Feier zwischen alter Tradition und Neuerungen

Liturgiewissenschaftler: Osternacht braucht die Dunkelheit

Veröffentlicht am 04.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Angelika Prauß (KNA) – Lesedauer: 

Münster ‐ 20 Uhr oder doch um 5 Uhr morgens? Über die richtige Zeit der Osternacht wird gestritten. Liturgiker Clemens Leonhard erklärt, warum die Feier eigentlich in die Nacht gehört – und weshalb Ausnahmen sinnvoll sein können.

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Die österliche Auferstehungsfeier ist in der katholischen Kirche ein ganz besonderer Gottesdienst. Doch wann feiert man den eigentlich "richtig", um den besonderen Reiz dieses Gottesdienstes zu erleben? Für den Münsteraner Liturgiewissenschaftler Clemens Leonhard muss es zu Beginn der Feier wirklich dunkel sein. Ein Interview über das perfekte Timing, Hürden für Morgenmuffel und mit einem Schlenker zu Silvester.

Frage: Die Osternachtsfeier findet zwischen dem späten Karsamstag und frühen Ostersonntagmorgen statt – manche feiern sie an Karsamstag schon um 20 Uhr, andere am Ostermorgen um 5 Uhr. Wann ist es denn nun korrekt?

Leonhard: Zunächst zum Verständnis: Die katholische Osternacht ist die Auferstehungsfeier. Sie besteht aus vier Teilen: der Eröffnung mit der Lichtfeier und dem Anzünden der Osterkerze am Osterfeuer, der Vigil – also einem nächtlichen Gottesdienst mit Lesungen, Gebet und Gesängen, der Erinnerung an die eigene Taufe – mitunter auch mit einer oder mehrerer Taufen – und der Messe. Diese Feier kann am Abend begonnen und in der Nacht beendet oder in der Nacht/am frühen Morgen begonnen und mit Sonnenaufgang beendet werden.

Frage: Um die Lichtsymbolik – durch die Auferstehung kommt Licht in jede Dunkelheit des Lebens – so richtig erleben zu können, sollte es doch zumindest bei Beginn der Feier richtig Nacht sein. Bei Feiern am früheren Abend ist es aber oft noch hell, mitunter auch schon morgens um fünf. Wie passt das zusammen?

Leonhard: Jetzt treten Sie aber eine Diskussion los... Ich denke, dass mehrere Begründungen nebeneinander berechtigt sind und dann auch wissenschaftlich nicht gegeneinander ausgespielt werden können. Ein Beispiel: Damit die am Anfang angesetzte Lichtfeier (vor der Kirche ein Feuer entzünden – Segnung des neuen Feuers und der Osterkerze – Einzug – Entzündung der Kerzen der Feiernden – Gesang des Exsultet) nicht nur als wirkungsvoll und schön, sondern auch als sinnvoll (Lichtanzünden hat Sinn, wenn es echt dunkel ist) erfahren werden kann, muss die Feier nach der Abenddämmerung – also wenn es wirklich finster ist – beginnen. Während oder gar vor der Abenddämmerung zu beginnen, ist daher gegen den Grundcharakter der Osternacht!

Frage: Für manche Menschen ist das aber eine sehr unchristliche Zeit....

Leonhard: Damit alte Menschen und Kinder mitfeiern können, muss die Feier am späten Nachmittag/frühen Abend beginnen und kurz sein. Und es kann auch sein, dass ein Priester, der für zwei Gemeinden zuständig ist, an einem Abend zweimal die Osternacht feiert. Die erste Feier beginnt dann eben doch bei Tageslicht. Für den konkreten Fall kann es besser sein, dass die Feier nicht ausfällt, auch wenn sie nicht zur Tageszeit oder zu kirchlichen Regeln passt.

Ein Priester entzündet ein Osterfeuer
Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht

Das Licht spielt in der Osternacht eine besondere Rolle.

Frage: Wie war es denn in der frühen Kirche?

Leonhard: Eine wichtige Frage. Gegen das, was ich gerade zur Anpassung an die Bedürfnisse mancher Feiernder gesagt habe, könnte man einwenden: Die Osternacht ist in der Antike – als erstes Fest der Christenheit überhaupt – grundsätzlich als Nachtfeier entstanden. Die Osternacht muss daher in der Nacht gefeiert werden. Oder man könnte sagen: Aber, Leute! Macht hier kein Getöse – hat schon jemand erlebt, dass eine Stadt alle Feiern einschließlich der Feuerwerke an Silvester vorverlegt, damit die Kinder und Älteren vor Mitternacht schlafen gehen können? Natürlich muss die Osternacht spät beginnen und lange dauern – und am besten mit den ersten Strahlen der Sonne enden!

