Nachsynodales Schreiben vor zehn Jahren veröffentlicht

Sautermeister zu "Amoris laetitia": Potenzial noch nicht ausgeschöpft

Veröffentlicht am 08.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Matthias Altmann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Ein Text und seine berühmte Fußnote: Mit "Amoris laetitia" brachte Papst Franziskus Bewegung in die Ehepastoral. Theologe Jochen Sautermeister sieht einen Perspektivwechsel, aber weiteren Handlungsbedarf. Ein Interview.

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Am 8. April 2016 wurde das Nachsynodale Schreiben "Amoris laetitia" (AL) von Papst Franziskus (2013–2025) veröffentlicht. Entstanden ist es im Anschluss an die beiden Bischofssynoden zu Ehe und Familie in den Jahren 2014 und 2015. Der Papst aus Lateinamerika setzte damit neue Akzente in der kirchlichen Ehe- und Familienpastoral – und löste eine kontroverse Debatte aus, gerade mit der berühmten Fußnote. Zehn Jahre später spricht der Bonner Moraltheologe Jochen Sautermeister im katholisch.de-Interview über die entscheidenden Impulse des Textes, die Schwächen – und erklärt, warum der eingeschlagene Weg weitergeführt werden muss.

Frage: Herr Sautermeister, Kardinal Schönborn hat kürzlich von einem "Durchbruch" gesprochen, den "Amoris laetitia" für die Kirche bedeutet habe. Wie schätzen Sie das ein?

Sautermeister: Ich teile diese Einschätzung. Mit "Amoris laetitia" ist eine neue Perspektive in die Ehe- und Familienpastoral der Kirche gekommen – und zwar gerade im Vergleich zu den Pontifikaten Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. Es wurden Türen geöffnet, sowohl im pastoralen Zugang als auch im theologischen Denken. Ausdrücklich wird die Vielfalt familiärer Situationen anerkannt, "die einen gewissen Halt bieten können" (AL 52). Gleichzeitig würde ich sagen: Das Potenzial von "Amoris laetitia" ist bis heute noch nicht ausgeschöpft.

Frage: Was meinen Sie konkret damit?

Sautermeister: "Amoris laetitia" ist in der ersten Phase des Pontifikats von Papst Franziskus entstanden. Das Dokument ist im Lichte seines ersten Apostolischen Schreibens, seiner Programmschrift "Evangelii gaudium" (EG) aus dem Jahr 2013 zu lesen. Er möchte zu einem "bestimmten Stil der Evangelisierung" (EG 18) einladen, wie er selbst schreibt. Im Sinne einer "heilsamen Dezentralisierung" (EG 16) sollen nicht alle Fragen zentral vom päpstlichen Lehramt, sondern stärker vor Ort, in den jeweiligen Regionen und Kontexten beantwortet und entschieden werden. Von Beginn seines Pontifikats an zielt Franziskus auf eine synodale Kirche, in der die Ortskirchen eine größere Bedeutung bekommen. Viele der Debatten, die heute in der Kirche offen ausgetragen werden, sind überhaupt erst durch den neuen Stil von Franziskus möglich geworden.

Frage: Was ist für Sie persönlich der zentrale Punkt von "Amoris laetitia"?

Sautermeister: Der für mich entscheidende Punkt ist ein Perspektivwechsel: Nicht Bewerten und Verurteilen, sondern Wahrnehmen der Menschen in ihren konkreten Lebenssituationen steht im Vordergrund. Im Dreiklang "Begleiten – Unterscheiden – Einbeziehen" geht es um die Frage: Wie kann im Leben eines Menschen – auch unter schwierigsten Bedingungen – das je mögliche Gute wachsen? Wie kann das Evangelium, die frohe Botschaft von Gottes Liebe, wirksam erfahrbar werden im pastoralen Handeln? Wie können alle Menschen hineingenommen werden – und wie kann es gelingen, dass niemand durch das Handeln der Kirche ausgeschlossen wird? Es ist gleichsam diese pädagogische Perspektive des Glaubens und die soziale Dimension der Evangelisierung, die in "Amoris laetitia" stark gemacht wird.

