Archäologen vermuten Hinweis auf vergessenes Taufritual

Ein rätselhafter Fund in der antiken Stadt Hippos (Susita) am Ostufer des Sees Genezareth könnte auf ein heute vergessenes Element der christlichen Taufe deuten. Das vermuten laut einem Bericht der Zeitung "Haaretz" vom Mittwoch Archäologen der Universität Haifa. Sie fanden eine Marmorplatte mit drei identischen eingemeißelten Schalen, die auf einen dreistufigen Taufritus deuten könnten, der entweder eine Sondertradition Hippos darstellte oder durch Weiterentwicklung des Ritus in Vergessenheit geraten sei.
Die Platte ist laut Bericht 42 Zentimeter lang, 17 Zentimeter breit und 12 Zentimeter hoch und wiegt knapp 24 Kilogramm. Die drei halbkugelförmigen Vertiefungen fassen ein Volumen von etwa 370 Millilitern. Gefunden wurde die Platte in der Nähe eines Taufbeckens in einer Taufhalle der Kathedrale Hippos'. Es gebe in den archäologischen Aufzeichnungen kein bekanntes vergleichbares Objekt, angesichts des Kontextes gehe man aber von einem liturgischen Gebrauch aus.
Keine schriftlichen Quellen für Taufritus
In der Präsentation ihrer Funde in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift "Palestine Exploration Quarterly" äußerten die Forscher die Vermutung, "dass die Vertiefungen des Steins Öl enthielten, möglicherweise drei verschiedene Ölsorten, was mit einer lokalen Tradition der dreistufigen Salbung während des Taufritus korrelieren könnte". Sie verwiesen auf das dreifache Untertauchen des Täuflings – mit Salbung vor oder nach dem Untertauchen. Es gebe Quellen zur Verwendung verschiedener Öle, jedoch keine eindeutige Angabe, dass drei verschiedene Öle verwendet worden seien.
Hippos' Kathedrale zeichnet sich laut Bericht durch eine Besonderheit aus: Die Kirche verfügt über zwei Taufhallen, sogenannte "Photisterien", wobei die zweite nach Einschätzung der Forscher während Renovierungsarbeiten im späten 6. Jahrhundert nachträglich hinzugefügt wurde. In den anderen Kirchen der Stadt seien keine Taufbecken gefunden worden, was dafür spreche, dass es sich bei der Kathedrale um eine wichtige Taufkirche handelte.
Hippos von Erdbeben zerstört
"Man muss sich vorstellen, wie Menschen von Bauernhöfen und Dörfern in diesem Gebiet ankamen und darum baten, in der prächtigen Kathedrale getauft zu werden – in einer Stadt, die den gesamten Wirkungsort Jesu direkt unter sich überblickte", erklärte der Co-Grabungsleiter Michael Eisenberg von der Universität Haifa der Zeitung. Hippos sei "die einzige eigentliche christliche Stadt rund um den See mit einer dominanten christlichen Gemeinde" gewesen, die Kathedrale eine der bedeutendsten byzantinischen Sakralbauten rund um den See.
Das vor der Zeitenwende gegründete Hippos bestand etwa 1.000 Jahre lang. Insgesamt wurden in der griechisch-römischen Stadt, deren Bewohner im 5. Jahrhundert zum Christentum übertraten, Überreste von mindestens sieben Kirchen aus verschiedenen Zeiten gefunden. Auch nach der muslimischen Eroberung im siebten Jahrhundert blieb die Stadt christlich, bis 749 ein Erdbeben die Stadt zerstörte, die daraufhin endgültig aufgegeben wurde. (KNA)