Ein evangelischer Feiertag?

Warum Protestanten den Karfreitag anders feiern als Katholiken

Veröffentlicht am 03.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Matthias Altmann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Der Karfreitag für die Protestanten, Ostern für die Katholiken – lange Zeit wurde das so wahrgenommen. Ist für evangelische Christen tatsächlich Karfreitag der wichtigste Feiertag? Ein Blick in Theologie und Geschichte.

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Der Karfreitag ist einer der stillsten und bedächtigsten Tage für Christen. Doch er hat einen schweren Stand. Der Tag, an dem Gläubige des Leidens und Sterbens Jesu Christi gedenken, ist für sie ein Tag des Innehaltens. Dass das Verständnis dafür in einer zunehmend säkularen und gleichzeitig religiös pluralen Gesellschaft zunehmend schwindet, ist keine große Überraschung. Jedes Jahr pünktlich zur Karwoche keimt in Deutschland die Debatte um den "stillen Feiertag" und seine Regelungen von neuem auf – Stichwort Tanzverbot.

Streit in der Gesellschaft über den Karfreitag gab es schon früher. Dieser war jedoch ganz anders gelagert: Er entzündete sich zwischen Protestenten und Katholiken – und zwar über das richtige Verständnis. Gerade am Karfreitag zeigten sich lange Zeit die konfessionellen Unterschiede besonders deutlich. Der Karfreitag für die Protestanten, Ostern für die Katholiken – lange Zeit wurden die Feiertage so wahrgenommen. So entstand auch das Wort vom "evangelischen Karfreitag", der für Protestanten eigentlich der wichtigste Feiertag sei – wichtiger als Ostern.

Kreuz als Ort der Gotteserfahrung

In dieser Pauschalität sei diese Aussage nicht richtig, sagt der Eichstätter Dogmatikprofessor Benjamin Dahlke – eine andere Gewichtung des Karfreitags im klassischen Protestantismus gebe es aber schon. Grundlage dafür ist die besondere Betonung der "theologia crucis" durch Martin Luther, die er in Anlehnung an den Apostel Paulus geprägt hat. Luther zufolge zeigt sich Gott gerade dort, wo menschlich gesehen Schwäche, Leid und Ohnmacht dominieren. In dieser Perspektive ist das Kreuz nicht nur ein Zeichen des Todes, sondern zugleich ein Ort der Gotteserfahrung. Luther formulierte es zugespitzt: "Man kann Gott nur finden in Leiden und Kreuz." Eine "theologia gloriae", die Gott primär in seiner Macht, Herrlichkeit und durch menschliche Vernunft oder Werke erkennen will, lehnt er ab.

Luther wandte sich damit auch gegen eine einseitige Betonung und Glorifizierung der Auferstehung. Für den Reformator war im Kreuzestod, bei dem Jesus die Sünden auf sich nahm, alles getan, damit Menschen das göttliche Heil erlangen können. So sprach Luther dann auch vom Tag der Kreuzigung Jesu als "Guten Freitag" – wie es heute im englischsprachigen Raum (Good Friday) noch immer üblich ist.

Ein Kreuz steht auf dem schwarzen Altar bei einer Karfreitagsliturgie
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Symbolbild)

"Man kann Gott nur finden in Leiden und Kreuz", sagte Martin Luther.

Dahlke, der zuletzt mit seiner Assistentin Josefa Woditsch ein Buch über den Karfreitag herausgegeben hat, nennt einen weiteren Aspekt: Die Erbsündenlehre, die in der lutherischen Tradition eine stärkere Rolle spielte als im Katholizismus. Indem Gott und Mensch infolge des Sündenfalls entgegengesetzt sind, bedarf es der Versöhnung. Das geschieht durch das Leiden und Sterben Jesu, weil der Ungehorsam Adams, aus dem die Erbsünde resultierte, durch den Gehorsam Jesu wettgemacht wird. "Die Idee ist: Es gab den Heilsverlust in Adam, es gibt den Heilsgewinn in Christus. Und dann gibt es die Heilszueignung durch die Sakramente", erklärt Dahlke. Deswegen feiern Lutheraner am Karfreitag auch Abendmahl.

Die Confessio Augustana (1530), ein Grunddokument der lutherischen Lehre, beginne folglich sofort mit der Erbsünde und leite daraus alles ab, erklärt Dahlke. So wurde gerade der Karfreitag gewissermaßen zum evangelischen Proprium – vor allem in der Zeit der Konfessionalisierung (16. bis 18. Jahrhundert), dem Prozess der dogmatischen Verfestigung, kirchlichen Organisation und der gesellschaftlichen Disziplinierung nach der Reformation. Niederschlag dessen ist auch die protestantische Passionsmusik. In der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach etwa, die am Karfreitag 1727 uraufgeführt wurde, gibt es lutherische Dogmatik in Reinform:

"Am Abend, da es kühle war, ward Adams Fallen offenbar; am Abend drükket ihn der Heiland nieder.
Am Abend kam die Taube wieder und trug ein Ölblatt in dem Munde.
O schöne Zeit! O Abendstunde!
Der Friedensschluß ist nun mit Gott gemacht, denn Jesus hat sein Kreuz vollbracht.
Sein Leichnam kömmt zu Ruh, ach! liebe Seele, bitte du, geh, lasse dir den toten Jesum schenken, O heilsames, O köstliches Angedenken."