Portraitfoto von Jochen Sautermeister
Bild: ©Julia Steinbrecht/KNA (Montage katholisch.de)

Jochen Sautermeister ist seit 2016 Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Direktor des Moraltheologischen Seminars an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Frage: Die Rezeption des Dokuments fällt weltweit sehr unterschiedlich aus. Besonders intensiv wurde die berühmte Fußnote in Kapitel 8 diskutiert, die die Tür für die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten im Einzelfall öffnet. Wie bewerten Sie die Kritik daran, die von manchen Kreisen sehr deutlich formuliert wurde?

Sautermeister: In dieser Fußnote 351 verweist Franziskus explizit auf "Evangelii gaudium", wo betont wird: Die Kirche soll ein offenes Haus für alle sein. Das Sakrament der Eucharistie erklärt Franziskus dort ausdrücklich als "Nahrung für die Schwachen" und "großzügiges Heilmittel", nicht als "Belohnung für die Vollkommenen" (EG 47). Es geht darum, auf das Wachstum im Guten zu schauen und nicht den Abstand vom Ideal zu bemessen. Wer die Öffnung in dieser Fußnote kritisiert, hat diesen grundlegenden Perspektivwechsel nicht vollzogen. Deutlich kritisiert Franziskus "Kontrolleure der Gnade" (EG 47). Auch diese Passage ist im Lichte seines Programms zu verstehen.

Frage: War es aus heutiger Sicht sinnvoll, dieses Thema in einer Fußnote zu behandeln?

Sautermeister: Dass es überhaupt thematisiert wurde, war entscheidend – und zugleich das Minimum dessen, was notwendig war, um auf eine drängende pastorale Frage einzugehen, die in früheren Pontifikaten abschlägig beschieden wurde. Aus heutiger Sicht könnte man sagen: Eine deutlichere Behandlung wäre hilfreich gewesen, aber angesichts der gesamtkirchlichen Lage wäre dies vielleicht auch zu weit gegangen. Franziskus, erst drei Jahre im Amt, wollte tiefere Gräben in der Weltkirche vermeiden und zugleich seinen pastoralen Ansatz voranbringen.

Frage: Wenn wir auf den gesamten Text schauen: Wo sehen Sie die Grenzen oder Schwächen?

Sautermeister: "Amoris laetitia" nimmt viele Aspekte und Ergebnisse der beiden Familiensynoden auf und zitiert aus verschiedenen kirchlichen und anderen Dokumenten. Dabei bleibt der Text jedoch – unvermeidlich! – in gewisser Weise kulturell verhaftet und kann die drängenden Fragen und Problemkreise in der Weltkirche nicht vollständig abbilden. Um massive Konflikte zu vermeiden, werden sehr strittige Themen ausgespart und theologisch-kulturelle Differenzen bei konkreten Themen eher umgangen. Das Thema Homosexualität etwa kommt kaum vor, noch weniger Polygamie. "Amoris laetitia" will den pastoralen Stil der Evangelisierung für Ehe und Familie grundsätzlich entfalten, aber weder die Lehre noch das Kirchenrecht ändern. Insofern ist das Schreiben ein Text, der einen Prozess fördern möchte, aber nicht alles einholt.

Frage: Wie beurteilen Sie die Spannung zwischen geltender kirchlicher Lehre und pastoraler Flexibilität, die in "Amoris laetitia" immer wieder sichtbar wird?

Sautermeister: Es wird auf Dauer schwierig sein, bestimmte Positionen aufrechtzuerhalten, wenn die theologische, ethische und pastorale Erkenntnis voranschreitet. In der Kirche gab und gibt es immer wieder Lernprozesse, etwa beim Thema Religionsfreiheit. Vergleichbare Entwicklungen lassen sich auch im Bereich von Ehe, Familie und Sexualität beobachten. Eine Weiterentwicklung ist also möglich und unter Umständen sogar geboten – etwa im Blick auf die Anerkennung von Erkenntnissen aus den Human- und Sozialwissenschaften und weitere Einsichten. Auch ist klar zu unterscheiden zwischen grundlegenden Prinzipien und konkreten Normen, die sich verändern können und mitunter auch verändern müssen. Dabei ist mir wichtig zu betonen: Ein pastoraler Ansatz will den Menschen in ihren Lebenssituationen gerecht werden – mit Relativismus und Beliebigkeit hat das nichts zu tun! Langfristig birgt eine grundlegende Spannung zwischen Pastoral und Lehre aber die Gefahr von Orientierungsunsicherheit und Unglaubwürdigkeit, vor allem dann, wenn wiederholt betont wird, eine bestimmte pastorale Praxis werde letztlich nur toleriert. Dann kommt der von Franziskus angestoßene Paradigmenwechsel nicht wirklich zur Geltung.

