt. Wichtiger ist doch: Wenn sich jemand im Handeln der Kirche verbunden fühlt, dann fühlen wir uns auch ihm verbunden. Auf diese Weise kann Kirche missionarisch wirken, ohne das ständig betonen zu müssen.