Tödliche Injektion für querschnittsgelähmte Frau

25-jährige Spanierin stirbt mit staatlicher Hilfe – Kritik der Kirche

Veröffentlicht am 27.03.2026 um 12:22 Uhr – Von Manuel Meyer (KNA) – Lesedauer: 

Barcelona ‐ Durch einen außergewöhnlichen Fall von Sterbehilfe ist in Spanien die Debatte über das heikle Thema neu entbrannt. Die Opposition attackiert die sozialistische Regierung – auch die Kirche meldet sich zu Wort.

  • Teilen:

"Ich habe es endlich geschafft" – mit diesen Worten erschütterte die 25-jährige Spanierin Noelia Castillo eine ganze Nation. In dem am Mittwoch ausgestrahlten TV-Interview des Senders Antena 3 kündigte sie ihren Tod durch Sterbehilfe an. Bis zuletzt war sie nicht von ihrem Entschluss abzubringen. Wie die Anwälte ihres Vaters nun bestätigten, starb sie am Donnerstagabend durch eine tödliche Injektion im Pflegeheim Sant Pere de Ribes in Barcelona.

Man kann nur erahnen, was die junge Frau in den vergangenen Jahren erlitten haben muss. Längst nicht alle Details sind bekannt. Sicher ist: Schon lange wünschte sich Castillo den Tod, ein Ende ihres Leids. Sie wuchs in einer zerrütteten Familie auf. Nach Scheidung der Eltern verbrachte sie einen Großteil ihres Lebens unter staatlicher Obhut in Jugendhilfeeinrichtungen. Drogen und Missbrauch kamen hinzu. Die Liste der Probleme wuchs und wuchs. 2022 wurde sie Opfer einer Gruppenvergewaltigung durch minderjährige Täter. Es folgte ein gescheiterter Suizidversuch durch einen Sprung aus dem fünften Stock; seitdem saß sie querschnittsgelähmt im Rollstuhl und litt unter heftigen Schmerzen. 2024 beantragte sie erstmals Sterbehilfe bei den zuständigen Behörden – und die stimmten zu.

Erster Termin im August 2024

Eigentlich hätte Castillo schon am 2. August 2024 sterben sollen. Doch kurz zuvor erwirkte die Organisation Abogados Cristianos (Christliche Anwälte) im Auftrag des Vaters einen Aufschub. Seine Tochter sei nicht im vollen Besitz ihrer geistigen Kräfte, so der Einwand. Sie wiederum warf ihm vor, sich nie wirklich für sie interessiert zu haben.

Es folgte ein langwieriger Rechtsstreit, der schließlich vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte landete. Auch dieser wies kürzlich die Beschwerde des Vaters zurück. Der unternahm am Mittwoch einen letzten verzweifelten Versuch, um die Sterbehilfe-Prozedur doch noch zu stoppen. Vergeblich. Die Patientin bekam ihren Willen. Etliche Experten erklärten, dass sie die notwendigen Vorgaben erfüllt habe.

Seit 2021 sind in Spanien sowohl Tötung auf Verlangen als auch Beihilfe zum Suizid erlaubt. Die Kosten trägt die staatliche Krankenkasse. Damit Ärzte entsprechend handeln können, müssen mehrere Bedingungen erfüllt sein: Patienten müssen volljährig und im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten sein. Sie müssen an unheilbaren Krankheiten oder schweren chronischen Behinderungen leiden, die mit anderen Mitteln nicht gemildert werden können und mit "nicht hinnehmbaren Schmerzen" verbunden sind.

Sterbehilfe-Debatte geht weiter

Der Fall Noelia hat die Debatte um die von der sozialistischen Regierung eingeführte Regelung neu angeheizt. Die katholische Kirche sprach am Donnerstag von institutionellem Versagen. Die Spanische Bischofskonferenz erklärte wenige Stunden vor der Todesnachricht: "In diesem Fall stehen wir nicht vor einer unheilbaren Krankheit, sondern vor tiefen Wunden, die Aufmerksamkeit, Behandlung und Hoffnung erfordern." Eine Todesspritze sei keine medizinische Behandlung, sondern ein "bewusster Bruch des Fürsorgebands und eine gesellschaftliche Niederlage".

Erzbischof Luis Argüello
Bild: ©Conferencia Episcopal Española (Archivbild)

Die Kirche sprach von institutionellem Versagen. Die Spanische Bischofskonferenz erklärte wenige Stunden vor der Todesnachricht: "In diesem Fall stehen wir nicht vor einer unheilbaren Krankheit, sondern vor tiefen Wunden, die Aufmerksamkeit, Behandlung und Hoffnung erfordern."

Eine wahrhaft menschliche Reaktion auf großes Leid könne nicht darin bestehen, den Tod herbeizuführen, betonten die Bischöfe. Vielmehr müsse es darum gehen, Nähe, Begleitung, angemessene Pflege und umfassende Unterstützung anzubieten. Die Kirche wolle sich in diesem Zusammenhang für eine Kultur der Fürsorge einsetzen, die niemanden im Stich lasse. Die Politik sei aufgerufen, die dafür nötigen Ressourcen bereitzustellen.

Einen deutlich drastischeren Ton schlug die rechtspopulistische Vox-Partei an, die den Fall für einen Frontalangriff auf die Regierung nutzte. Das Spanien von Ministerpräsident Pedro Sánchez sei "ein Horrorfilm", schimpfte Vox-Parteichef Santiago Abascal. Zuerst habe der Staat den Eltern ihre Tochter weggenommen – und dann biete er Suizid als Lösung an. Nicht nur diese Einlassung zeigt: Das Thema Sterbehilfe spaltet weiter die spanische Gesellschaft.

Von Manuel Meyer (KNA)