Über einen etwas längeren Zeitraum betrachtet ist der Beginn der Osternacht übrigens gar nicht so fest wie es scheint. Bis in die 1950er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde der Gottesdienst der Osternacht in der römisch-katholischen Kirche am Karsamstagmorgen gefeiert. Pius XII. hat dann angeordnet, dass sie in der Nacht zum Sonntag gefeiert werden sollte. Die heutige Form der Osternachtfeier am späten Karsamstag gibt es also noch kein Jahrhundert. Abgesehen von ihren Ursprüngen in der Antike wurde die Osternacht bisher mindestens genauso lange nicht in der Nacht gefeiert wie andersherum.

Frage: Welche Feier bevorzugen Sie persönlich?

Leonhard: Ich bin alles andere als ein Morgenmensch. Die Erinnerungen an die Osternächte, die ich bisher sonntagmorgens um 5 Uhr mitgefeiert habe – im Wissen, dass es stimmig war und dem Gefühl, dass die feiernde Gemeinde aus lauter Leuten bestand, die ich echt gerne getroffen habe – stehen dem mächtigen Gefühl gegenüber, dass es in einem unangenehmen Sinn anstrengend war. Letztes Jahr war ich in einer Osternachtfeier, die einerseits kurz war und lange vor jedem Schatten einer Abenddämmerung begonnen hat. Da waren aber eine Menge Leute versammelt, mit denen ich das Fest gerne gefeiert habe. Es war schon schön, beim Hereinkommen die Gesichter zu sehen. In Münster hätte es auch noch andere Gemeinden gegeben, wo ich die Leute kenne und schätze. Und ja, für diese Teilgemeinde wäre ich auch um 4 aufgestanden.

„Die Feier der Osternacht ist für mich wie ein altes Mosaik, das die Kirche bewahrt hat.“

—  Zitat: Clemens Leonhard

Frage: Wie würden Sie einem kirchenfernen Menschen das Besondere an der Auferstehungsfeier erklären?

Leonhard: Das kommt auf den Kontext an. Man kann etwa erzählen, dass die geschichtlich gewordene Gestalt der Osternacht die Feiernden mit drängenden und nicht durch einfache Antworten lösbaren Fragen zum Denken herausfordert, die sich Menschen schon seit vielen Jahrhunderten stellen: Welche Beziehung hat das Christentum zum Judentum und zum Alten Testament? Haben wir irgendetwas zum Bösen in der Welt und zum Tod zu sagen? Vielleicht sogar etwas Erfreuliches, Optimistisches? Die Feier der Osternacht ist für mich wie ein altes Mosaik, das die Kirche bewahrt hat. Darin haben Generationen von Christinnen und Christen Steine zu Bildern, Texten, Gefühlen und Handlungen verbaut, von denen viele andeuten sollen, was es mit Ursprung, Grund und Hoffnung der Christinnen und Christen auf sich hat. Die Menschen, die die Osternacht mitfeiern, sind Teil dieses sehr alten und sehr großen, vielfältigen Projekts der katholischen Kirche, das immer neue Überraschungen bereit hält.

Frage: Was macht die Faszination dieser nächtlichen Feier aus, warum sollte man sie besuchen?

Leonhard: Selbst bei einer mich beeindruckenden Osternachtfeier kann ich nicht versprechen, dass sie meinen Gast faszinieren wird. Sicher kann man Menschen mit Licht- und Toneffekten beeindrucken. Über einzelne Feiern der Osternacht wurde übrigens schon im 2. und 4. Jahrhunderts wegen ihres großen Potenzials als Lichtshow gesprochen. Deshalb ist es schade, wenn man die Symbolik des Lichts nicht nutzt. Auch manche Texte hört man nur einmal im Jahr.

Die Faszination der Feier hat etwas mit deren sorgfältiger Gestaltung, vielleicht mit dem Aufraffen zu einem sehr frühen Aufstehen, sicher mit einer Zeit der Gewöhnung und Beschäftigung damit zu tun. Als Newcomer kann man ahnen, dass das von einem geschulten Kantor vorgetragene Exsultet ein irgendwie besonderer Text ist. Die dunkle Kirche mit den vielen kleinen Kerzen und die erwartungsvoll stehenden Menschen sind hoffentlich auch für eine Person, die zum ersten Mal dabei ist, nicht einfach banal. Irgendwann – nicht beim ersten Mal – fühlt man dann unmittelbar, dass jetzt Ostern ist.

Von Angelika Prauß (KNA)