„Im weiteren Verlauf seines Pontifikats hat sich Franziskus anderen Schwerpunkten gewidmet, sodass sich nach zehn Jahren die Frage stellt: Wie ist 'Amoris laetitia' wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken?“

—  Zitat: Jochen Sautermeister.

Frage: Das heißt, der Fokus auf Pastoral und Barmherzigkeit reicht nicht aus – es muss zu klaren Entscheidungen kommen?

Sautermeister: Auf jeden Fall dann, wenn die Spannung der tatkräftigen Verkündigung des Evangeliums und der Liebe Gottes effektiv im Weg steht. Franziskus redet von einem permanenten Prozess, den die Kirche zu gehen hat. Wenn er eine "kalte Schreibtischmoral", Selbstgerechtigkeit und Starrheit in der Kirche kritisiert und dazu mahnt, nicht über andere zu urteilen, sondern die eigene Erlösungsbedürftigkeit und Schuldhaftigkeit vor Gott anzuerkennen, dann wird davon auch manche lehramtliche Aussage und kirchenrechtliche Norm nicht unberührt bleiben. Auf dem Weg der Selbstevangelisierung und Selbstkritik wird die Kirche nicht stehen bleiben können.

Frage: Sie sprechen trotz allem von Türen, die "Amoris laetitia" geöffnet hat. Wurden damit auch spätere Dokumente wie "Fiducia supplicans" vorbereitet?

Sautermeister: Davon bin ich überzeugt. Ohne die Perspektiven, die "Amoris laetitia" eröffnet hat, wäre ein Dokument wie "Fiducia supplicans", das die Möglichkeit der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare zugesteht, kaum denkbar gewesen. Im weiteren Verlauf seines Pontifikats hat sich Franziskus anderen Schwerpunkten gewidmet, sodass sich nach zehn Jahren die Frage stellt: Wie ist "Amoris laetitia" wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken? Und was bedeutet das Dokument für unsere synodale Kirche heute?

Frage: Was wäre dabei wichtig?

Sautermeister: Zunächst sollte stärker danach gefragt werden, was "Amoris laetitia" konkret in den verschiedenen Regionen der Welt bedeutet und welche Konsequenzen zu ziehen sind – insbesondere auf der Ebene der Bischofskonferenzen und Ortskirchen. Bei uns wären es viele Themen, nicht nur gleichgeschlechtliche Partnerschaften oder der Umgang mit der Vielfalt sexueller Identitäten, sondern auch: Welchen Einfluss haben die sozialen Medien auf Familie und Partnerschaft? Wie lassen sich Kinder und Jugendliche in prekären Lebenssituationen schützen? Wie geht die Kirchen mit den vielfältigen Wegen und Weisen des Scheiterns von Beziehungen und Ehen um? Das und weitere Fragen müssten pastoral und theologisch im Dialog mit den betreffenden Menschen und den Wissenschaften noch tiefer durchdrungen werden.

Frage: Was erwarten Sie von dem geplanten Treffen der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zu "Amoris laetitia" im Herbst, zu dem Papst Leo XIV. eingeladen hat?

Sautermeister: Ich kenne die Zielsetzung dieses Treffens nicht. Man könnte fragen, warum nicht auch andere Gruppen beteiligt sind. Sollte es aber bei dem Treffen der Bischöfe darum gehen, die Spannungen innerhalb der Weltkirche zu thematisieren, kann eine Zusammenkunft auf Leitungsebene sinnvoll sein, weil dann wohl offener miteinander gesprochen wird. Ich hoffe, dass das Treffen dazu dient, ein besseres Verständnis für die Lebenswirklichkeit der Menschen zu entwickeln und dieses für die Pastoral fruchtbar zu machen. Entscheidend wäre, dass dabei nicht wieder Türen geschlossen, sondern weitere geöffnet werden.

Von Matthias Altmann