Betroffenensprecher: Zahlreiche neue Meldungen seit Studie

Seit der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie für das Erzbistum Paderborn Mitte März haben sich laut der Betroffenenvertretung 22 Betroffene und Angehörige neu gemeldet. Mit einer solch hohen Zahl habe man nicht gerechnet, sagte der Sprecher der Unabhängigen Betroffenenvertretung im Erzbistum, Reinhold Harnisch, dem "Westfalen-Blatt" (Dienstag). "Wenn es zehn wären, wäre das für mich schon ein Riesenerfolg." Einige hätten nur reden wollen und sich einfach gefreut, dass ihnen nun geglaubt werde.
Die am 12. März veröffentlichte Untersuchung der Universität Paderborn beleuchtete den Zeitraum von 1941 bis 2002 und damit die Amtszeit der beiden Paderborner Erzbischöfe Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt. Den Wissenschaftlerinnen zufolge haben die beiden Kardinäle beschuldigte Geistliche geschützt und selbst kaum Fürsorge für Betroffene erkennen lassen. In der Studie ist von 210 Beschuldigten und 489 Betroffenen die Rede.
Charakter habe Betroffene animiert
Harnisch bewertete die Studie im Gespräch mit dem "Westfalen-Blatt" als einen Durchbruch. Sie werde "tiefgreifende Veränderungen in der Prävention und der Priesterausbildung und im Umgang der Kirche mit den Menschen generell auslösen". Der Anspruch der Unfehlbarkeit, wie er von Kirchenvertretern lange erhoben worden sei, habe sich in Luft aufgelöst. Der eher kirchenhistorische Charakter der Studie und die Art des Vortrags habe Betroffene dazu animiert, sich zu offenbaren.
Die Stellungnahme des emeritierten Paderborner Erzbischofs Hans-Josef Becker sieht Betroffenensprecher Harnisch kritisch.
Der Betroffenensprecher kritisierte auch die Stellungnahme des emeritierten Paderborner Erzbischofs Hans-Josef Becker. Becker hatte sich nach der Veröffentlichung der Studie selbstkritisch zu seiner Rolle im Umgang mit missbrauchsbeschuldigten Priestern im Erzbistum Paderborn geäußert. "Mit dem Abstand zu meiner Amtszeit sehe ich manches anders, manches klarer als früher. Die MHG-Studie, die weiteren Untersuchungen der vergangenen Jahre und vor allem die heute deutlich hörbaren Stimmen von Betroffenen haben bei mir eine sehr ernste persönliche Reflexion ausgelöst." Becker war von 1995 bis zu seiner Berufung als Weihbischof 1999 Personaldezernent. Im Hinblick auf seine eigene Amtszeit als Erzbischof zwischen 2002 und 2022 erklärte Becker, er wolle der Untersuchung weder vorgreifen noch sie ersetzen. "Aber ich will schon heute sagen: Wo mein Handeln auch in späterer Verantwortung dazu beigetragen hat, dass Betroffene nicht ausreichend gesehen, geschützt oder ernst genommen wurden, bitte ich dafür um Entschuldigung."
"Was nützt eine pauschale Entschuldigung?"
"Es reicht mir nicht, dass Becker vieles jetzt anders sieht", kritisierte Harnisch: "Was nützt eine pauschale Entschuldigung? Als ehemaliger Personalchef Degenhardts ist er es, der vollumfänglich aufklären könnte. Es ist seine Pflicht, sein Wissen preiszugeben", so der Sprecher der Betroffenenvertretung. "Er hat die Missbrauchsstudie nicht behindert, aber auch nicht gefördert. Auch mit Blick auf seinen Ruhestand wollte Becker möglichst schnell aus dem Thema raus." Das Erzbistum wollte sich auf eine Anfrage von katholisch.de am Mittwoch nicht zu dem Bericht und der Kritik äußern.
Beckers Nachfolger, Erzbischof Udo Markus Bentz, bescheinigte Harnisch den Willen, den Missbrauch umfassend aufzuklären. Er sei daher froh, dass Bentz nicht zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt worden sei. "Ich war in Sorge, denn dann hätte er für Paderborn keine Zeit mehr gehabt." (cbr)