Im Laufe der Zeit wurde der Karfreitag in protestantischen König- und Fürstentümern zum Feiertag. Auf der katholischen Seite ersetzte Papst Urban VIII. im Zuge der Gegenreformation das damals noch existierende "Leidenstriduum" aus Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag durch das "Auferstehungstriduum" von Ostersonntag bis Osterdienstag. Seitdem ist der Karfreitag in vielen katholischen Ländern kein arbeitsfreier Feiertag mehr, etwa in Italien. Interessante Beobachtung in diesem Zusammenhang: Auf dem ganzen Gebiet der Deutschen Bischofskonferenz ist der Karfreitag kein gebotener Festtag – auch nach der Liturgiereform nicht.

Der auferstandene Jesus zeigt sich seinen Jüngern
Bild: ©picture alliance/prismaarchivo (Symbolbild)

Vom Karfreitag her hat der Glaube an die Aufertehung ihren tiefen Ernst.

Selbstverständlich hat der Karfreitag auch für Katholiken eine zentrale Bedeutung. Er ist aber anders in das Ostergeschehen "eingebettet". Er ist Teil des "Triduum sacrum", der einen großen Feier von Leiden, Sterben und Auferstehung in drei Teilen vom Gründonnerstag bis zur Osternacht. Da am Karfreitag der Tod und die Gottverlassenheit Jesu im Vordergrund stehen sollen, findet in katholischen Gottesdiensten keine Eucharistiefeier statt. Die Eucharistie wird lediglich ausgeteilt. Zudem ist, anderes als im klassischen Luthertum, keine feste Theologie an das Karfreitagsgeschehen gebunden, sagt Dahlke. "Der Katholizismus ist nicht so sehr auf die Erbsündenlehre festgelegt." Für Katholiken ist zwar auch klar, dass es der Versöhnung zwischen Gott und Mensch bedarf, die ans Kreuz gebunden ist; doch "es gibt es viel mehr Spielräume und Deutungsmöglichkeiten".

Die unterschiedlichen Sichtweisen, Frömmigkeitsstile und Praktiken am Karfreitag hielten sich in gemischtkonfessionellen Gegenden in Deutschland noch bis ins 20. Jahrhundert.  Ältere Menschen erinnern sich noch daran, wie auf den Dörfern katholische Bauern am Karfreitag Gülle auf den Feldern verteilten. Evangelische Hausfrauen rächten sich, indem sie zu Fronleichnam draußen die Wäsche aufhängten. Erst mit der gesetzlichen Verankerung des Karfreitags als bundesweiter staatlicher Feiertag in Deutschland entspannte sich die Lage allmählich. Parallel dazu entwickelte sich auch das theologische Verständnis – und rückte in beiden Konfessionen stärker zusammen. Eine große Rolle spielte dabei aber auch, dass das Thema Erbsünde immer weiter aus dem Fokus rückte, weil die Lehre zunehmend angefochten und nicht mehr verstanden wurde.

An Ostern wird es offenbar

Wie ist das nun mit dem Karfreitag als wichtigstem Feiertag für evangelische Christen? Für sie gilt: An Ostern wird offenbar, was am Karfreitag schon passiert ist. Das zeigt der Auferstandene. Der Karfreitag ist in dieser Deutung also nicht der Schlusspunkt, aber nur von ihm her hat der Glaube an die Auferstehung ihren tiefen Ernst.

In diesem Sinne hat sich auch im 20. Jahrhundert die katholische Sicht weiterentwickelt: Das Kreuz wird nicht nur als Zeichen des Leidens verstanden, sondern auch als Verweis auf Hoffnung und Erlösung. Es erinnert an die Leidenden der Gegenwart und mahnt damit an die Verantwortung des Menschen, ungerechte Strukturen wahrzunehmen und auf sie zu reagieren. So spielt das Kreuz in der Befreiungstheologie eine wichtige Rolle. Der Glaube hält daran fest, dass Gott seinen Gesandten nicht im Tod lässt – und dass im Dunkel bereits das Licht von Ostern aufscheint.

Der Karfreitag zeigt exemplarisch, wie religiöse Traditionen über Jahrhunderte hinweg nicht nur Glaubensfragen, sondern auch die Gesellschaft prägen. Was einst ein innerchristlicher Konflikt zwischen katholischer und protestantischer Deutung war, hat sich heute zu einer breiteren Debatte über Religion im öffentlichen Raum entwickelt. Die Kirchen, das ist wohl sicher, werden sich weiter gemeinsam dafür einsetzen, dass der Karfreitag weitestgehend still bleibt.

Von Matthias Altmann